Gerade das macht die Frage noch spannender, denn Homer lässt Odysseus nach der Entscheidung gegen Kalypso keineswegs in einem einfachen Happy End ankommen. Ithaka bestätigt seine Entscheidung nicht unmittelbar nach dem Muster: „Du hast auf dein Herz gehört, deshalb bekommst du jetzt deine Belohnung.“ Im Gegenteil: Seine Rückkehr ist zunächst die nächste Prüfung.
Als Odysseus Ithaka schließlich erreicht, erkennt er seine Heimat zunächst selbst nicht. Athene hat die Landschaft mit Nebel verhüllt und verwandelt ihn anschließend in einen alten Bettler. Das ist symbolisch bemerkenswert: Der Mann hat zwanzig Jahre lang auf diesen Ort hingearbeitet, zehn Jahre Krieg und zehn Jahre Heimreise hinter sich, sieben Jahre bei Kalypso verbracht und auf die Unsterblichkeit verzichtet – und als er endlich dort steht, sieht das ersehnte Ziel zunächst überhaupt nicht wie das ersehnte Ziel aus. Er kommt also nicht als triumphierender König in seinen Palast zurück. Er kommt unerkannt, äußerlich entstellt und ohne unmittelbare Gewissheit darüber, was ihm von seinem früheren Leben überhaupt geblieben ist.
Dann stellt er fest, dass sein Haus von den Freiern Penelopes besetzt ist. Sie verzehren seinen Besitz, beanspruchen seine Frau und bedrohen letztlich auch die Ordnung seines Hauses und seines Reiches. Odysseus kann also nicht einfach zurückkehren und dort weitermachen, wo er zwanzig Jahre zuvor aufgehört hat. Das alte Ithaka existiert in dieser Form nicht mehr. Auch sein Sohn Telemachos ist inzwischen ein erwachsener Mann. Penelope hat zwanzig Jahre ohne ihn gelebt. Sein Vater ist alt geworden. Seine Mutter ist sogar während seiner Abwesenheit gestorben. Odysseus kehrt an denselben Ort zurück, aber nicht in dieselbe Welt.
Das ist für die Kalypso-Frage ungeheuer interessant. Denn damit könnte man zunächst sogar argumentieren, dass seine Entscheidung gegen Kalypso verrückt gewesen sei. Er verlässt eine Göttin, die ihn liebt, verzichtet auf ewige Jugend und Unsterblichkeit, überlebt erneut das Meer und kommt schließlich in einer Heimat an, in der sein Haus von anderen Männern besetzt ist und in der er sich zunächst als Bettler verkleiden muss. Wenn wir nur danach fragen würden, welche Alternative ihm den größeren unmittelbaren persönlichen Nutzen bietet, dürfte Kalypso weiterhin ziemlich eindeutig gewinnen.
Aber dann geschieht etwas Entscheidendes. Odysseus beginnt, sich sein Leben wieder anzueignen. Gemeinsam mit Telemachos plant er die Auseinandersetzung mit den Freiern. Penelope veranstaltet schließlich den berühmten Wettkampf mit dem Bogen des Odysseus: Wer seinen Bogen spannen und den Pfeil durch die Ösen der Äxte schießen kann, soll sie heiraten. Keiner der Freier vermag überhaupt den Bogen richtig zu spannen. Der vermeintliche Bettler nimmt ihn schließlich in die Hand, spannt ihn und trifft. Danach offenbart sich Odysseus und tötet gemeinsam mit Telemachos und seinen Verbündeten die Freier.
Auch Penelope fällt ihm anschließend keineswegs einfach um den Hals. Sie prüft ihn. Sie lässt scheinbar anordnen, das gemeinsame Ehebett aus dem Schlafzimmer zu tragen. Odysseus reagiert darauf, weil er weiß, dass dieses Bett überhaupt nicht einfach bewegt werden kann: Er selbst hat es um einen lebenden Olivenbaum herum gebaut, der Bestandteil des Hauses geworden ist. An diesem Wissen erkennt Penelope schließlich, dass dieser Mann tatsächlich Odysseus ist.
Und jetzt wird es symbolisch ausgesprochen schön. Denn dieses Bett ist gewissermaßen das genaue Gegenteil von Kalypso. Kalypso bietet ihm ein zeitloses Paradies, das er nicht selbst geschaffen hat. Das Bett auf Ithaka dagegen ist buchstäblich mit einem lebenden Baum verwachsen und wurde von Odysseus selbst gebaut. Es ist verwurzelt. Es gehört zu seiner gemeinsamen Geschichte mit Penelope. Es ist nicht perfekt, weil es ewige Jugend verspricht, sondern wertvoll, weil es sein Leben verkörpert.
Damit verändert sich die Kalypso-Frage erheblich. Vielleicht entscheidet sich Odysseus nämlich gar nicht zwischen dem „besseren“ und dem „schlechteren“ Leben. Er entscheidet sich zwischen einem angebotenen Leben und einem eigenen Leben. Kalypso sagt im Grunde: Hier ist ein vollkommenes Leben. Du musst es nur annehmen. Ithaka sagt: Hier ist dein Leben. Aber du musst es wieder selbst herstellen. Und plötzlich erscheint seine Entscheidung gegen Kalypso weniger irrational. Denn vielleicht besteht Erfüllung tatsächlich nicht darin, den objektiv angenehmsten Zustand zu erreichen. Vielleicht besteht sie darin, Urheber des eigenen Lebens zu sein.
Aber auch damit sollte die Gegenposition nicht vollständig aufgegeben werden. Denn wir wissen natürlich nicht, wie ein Leben mit Kalypso ausgesehen hätte, wenn Odysseus sich wirklich bewusst dafür entschieden hätte. Vielleicht hätte er dieses neue Leben irgendwann ebenfalls als sein eigenes angenommen. Die Geschichte lässt diese Möglichkeit nicht durchspielen, weil Odysseus sie verwirft. Wir können deshalb nicht beweisen, dass Ithaka objektiv die richtige Entscheidung war.
Homer gibt uns aber am Ende einen wichtigen Hinweis darauf, was Odysseus offenbar gesucht hat: nicht maximale Sicherheit, sondern Wiederherstellung von Zugehörigkeit, Identität und Ordnung. Er findet seinen Sohn wieder. Er findet Penelope wieder. Er gewinnt sein Haus zurück. Er begegnet seinem Vater Laertes wieder. Und schließlich greift Athene ein, um die drohende weitere Blutrache zwischen Odysseus und den Angehörigen der getöteten Freier zu beenden und Frieden herzustellen. Die Odyssee endet also nicht mit dem Erwerb eines größeren Schatzes, sondern mit der Wiederherstellung einer Welt, zu der Odysseus gehört.
Und jetzt lässt sich aus Kalypso und Ithaka gemeinsam eine wesentlich größere philosophische Frage entwickeln als die ursprüngliche These. Die Frage wäre dann nicht mehr: Soll ich bleiben oder soll ich weitergehen? Sie wäre: Woran erkenne ich, welches Leben wirklich meines ist? Ist es das Leben, das mir die besten Bedingungen bietet? Ist es das Leben, für das ich mich irgendwann einmal entschieden habe? Ist es das Leben, das meiner gegenwärtigen Entwicklung entspricht? Oder ist es das Leben, in dem ich bereit bin, Verantwortung zu übernehmen, etwas zu erschaffen und mich mit meiner eigenen Geschichte zu verbinden?
Vielleicht war Odysseus tatsächlich nicht zu starr, um das Paradies bei Kalypso zu erkennen. Vielleicht hat er sehr wohl erkannt, wie außergewöhnlich ihr Angebot war – und ist trotzdem gegangen, weil ein Paradies, das nicht das eigene ist, für ihn weniger wert war als eine unvollkommene Welt, die er als seine eigene erkennt. Das Bett aus dem Olivenbaum wäre dann beinahe das Schlussbild dieser gesamten Gedankenreise: Nicht die Unsterblichkeit entscheidet darüber, was wertvoll ist. Nicht Perfektion. Nicht maximaler Komfort. Sondern Verwurzelung, eigene Schöpfung, gemeinsame Geschichte und die bewusste Entscheidung: Hier gehöre ich hin, weil dies das Leben ist, das ich selbst gewählt und miterschaffen habe.
Und daraus ergibt sich noch eine weitere Wendung: Vielleicht müssen wir uns nicht nur fragen „Wo ist meine Kalypso?“ und „Wo ist mein Ithaka?“, sondern noch eine dritte Frage hinzufügen: „Was davon habe ich eigentlich selbst erschaffen?“ Denn möglicherweise liegt genau dort der Unterschied zwischen einem Leben, das uns angeboten wird, und einem Leben, das wirklich unseres geworden ist.