Es gibt Geschichten, die mehrere tausend Jahre alt sind und trotzdem etwas über unser heutiges Leben erzählen, das erstaunlich präzise ist. Die Odyssee von Homer ist eine solche Geschichte. Oberflächlich betrachtet erzählt sie von einem Mann, der nach dem Trojanischen Krieg versucht, nach Hause zurückzukehren, und dafür eine beinahe endlose Reihe von Abenteuern, Gefahren und Katastrophen überstehen muss. Odysseus begegnet Riesen und Ungeheuern, verliert seine Gefährten, gerät in Stürme, wird von Göttern verfolgt und muss immer wieder Situationen überleben, in denen seine Reise eigentlich hätte enden können. Man kann die Odyssee deshalb natürlich als große Abenteuergeschichte lesen. Man kann sie aber ebenso als eine Geschichte über das menschliche Leben verstehen, über Entwicklung, über den eigenen Weg und darüber, was uns auf diesem Weg voranbringt oder von ihm abbringt. Und wenn wir sie auf diese Weise betrachten, gibt es darin eine Episode, die besonders faszinierend ist, weil sie unsere gewöhnliche Vorstellung davon, was ein Hindernis eigentlich ist, vollkommen auf den Kopf stellt.
Odysseus begegnet auf seiner Reise einer ganzen Reihe von Monstern und Gefahren. Da ist der Kyklop Polyphem, der ihn und seine Männer in seiner Höhle gefangen hält und einige seiner Gefährten verschlingt. Da sind die menschenfressenden Laistrygonen, die fast seine gesamte Flotte vernichten. Da sind Skylla und Charybdis, zwischen denen Odysseus hindurchsegeln muss, obwohl er weiß, dass es keinen vollkommen sicheren Weg gibt. Und da sind die Sirenen, deren Gesang so verführerisch ist, dass jeder Seefahrer, der ihnen folgt, seinen Weg verliert und schließlich zugrunde geht. All diese Gestalten erscheinen uns unmittelbar als das, was sie sind: Gefahren. Niemand würde auf die Idee kommen, Polyphem für eine angenehme Zwischenstation zu halten oder Charybdis mit einem sicheren Hafen zu verwechseln. Das Monster zeigt sich als Monster, und genau dadurch weiß Odysseus, was zu tun ist. Er muss handeln, er muss nachdenken, er muss Entscheidungen treffen, manchmal kämpfen, manchmal fliehen und manchmal einen hohen Preis bezahlen. Aber er bleibt in Bewegung.
Und dann kommt Kalypso. Gerade sie wird nicht als Monster präsentiert, und doch könnte man sie in einer symbolischen Betrachtung vielleicht als die gefährlichste Gestalt seiner gesamten Reise verstehen. Kalypso ist eine wunderschöne Göttin, die auf der paradiesischen Insel Ogygia lebt. Sie bietet Odysseus genau das Gegenteil dessen, was ihm die anderen Stationen seiner Reise geboten haben. Keine unmittelbare Bedrohung, keinen Kampf ums Überleben und kein Ungeheuer, das er besiegen müsste. Bei ihr findet er Schönheit, Geborgenheit, Ruhe und Sicherheit. Sie liebt ihn, sie möchte ihn bei sich behalten, und sie bietet ihm sogar etwas an, das weit über all das hinausgeht: Wenn er bleibt, kann er Unsterblichkeit und ewige Jugend erhalten. Nach allem, was dieser Mann erlebt hat, könnte man meinen, dass seine Reise damit das bestmögliche Ende gefunden hätte. Er müsste nie wieder kämpfen, nie wieder über gefährliche Meere fahren, nie wieder Angst haben, nie wieder altern und schließlich nicht einmal sterben. Wenn man das Leben ausschließlich danach beurteilen würde, wie angenehm, sicher und komfortabel es ist, müsste Odysseus eigentlich angekommen sein.
Aber er ist nicht angekommen. Und genau das ist der entscheidende Punkt. Odysseus sitzt am Meer, blickt hinaus und sehnt sich nach Ithaka. Er sehnt sich nach seiner Frau Penelope, nach seinem Sohn Telemachos, nach seiner Heimat und letztlich nach seinem eigenen Leben. Dabei ist vollkommen klar, dass Ithaka ihm objektiv betrachtet nicht das bessere Angebot macht. Dort wartet keine Unsterblichkeit auf ihn. Dort wartet keine ewige Jugend. Er weiß nicht einmal, in welchem Zustand er seine Heimat nach all den Jahren vorfinden wird. Er weiß nicht, ob Penelope noch auf ihn wartet, wie sich sein Sohn entwickelt hat oder was aus seinem Reich geworden ist. Er entscheidet sich also nicht zwischen einem schrecklichen Leben bei Kalypso und einem wunderschönen Leben auf Ithaka. Im Gegenteil: Er entscheidet sich zwischen einem paradiesischen, sicheren Leben, das nicht das seine ist, und einem unsicheren, sterblichen Leben, das zu ihm gehört.
Genau darin liegt eine der großen Erkenntnisse dieser Geschichte. Die offensichtlichen Monster halten Odysseus nicht dauerhaft auf, weil sie ihn dazu zwingen, etwas zu tun. Sie bedrohen ihn, und dadurch aktivieren sie seine Fähigkeiten. Er muss seinen Verstand benutzen, seinen Mut finden, Entscheidungen treffen und Wege entdecken, die vorher nicht sichtbar waren. Das Monster sagt gewissermaßen: Du kommst hier nicht weiter. Und Odysseus antwortet darauf, indem er einen Weg sucht, trotzdem weiterzukommen. Kalypso dagegen stellt eine viel grundsätzlichere Frage. Sie sagt nicht: Du kommst hier nicht weiter. Ihre Botschaft lautet vielmehr: Warum willst du überhaupt noch weiter? Du hast doch alles, was du brauchst. Bleib einfach hier.
Vielleicht ist genau das eine der subtilsten Gefahren auf jeder persönlichen Heldenreise. Wir glauben häufig, dass es vor allem die Schwierigkeiten sind, die uns von unserem Weg abbringen. Wir denken an Krisen, Niederlagen, finanzielle Probleme, Konflikte oder andere äußere Hindernisse. Doch erstaunlich oft sind es gerade diese Situationen, die Menschen in Bewegung bringen. Wenn etwas unerträglich wird, entsteht Veränderung beinahe zwangsläufig. Wir suchen nach einem Ausweg, wir entwickeln neue Ideen, wir verändern unser Verhalten und entdecken möglicherweise Fähigkeiten in uns, von denen wir vorher gar nicht wussten, dass wir sie besitzen. Das Problem ist sichtbar, und weil es sichtbar ist, beschäftigen wir uns damit. Sehr viel schwerer zu erkennen ist etwas, das überhaupt nicht wie ein Problem aussieht.
Vielleicht gibt es deshalb im Leben nicht nur die Dinge, die uns durch Widerstand aufhalten wollen, sondern auch diejenigen, die uns durch Bequemlichkeit festhalten. Ein Leben kann vollkommen in Ordnung sein und trotzdem nicht mehr das Leben sein, das wir eigentlich führen wollen. Ein Unternehmen kann funktionieren und trotzdem nicht mehr das sein, was wir erschaffen möchten. Eine berufliche Position kann sicher, angesehen und finanziell attraktiv sein und trotzdem längst nicht mehr unserer inneren Richtung entsprechen. Ein Lebensmodell kann uns jahrelang getragen haben und irgendwann einfach nicht mehr zu dem Menschen passen, der wir inzwischen geworden sind. Das Entscheidende daran ist, dass nichts davon schlecht sein muss. Vielleicht war es sogar genau richtig für eine bestimmte Phase unseres Lebens. Aber etwas muss nicht falsch sein, damit wir erkennen können, dass unser Weg trotzdem weitergeht.
Das ist an der Geschichte von Kalypso besonders bemerkenswert. Odysseus muss die Insel nicht hassen, um sie verlassen zu können. Er muss Kalypso nicht zum Feind erklären und er muss das Leben dort nicht schlechtreden. Er muss lediglich erkennen, dass es nicht sein Ithaka ist. Darin steckt eine Form von Freiheit, die weit über die klassische Vorstellung hinausgeht, dass wir unser Leben immer erst dann verändern dürfen, wenn etwas nicht mehr funktioniert. Viele Menschen warten genau darauf. Sie warten darauf, dass ein Zustand schlecht genug wird, dass eine Entscheidung unausweichlich wird. Solange alles einigermaßen funktioniert, gibt es scheinbar keinen zwingenden Anlass für Veränderung. Doch vielleicht brauchen wir überhaupt keinen solchen Anlass. Vielleicht genügt irgendwann die klare Erkenntnis, dass etwas gut sein kann und dennoch nicht mehr unser Weg ist.
Wenn wir die Odyssee als Bild für die persönliche Entwicklung betrachten, bekommt Ithaka dadurch ebenfalls eine tiefere Bedeutung. Ithaka ist dann nicht einfach eine Insel irgendwo im Mittelmeer. Ithaka steht für die eigene Richtung, für das Leben, das wir tatsächlich führen wollen, für etwas in uns, das sich nicht vollständig durch äußeren Komfort ersetzen lässt. Genau deshalb kann Kalypso Odysseus alles Mögliche anbieten und trotzdem nicht das geben, wonach er sich wirklich sehnt. Sie kann ihm Sicherheit geben, Schönheit, Ruhe, Liebe, Jugend und sogar Unsterblichkeit, aber sie kann ihm nicht das Gefühl geben, auf seinem eigenen Weg zu sein. Das ist vielleicht einer der Gründe, weshalb wir Menschen manchmal äußerlich überhaupt nicht verstehen können, warum jemand eine scheinbar perfekte Situation verlässt. Wir sehen die Insel, wir sehen die Sicherheit und wir sehen all das, was vorhanden ist. Was wir nicht sehen können, ist Ithaka.
Und möglicherweise kennen wir solche Situationen aus unserem eigenen Leben viel besser, als uns zunächst bewusst ist. Es gibt Dinge, die wir irgendwann erreichen wollten und die uns später tatsächlich gelungen sind. Wir haben etwas aufgebaut, einen bestimmten Lebensstandard erreicht, eine Position geschaffen oder eine Form von Sicherheit entwickelt, die früher einmal ein wichtiges Ziel gewesen ist. Das alles kann wertvoll sein. Aber Menschen entwickeln sich weiter, und deshalb kann aus einem früheren Ziel irgendwann eine Zwischenstation werden. Was uns gestern Freiheit gegeben hat, muss nicht zwangsläufig auch morgen noch Ausdruck unserer Freiheit sein. Die entscheidende Frage ist dann nicht, ob das bisherige Leben falsch gewesen ist. Die entscheidende Frage lautet, ob wir es heute noch einmal genauso wählen würden.
Vielleicht besteht die eigentliche Gefahr der Kalypso deshalb darin, dass sie uns keinen offensichtlichen Grund zum Aufbruch gibt. Wenn etwas schmerzt, wissen wir, dass wir handeln müssen. Wenn dagegen alles angenehm genug ist, können wir Entscheidungen sehr lange verschieben. Dann sagen wir vielleicht, dass wir irgendwann dieses Projekt beginnen, irgendwann dieses Unternehmen aufbauen, irgendwann diese Reise machen, irgendwann mehr Zeit für das verwenden werden, was uns wirklich wichtig ist. Vielleicht brauchen wir vorher noch ein bisschen mehr Sicherheit, ein bisschen mehr Geld oder einfach einen günstigeren Zeitpunkt. Und jedes einzelne dieser Argumente kann vollkommen vernünftig klingen. Aus einigen Monaten können auf diese Weise Jahre werden, ohne dass es jemals einen bestimmten Moment gegeben hätte, an dem wir bewusst entschieden haben, unseren ursprünglichen Weg aufzugeben.
Odysseus verbringt sieben Jahre bei Kalypso. Das ist ein interessantes Bild, weil diese sieben Jahre nicht durch eine große Katastrophe verloren gehen. Es gibt keinen gewaltigen Kampf, keine vernichtende Niederlage und keinen dramatischen Untergang. Es ist einfach Zeit, die vergeht, während der eigentliche Weg unterbrochen ist. Vielleicht liegt gerade darin die enorme Aktualität dieser Geschichte. Wir verlieren unsere Richtung nicht immer in den großen Krisen unseres Lebens. Manchmal verlieren wir sie ganz leise, während eigentlich alles einigermaßen gut läuft. Wir wachen morgens auf, erledigen unsere Aufgaben, kümmern uns um unsere Verpflichtungen, sind vielleicht sogar erfolgreich und stellen irgendwann fest, dass Jahre vergangen sind, seit wir uns zuletzt ernsthaft gefragt haben, wohin wir eigentlich noch wollen.
Dabei geht es überhaupt nicht darum, Komfort, Sicherheit oder das Erreichte geringzuschätzen. Ganz im Gegenteil. Ein selbstbestimmtes Leben darf angenehm sein, und es darf selbstverständlich auch Phasen geben, in denen wir einfach genießen, was wir geschaffen haben. Vielleicht besteht Freiheit gerade darin, beides zu können: anzukommen und wieder aufzubrechen. Ruhe genießen zu können, ohne von ihr abhängig zu werden, und Erfolg besitzen zu können, ohne irgendwann vom eigenen Erfolg besessen zu werden. Dann wird die Frage nicht mehr lauten, ob wir viel oder wenig besitzen, sondern ob wir noch selbst entscheiden, wohin unser Leben geht.
Vielleicht ist deshalb eine der interessantesten Fragen, die wir uns gelegentlich stellen können, nicht die Frage nach unseren Problemen. Unsere Probleme kennen wir meistens ziemlich gut. Viel interessanter könnte die Frage sein, wo sich unsere persönliche Kalypso befindet. Wo gibt es in unserem Leben etwas, das eigentlich vollkommen in Ordnung ist und gerade deshalb seit langer Zeit nicht mehr hinterfragt wurde? Wo sind wir vielleicht nicht deshalb geblieben, weil wir uns jeden Tag bewusst dafür entscheiden, sondern weil es angenehm genug ist, um keinen Aufbruch notwendig erscheinen zu lassen? Und welche Idee, welcher Wunsch oder welche Vorstellung unseres Lebens taucht trotzdem immer wieder auf, ganz gleich, wie oft wir sie auf später verschieben?
Daran schließt sich unmittelbar die zweite und vielleicht noch wichtigere Frage an: Wo liegt unser Ithaka? Was ist das, wohin wir eigentlich wollen, wenn wir einmal all die vernünftigen Begründungen für einen Moment beiseitelassen? Was würden wir erschaffen, wenn unser gegenwärtiges Leben nicht erst schlechter werden müsste, bevor wir uns erlauben, etwas Neues zu beginnen? Welche Entscheidung würden wir treffen, wenn wir nicht erklären müssten, warum das, was wir bereits besitzen, möglicherweise nicht das Ende unserer Entwicklung sein soll? Vielleicht kennen wir die Antwort darauf längst. Vielleicht ist sie nicht laut und vielleicht drängt sie sich auch nicht jeden Morgen in den Vordergrund, aber möglicherweise begleitet sie uns schon seit Jahren.
Genau hier wird aus der Geschichte von Odysseus eine Aufforderung für das eigene Leben. Schau nicht nur nach den Monstern, die dir den Weg versperren. Sie sind meistens leicht zu erkennen, und häufig sorgen gerade sie dafür, dass du deine Kräfte mobilisierst und weitergehst. Schau auch nach den wunderschönen Inseln, auf denen du es dir eingerichtet hast. Frage dich nicht, ob diese Inseln schlecht sind, sondern ob sie noch immer dein Ziel sind. Du musst nichts zerstören, nichts abwerten und nichts bereuen, um eine neue Richtung einzuschlagen. Alles, was bisher zu deinem Leben gehört hat, kann richtig und wertvoll gewesen sein und trotzdem darf irgendwann der Moment kommen, an dem du erkennst, dass deine Reise weitergeht.
Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft, die wir aus dieser Episode der Odyssee mitnehmen können. Die größte Prüfung unseres Lebens besteht möglicherweise nicht darin, ob wir stark genug sind, weiterzugehen, wenn das Leben uns dazu zwingt. Die größere Prüfung könnte darin bestehen, ob wir auch dann unserem eigenen Weg folgen, wenn wir bleiben könnten. Ob wir unseren inneren Ruf noch hören, wenn es keinen äußeren Druck gibt. Ob wir bereit sind, eine gute Situation hinter uns zu lassen, wenn wir tief in uns wissen, dass sie nicht unser endgültiges Ziel ist. Deshalb lohnt es sich, sich heute einmal ganz bewusst zwei Fragen zu stellen: Wo befindet sich meine Kalypso, und wo liegt mein Ithaka? Und wenn du auf diese Fragen eine Antwort findest, dann geht es nicht darum, sofort gegen irgendetwas zu kämpfen. Es geht zunächst nur darum, wieder zu wissen, wohin du willst. Denn vielleicht beginnt die nächste große Reise deines Lebens genau in dem Moment, in dem du erkennst, dass du nicht auf ein Monster warten musst, das dich zum Aufbruch zwingt. Vielleicht genügt die Gewissheit, dass das Leben, das vor dir liegt, dich ruft – und dass du bereit bist, diesem Ruf wieder zu folgen.