Genau damit wird die Kalypso-Episode noch interessanter, weil man sie dann nicht mehr auf die einfache Botschaft „Komfort hält dich von deinem wahren Weg ab“ reduzieren kann. Man kann sie mindestens in zwei vollkommen entgegengesetzte Richtungen lesen – und möglicherweise liegt ihre eigentliche Größe gerade darin, dass beide gleichzeitig wahr sein können.
Die erste Lesart ist die, die sich zunächst aufdrängt: Odysseus kennt sein Ithaka. Er weiß, wohin er gehört, und lässt sich selbst durch das größtmögliche Angebot – Schönheit, Sicherheit, ewige Jugend und Unsterblichkeit – nicht dauerhaft davon abbringen. Dann wäre Kalypso tatsächlich die ultimative Prüfung seiner Zieltreue. Nicht mehr die Frage: „Kannst du ein Monster besiegen?“, sondern: „Bleibst du deinem Weg treu, wenn dir jemand einen außerordentlich attraktiven Grund gibt, ihn aufzugeben?“ In dieser Lesart ist Odysseus' Beharren auf Ithaka Ausdruck einer geradezu radikalen inneren Klarheit.
Aber man kann die Geschichte tatsächlich umdrehen. Dann könnte man fragen: Was, wenn Odysseus längst angekommen ist und es nur nicht erkennt? Er hat nach jahrelangem Krieg und entsetzlichen Verlusten einen Ort erreicht, an dem er geliebt wird, an dem er sicher ist und an dem ihm sogar die Grenzen des menschlichen Daseins genommen werden könnten. Und trotzdem hängt sein Bewusstsein weiterhin an einem Ziel, das er sich unter vollkommen anderen Lebensbedingungen gesetzt hat. Dann wäre seine Fixierung auf Ithaka möglicherweise gar nicht Ausdruck besonderer Klarheit, sondern Ausdruck seiner Unfähigkeit, ein altes Selbstbild loszulassen. Er wäre dann so sehr der Mann, „der nach Ithaka zurückkehren muss“, dass er gar nicht mehr prüfen kann, ob Ithaka noch immer das beste Ziel für den Menschen ist, zu dem er inzwischen geworden ist.
Und damit sind wir plötzlich bei einer viel größeren Frage, die sich nicht nur auf Odysseus bezieht: Wann ist Beharrlichkeit eine Tugend und wann wird sie zur Gefangenschaft? Wir feiern Menschen dafür, dass sie ihre Ziele niemals aus den Augen verlieren. Aber selbstverständlich kann genau dieselbe Eigenschaft irgendwann dazu führen, dass jemand an einem Ziel festhält, obwohl sich die Welt, seine Möglichkeiten und möglicherweise sogar er selbst längst verändert haben. Das ursprüngliche Ziel kann einmal vollkommen richtig gewesen sein und trotzdem irgendwann falsch werden. Wer dann sagt: „Ich habe mir das vorgenommen und deshalb werde ich es durchziehen“, erscheint von außen konsequent. Vielleicht ist er aber lediglich nicht mehr in der Lage, seine eigene Entscheidung neu zu betrachten.
Das Interessante ist, dass auch die Gegenposition genauso problematisch werden kann. Wer jedes Mal sein Ziel verändert, sobald sich eine angenehmere Alternative zeigt, wird möglicherweise niemals irgendwo ankommen, weil jedes Hindernis und jede Verlockung einen neuen Grund liefern, die Richtung zu wechseln. Dann wird aus Flexibilität Beliebigkeit. Genau deshalb lässt sich die Frage nicht mit „Halte immer an deinem Ziel fest“ oder „Nimm immer die bessere Gelegenheit wahr“ beantworten. Beides kann Weisheit sein, und beides kann Selbsttäuschung sein.
Vielleicht ist deshalb Kalypso gar nicht das Monster. Vielleicht ist sie die Verkörperung einer Entscheidung, für die es keine objektiv richtige Antwort gibt. Sie zwingt Odysseus – und damit auch uns als Leser – zu der Frage, woran wir überhaupt erkennen können, dass ein Weg noch unser Weg ist. Ist Ithaka wirklich sein innerer Ruf? Oder ist Ithaka nur die Geschichte, die Odysseus seit Jahren über sich selbst erzählt? Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Und hier kommt noch etwas Entscheidendes hinzu: Das Angebot Kalypsos ist nach normalen menschlichen Maßstäben geradezu absurd überlegen. Odysseus entscheidet sich nicht zwischen zwei ungefähr gleichwertigen Lebensmöglichkeiten. Er entscheidet sich für Alter, Sterblichkeit, Unsicherheit und eine ebenfalls alternde Penelope, obwohl ihm eine unsterbliche Göttin ewige Jugend anbietet. Wenn man die Geschichte rein rational als Optimierungsproblem betrachtet, könnte man durchaus fragen, ob dieser Mann noch alle Tassen im Schrank hat. Aber Homer scheint gerade dadurch etwas über den Menschen zu erzählen: Ein erfülltes menschliches Leben lässt sich offenbar nicht ausschließlich durch die Maximierung angenehmer Zustände definieren. Zugehörigkeit, Identität, Geschichte, Verantwortung und selbst die eigene Sterblichkeit können für einen Menschen einen Wert besitzen, der sich nicht gegen Komfort aufrechnen lässt.
Aber selbst damit ist die Gegenposition nicht erledigt. Denn möglicherweise hätte Odysseus auch sagen können: Mein bisheriges Leben hat mich bis hierher gebracht. Ithaka war mein Ziel, solange ich unterwegs war. Nun hat sich etwas ereignet, das ich niemals vorhersehen konnte. Also darf ich mein Ziel verändern. Dann wäre Kalypso nicht die Versuchung, sondern eine neue Möglichkeit des Lebens, und seine Aufgabe bestünde gerade darin, das Alte loszulassen.
Vielleicht ist Odysseus also selbst das Problem. Vielleicht sitzt ein Mann sieben Jahre im Paradies und ist unfähig, es zu erkennen, weil er sich irgendwann vorgenommen hat, unbedingt nach Ithaka zu gelangen. Dann entsteht daraus eine viel tiefere Erkenntnis: Es genügt nicht, sein Ithaka zu kennen. Man muss gelegentlich auch den Mut besitzen, Ithaka selbst infrage zu stellen. Nicht bei jeder Schwierigkeit und nicht bei jeder Verlockung, sondern immer wieder bewusst: Ist dieses Ziel noch meines? Würde ich es mit allem, was ich heute weiß und mit allem, was ich inzwischen geworden bin, heute noch einmal wählen? Wenn die Antwort Ja lautet, dann kann Kalypso kommen und einem die Unsterblichkeit anbieten – und man fährt weiter. Wenn die Antwort Nein lautet, dann kann möglicherweise gerade das krampfhafte Weiterfahren der Fehler sein.
Damit wäre die eigentliche Botschaft nicht „Bleib deinem Ziel treu“ und auch nicht „Erkenne das Paradies, wenn du es gefunden hast“. Sie wäre anspruchsvoller: Besitze die Klarheit, zwischen Treue und Starrsinn, zwischen Ankommen und Stehenbleiben, zwischen einer neuen Möglichkeit und einer bloßen Verlockung unterscheiden zu können. Vielleicht lässt Homer genau deshalb diese Spannung so gut funktionieren. Er gibt uns keinen einfachen Lebensratgeber. Er stellt einen Menschen zwischen zwei vollkommen verschiedene Vorstellungen eines gelungenen Lebens und lässt uns bis heute darüber nachdenken, welche davon eigentlich die richtige ist.