Es gibt Geschichten, die wir seit Jahrtausenden erzählen, obwohl die Welt, in der sie entstanden sind, längst verschwunden ist. Reiche sind entstanden und untergegangen, Religionen und Gesellschaften haben sich verändert, wissenschaftliche Erkenntnisse haben unser Bild von der Welt immer wieder neu geordnet, und trotzdem lesen wir noch heute von einem Mann, der vor fast dreitausend Jahren über ein unbekanntes Meer nach Hause wollte. Vielleicht liegt das daran, dass Homers Odyssee nur auf den ersten Blick eine Geschichte über einen griechischen König, ferne Inseln, Götter und Monster ist. Dahinter verbirgt sich etwas, das uns erstaunlich vertraut vorkommen kann: ein Mensch hat ein Ziel, macht sich auf den Weg und stellt irgendwann fest, dass zwischen dem Ausgangspunkt und diesem Ziel ein Leben liegt, das sich nicht planen lässt.
Odysseus möchte nach dem Trojanischen Krieg eigentlich nur zurück nach Ithaka. Dort befinden sich seine Heimat, seine Frau Penelope, sein Sohn Telemachos, sein Haus und sein Königreich. Das Ziel scheint klar zu sein, und dennoch wird aus der Heimreise eine weitere zehnjährige Odyssee. Immer wieder wird Odysseus von seinem direkten Weg abgebracht. Er begegnet dem Kyklopen Polyphem, der Zauberin Kirke, den Sirenen, den menschenfressenden Laistrygonen, den gewaltigen Gefahren von Skylla und Charybdis und schließlich Kalypso, bei der seine Reise für Jahre zum Stillstand kommt. Er verliert Gefährten und Schiffe, trifft Entscheidungen, macht Fehler, findet Lösungen, wird gerettet, scheitert, beginnt erneut und verändert sich auf diesem Weg immer weiter.
Man könnte all das einfach als großartige Abenteuergeschichte lesen. Doch man kann diese Reise ebenso als ein gewaltiges Bild für das menschliche Leben betrachten. Denn auch wir beginnen immer wieder mit Vorstellungen davon, wohin unser Weg führen soll. Wir setzen uns Ziele, entwickeln Pläne und glauben manchmal ziemlich genau zu wissen, wie unser zukünftiges Leben aussehen soll. Dann beginnt die Reise, und plötzlich begegnen uns Dinge, die in keinem dieser Pläne vorgesehen waren. Manche stellen sich uns offen entgegen, andere erscheinen zunächst als außergewöhnliche Möglichkeiten. Manche zwingen uns zum Handeln, andere laden uns zum Bleiben ein. Manche Entscheidungen bringen uns unserem ursprünglichen Ziel näher, während andere möglicherweise dazu führen, dass wir dieses Ziel überhaupt erst infrage stellen.
Genau dort wird die Odyssee interessant. Denn was ist auf einer solchen Reise eigentlich ein Hindernis? Ist alles, was uns von unserem ursprünglichen Weg abbringt, automatisch etwas, das überwunden werden muss? Oder können gerade Umwege dazu führen, dass wir Erfahrungen machen, ohne die wir niemals zu dem Menschen geworden wären, der schließlich am Ziel ankommt? Und gilt ein Ziel, das wir irgendwann einmal gewählt haben, tatsächlich für die gesamte Reise, oder darf sich mit uns auch das Ziel verändern? Schon diese wenigen Gedanken zeigen, dass hinter den fantastischen Bildern Homers Fragen verborgen liegen, die erstaunlich gegenwärtig sind.
Dabei werden wir feststellen, dass die einzelnen Begegnungen keineswegs immer nur eine einzige Interpretation zulassen. Ein Monster kann ein Hindernis sein und gleichzeitig der Grund dafür, dass wir Kräfte entwickeln, die wir vorher niemals benötigt hätten. Eine Verlockung kann uns von unserem Weg abbringen oder uns möglicherweise auf eine Möglichkeit aufmerksam machen, die wir vorher überhaupt nicht sehen konnten. Das Festhalten an einem Ziel kann Ausdruck außergewöhnlicher Klarheit sein und unter anderen Umständen bedeuten, dass wir eine längst überholte Vorstellung unseres Lebens nicht loslassen wollen. Schon deshalb wäre es viel zu einfach, die Odyssee in eine Sammlung eindeutiger Lebensweisheiten zu verwandeln. Gerade ihre Widersprüche machen sie interessant.
In den folgenden Kapiteln werden wir deshalb einige der entscheidenden Stationen dieser Reise genauer betrachten und sie immer wieder neben unser heutiges Leben stellen. Dabei geht es nicht darum, herauszufinden, was Homer uns angeblich als verbindliche Wahrheit hinterlassen wollte. Viel interessanter ist, welche Gedanken entstehen, wenn wir seine Bilder ernst nehmen und beginnen, sie aus unterschiedlichen Richtungen zu betrachten. Vielleicht erkennen wir in einigen Monstern Widerstände unseres eigenen Lebens, in manchen Inseln unsere eigenen Zwischenstationen und in bestimmten Entscheidungen Konflikte, die uns erstaunlich bekannt vorkommen. Vielleicht werden wir aber ebenso feststellen, dass eine erste Interpretation manchmal nur so lange überzeugend erscheint, bis wir die Perspektive wechseln.
Besonders interessant wird dabei die Frage sein, was auf einer solchen Reise eigentlich mit uns selbst geschieht. Denn zwischen Aufbruch und Ankunft verändert sich nicht nur die Welt um uns herum. Auch derjenige, der irgendwann ein Ziel festgelegt hat, bleibt nicht derselbe. Erfahrungen verändern unsere Wahrnehmung, unsere Möglichkeiten, unsere Wünsche und möglicherweise sogar unsere Werte. Damit entsteht irgendwann eine sehr viel größere Frage als die bloße Frage danach, ob wir unser ursprüngliches Ziel erreichen: Wer ist eigentlich derjenige geworden, der dort ankommen möchte?
Und von dort aus werden wir noch weitergehen. Wir werden uns ansehen, welche Rolle unsere Werte auf einer solchen Reise spielen, was Freiheit tatsächlich bedeuten könnte und wie viel von dem, was wir für unsere eigenen Überzeugungen halten, wirklich bewusst gewählt wurde. Wir werden darüber nachdenken, was geschieht, wenn ein Mensch beginnt, nicht nur seine Ziele, sondern auch die Maßstäbe zu hinterfragen, nach denen er diese Ziele überhaupt auswählt. Und schließlich werden wir uns der vielleicht größten Perspektive dieser Reise nähern: der Vorstellung, dass unser Leben nicht nur etwas sein könnte, das uns widerfährt, sondern etwas, das wir in sehr viel größerem Umfang selbst erfahren, gestalten und erschaffen können, als wir gewöhnlich annehmen.
Die Odyssee wird uns dabei keine endgültigen Antworten geben. Genau das soll sie auch nicht. Sie gibt uns Bilder, Figuren, Entscheidungen und Wendungen, an denen wir unsere eigenen Vorstellungen prüfen können. Vielleicht werden wir an einer Stelle überzeugt sein, Odysseus habe genau richtig gehandelt, und wenig später entdecken wir eine vollkommen andere Möglichkeit, dieselbe Entscheidung zu betrachten. Das ist kein Widerspruch, den wir auflösen müssen. Es ist möglicherweise gerade die interessanteste Form, über das eigene Leben nachzudenken: eine Möglichkeit wirklich zu durchdringen, ohne deshalb blind für alle anderen Möglichkeiten zu werden.
So werden wir Odysseus ein Stück auf seiner Reise begleiten. Wir werden mit ihm aufbrechen, einigen seiner Monster begegnen, uns verführen lassen, Entscheidungen betrachten, vermeintliche Umwege untersuchen und irgendwann auch Ithaka erreichen. Doch wir werden all das nicht tun, um herauszufinden, wie wir die Reise des Odysseus hätten führen sollen. Wir werden sie betrachten, um etwas über unsere eigene Reise zu entdecken. Denn vielleicht liegt die eigentliche Kraft dieser jahrtausendealten Geschichte genau darin: Je länger wir Odysseus auf seinem Weg beobachten, desto häufiger beginnen wir irgendwann nicht mehr über seine Entscheidungen nachzudenken, sondern über unsere eigenen.