Wenn ein Traum eine andere Geschichte erzählt
Manchmal erzählt uns ein Traum eine Geschichte, die zunächst vollkommen beliebig erscheint. Er versetzt uns an einen Ort, an dem wir im wirklichen Leben gerade überhaupt nicht sind, bringt Menschen zusammen, die sich niemals begegnet sind, und lässt daraus eine Handlung entstehen, deren einzelne Bestandteile am Morgen kaum zusammenzupassen scheinen. Erst wenn man nicht mehr versucht, jedes Bild einzeln zu erklären, sondern die Geschichte als Ganzes betrachtet, beginnt etwas sichtbar zu werden. Dann stellt man manchmal fest, dass der Traum gar nicht von den Dingen erzählt hat, die in ihm vorkamen. Er hat sie nur benutzt, um etwas ganz anderes sichtbar zu machen.
In diesem Traum war ich gemeinsam mit meiner Frau in der Türkei. Weshalb wir dort waren, wusste ich nicht. Wir lebten offenbar für eine Weile in einer Art Haus oder Pension, jedenfalls an einem Ort, den wir mit anderen Menschen teilten und der nicht wirklich unser eigenes Zuhause war. Gleichzeitig beschäftigte uns die Frage, eine Wohnung zu finden, die zu uns passte und die wir uns leisten konnten. Es war also eine merkwürdige Zwischenwelt: Wir waren irgendwo angekommen, aber noch nicht wirklich eingerichtet. Wir lebten dort, ohne dort endgültig zu Hause zu sein, und suchten gleichzeitig nach einem Ort, an dem wir bleiben könnten.
Eine Begegnung verändert ihre Richtung
Unter den Menschen, die ebenfalls dort lebten oder sich dort aufhielten, waren ein junger Mann und eine junge Frau. Mit beiden entstand eine freundschaftliche Verbindung. Die junge Frau war ausgesprochen hübsch, doch zunächst spielte das überhaupt keine besondere Rolle. Wir verstanden uns einfach gut. Irgendwann begann sich die Situation allerdings zu verändern. Von ihr ging zunehmend eine andere Form von Interesse aus. Sie suchte mehr Nähe, machte immer deutlicher, dass sie sich nicht nur Freundschaft vorstellen konnte, und Stück für Stück entwickelte sich zwischen uns eine Situation, in der schließlich auch eine sexuelle Begegnung möglich geworden wäre.
Neu, interessant und aufregend
Und ich ließ mich zunächst darauf ein. Nicht in dem Sinne, dass ich bereits entschieden hätte, wohin diese Begegnung führen sollte. Gerade das Gegenteil war der Fall. Ich wusste es nicht – und genau darin lag ein Teil ihres Reizes. Es war neu. Es war interessant. Es war aufregend. Da entstand etwas, dessen Ausgang noch vollkommen offen war, und diese Offenheit selbst erzeugte eine Spannung. Es war die Neugier darauf, was als Nächstes geschehen würde, wie weit diese Annäherung gehen könnte und wohin sie führen würde, wenn man sie einfach noch ein Stück weiterlaufen ließe.
Vielleicht kennen wir genau dieses Gefühl aus vollkommen unterschiedlichen Bereichen unseres Lebens. Nicht immer gehen wir einen Weg weiter, weil wir bereits wissen, dass wir sein Ziel erreichen möchten. Manchmal gehen wir weiter, weil wir wissen wollen, was hinter der nächsten Kurve liegt. Das Neue besitzt eine eigene Anziehungskraft. Nicht zwangsläufig, weil das Bestehende unzureichend wäre, sondern weil das Unbekannte noch keine feste Form besitzt. Solange etwas offen ist, enthält es viele mögliche Geschichten gleichzeitig. Und vielleicht ist genau diese noch nicht entschiedene Möglichkeit manchmal aufregender als das, was später tatsächlich daraus entstehen könnte.
Das Bemerkenswerte an der Situation im Traum war deshalb auch, dass es keinen klaren Moment gab, an dem aus einer harmlosen Begegnung plötzlich etwas vollkommen anderes wurde. Es entwickelte sich. Ein Schritt führte zum nächsten, eine Grenze verschob sich ein wenig, dann noch ein wenig, und gerade weil noch nicht feststand, wohin das Ganze führen würde, blieb diese Neugier erhalten. Man konnte noch einen Schritt weitergehen und sehen, was dann geschah. Und danach vielleicht noch einen. Irgendwann war die Situation dadurch bereits sehr weit fortgeschritten. Ich hatte sie bis dahin zugelassen, ohne tatsächlich sexuell aktiv geworden zu sein. Es war aber längst nicht mehr nur eine theoretische Möglichkeit. Es hätte geschehen können.
Wenn Neugier zur wirklichen Wahl wird
Genau an diesem Punkt veränderte sich etwas. Die Frage war plötzlich nicht mehr: Wohin könnte das führen? Sondern: Will ich überhaupt dort ankommen?
Und mit dieser kleinen Veränderung der Frage verschob sich die gesamte Bedeutung der Situation. Denn mitten in dieser Spannung kam im Traum plötzlich eine vollkommen klare Frage in mir auf: Warum sollte ich das eigentlich tun?
Diese Frage war erstaunlich nüchtern. Ich dachte an meine Frau und daran, dass ich mit ihr glücklich bin, dass ich sie liebe und dass mir in unserer Beziehung nichts fehlt, was ich nun bei einem anderen Menschen suchen müsste. Deshalb erschien mir plötzlich die gesamte Situation beinahe absurd. Natürlich war diese junge Frau attraktiv. Natürlich war das Neue aufregend gewesen. Natürlich hatte es einen Reiz gehabt, nicht zu wissen, wohin die Begegnung führen würde. Aber nichts davon beantwortete die entscheidende Frage: Warum sollte ich wollen, dass sie tatsächlich dort endet?
Vielleicht liegt genau darin eine wichtige Unterscheidung. Neugierig auf einen Weg zu sein bedeutet noch nicht, sein Ziel zu wollen. Von einer Möglichkeit fasziniert zu sein bedeutet nicht, dass man sie verwirklichen möchte. Und etwas aufregend zu finden bedeutet nicht automatisch, dass das eigene Leben dadurch besser würde. Manchmal besteht die gesamte Faszination einer Möglichkeit gerade darin, dass sie noch Möglichkeit ist.
Kein Mangel, sondern eine offene Möglichkeit
In diesem Augenblick wurde mir im Traum klar, dass ich überhaupt nichts suchte, was diese junge Frau mir hätte geben müssen. Es gab keinen empfundenen Mangel, den sie ausgleichen sollte. Das Neue war interessant gewesen, weil es neu war. Die Offenheit war aufregend gewesen, weil noch nicht feststand, was daraus entstehen könnte. Doch sobald aus der Frage „Was könnte daraus werden?“ die Frage „Will ich das wirklich?“ wurde, war die Antwort plötzlich vollkommen eindeutig.
Gleichzeitig hatte ich im Traum ein schlechtes Gewissen, weil ich die Situation überhaupt so weit hatte entstehen lassen. Nicht deshalb, weil tatsächlich etwas geschehen wäre, sondern weil ich bemerkte, dass eine Entwicklung bereits viel früher beginnt als mit ihrem letzten sichtbaren Schritt. Irgendwann gibt man einer Möglichkeit Aufmerksamkeit, dann Raum, dann noch etwas mehr Raum, und ehe man es bemerkt, ist aus etwas vollkommen Unverbindlichem eine Richtung geworden. Doch genau in diesem Augenblick geschah etwas Entscheidendes: Ich erkannte diese Richtung und entschied, sie nicht weiterzugehen.
Was bleibt und was wieder verschwindet
Später löste sich die ganze Szenerie auf. Die junge Frau verschwand aus der Geschichte, ebenso der junge Mann und schließlich diese gesamte vorübergehende Welt. Am Ende verließ ich sie gemeinsam mit meiner Frau. Gerade dieses Ende macht den Traum im Rückblick interessant, denn dadurch bekommt auch sein Anfang plötzlich eine andere Bedeutung. Zu Beginn hatten wir nach einer Wohnung gesucht, nach einem Platz, an dem wir leben könnten. Am Ende verlassen wir gemeinsam einen vorübergehenden Ort, während alles andere verschwindet. Dazwischen liegt eine Geschichte darüber, was Bestand hat und was lediglich eine Möglichkeit auf Zeit gewesen ist.
Das Gesicht der jungen Frau war mir nach dem Aufwachen noch ungewöhnlich deutlich präsent. Erst später fiel mir ein, dass ich am Abend zuvor eine Fernsehsendung gesehen hatte und sie vermutlich eine der Frauen gewesen war, die dort vorkamen. Damit lässt sich wahrscheinlich erklären, woher der Traum dieses Gesicht genommen hatte. Doch das erklärt noch nicht, warum er gerade mit diesem Gesicht diese Geschichte erzählte. Vielleicht funktioniert unser Inneres manchmal genau so: Es nimmt Bilder, die gerade verfügbar sind, und benutzt sie wie Schauspieler für eine Geschichte, deren Bedeutung mit diesen Menschen selbst überhaupt nichts zu tun hat.
Die eigentliche Bewegung des Traums
Denn wenn man diesen Traum nicht als Geschichte über eine bestimmte junge Frau betrachtet, sondern auf seine eigentliche Bewegung schaut, verändert sich seine Bedeutung vollständig. Dann geht es nicht darum, dass da eine andere Frau war. Es geht darum, dass eine andere Möglichkeit da war. Eine neue Möglichkeit. Eine unbekannte Möglichkeit. Und gerade weil sie unbekannt war, besaß sie zunächst diesen besonderen Reiz.
Das Neue hat eine merkwürdige Macht über unsere Aufmerksamkeit. Das Vertraute kennen wir bereits. Wir wissen, wie es sich anfühlt, welche Gestalt es besitzt und ungefähr, was morgen daraus entstehen wird. Das Neue dagegen trägt noch alle Möglichkeiten in sich. Es ist noch nicht festgelegt. Wir können hineinprojizieren, entdecken, ausprobieren und uns überraschen lassen. Vielleicht liegt deshalb in jedem Anfang ein kleiner Überschuss an Spannung. Nicht unbedingt, weil das Neue besser wäre, sondern weil wir es noch nicht kennen.
Daraus kann leicht eine Verwechslung entstehen. Wir können die Aufregung des Neuen mit dem Wert des Neuen verwechseln. Doch beides ist nicht dasselbe. Ein unbekannter Weg ist zunächst spannender als eine Straße, die wir seit Jahren kennen. Das sagt noch nichts darüber aus, welche Straße uns zu dem Ort führt, an dem wir leben möchten.
Vielleicht ist genau das eine der tieferen Erkenntnisse dieses Traums. Das Neue muss das Bestehende überhaupt nicht infrage stellen. Es darf aufregend sein. Es darf interessant sein. Es darf Neugier auslösen. Ein Mensch muss diese Empfindungen nicht leugnen, um seiner eigenen Entscheidung treu zu bleiben. Im Gegenteil: Vielleicht wird die Entscheidung gerade dadurch besonders klar, dass man den Reiz des Neuen wahrnehmen kann und trotzdem zwischen Reiz und Wert unterscheidet.
Möglichkeit, Freiheit und Entscheidung
Wir verbinden Freiheit häufig damit, möglichst viele Möglichkeiten zu besitzen. Frei ist, wer gehen könnte. Frei ist, wer bleiben könnte. Frei ist, wer genügend Mittel besitzt, um wählen zu können, wo und wie er lebt. Frei ist, wer nicht von anderen Menschen abhängig ist und deshalb seine Entscheidungen selbst treffen kann. Je größer das Feld der Möglichkeiten wird, desto größer erscheint zunächst die Freiheit. Doch vielleicht beschreibt das nur ihre äußere Voraussetzung und noch nicht ihre eigentliche Qualität.
Denn irgendwann steht ein Mensch tatsächlich vor mehreren offenen Türen. Und natürlich kann es aufregend sein, einmal durch eine hindurchzusehen. Vielleicht sogar ein paar Schritte hineinzugehen. Hinter einer unbekannten Tür liegt schließlich etwas, das wir noch nicht kennen. Aber irgendwann verändert sich die Frage. Dann geht es nicht mehr darum, was sich hinter der Tür befindet. Dann geht es darum, ob wir dort leben möchten.
Möglichkeit allein besitzt keine Richtung. Sie sagt lediglich: Du könntest. Neugier sagt: Schau einmal. Aufregung sagt: Geh vielleicht noch ein Stück weiter. Aber erst die Entscheidung fragt: Ist das wirklich mein Weg?
Vielleicht beginnt wirkliche Freiheit deshalb nicht dort, wo alles möglich wird, sondern dort, wo ein Mensch nicht mehr jede Möglichkeit verwirklichen muss, nur weil sie existiert. Ein Mensch kann hundert Wege sehen und trotzdem einen wählen. Er kann Schönheit wahrnehmen, ohne sie besitzen zu müssen. Er kann eine Gelegenheit erkennen, ohne daraus einen Auftrag zu machen. Er kann etwas haben können und trotzdem feststellen, dass er es überhaupt nicht braucht. Das ist keine Einschränkung seiner Freiheit. Es könnte sogar ihre reifere Form sein.
Genau darin liegt der entscheidende Unterschied zwischen einem Verbot und einer Entscheidung. Wenn etwas von außen unmöglich gemacht wird, wissen wir nicht, wie wir gewählt hätten. Wenn die Möglichkeit aber tatsächlich vorhanden ist und trotzdem aus dem eigenen Inneren ein klares Nein entsteht, dann geschieht etwas vollkommen anderes. Dieses Nein kommt nicht aus Begrenzung. Es entsteht aus einem größeren Ja.
Das größere Ja
In diesem Traum war dieses größere Ja die eigene Beziehung. Der entscheidende Gedanke lautete nicht: Ich darf das nicht. Er lautete sinngemäß: Warum sollte ich das wollen? Ich liebe meine Frau, ich bin glücklich mit ihr, also gibt es überhaupt keinen Grund, aus dieser anderen Möglichkeit eine Wirklichkeit zu machen. Damit wird Treue plötzlich nicht mehr zu einer Regel, die Freiheit begrenzt. Sie wird selbst zu einer freien Entscheidung.
Vielleicht liegt genau darin eine viel tiefere Definition von Treue. Treue bedeutet nicht, dass es auf der Welt keine anderen attraktiven Menschen gibt. Sie bedeutet auch nicht, dass ein Mensch blind werden müsste für Schönheit, Nähe, Sympathie oder sogar für die Aufregung, die eine neue Begegnung auslösen kann. Treue bekommt ihren eigentlichen Wert gerade dadurch, dass all das existieren darf. Denn eine Entscheidung ist nur dort wirklich eine Entscheidung, wo theoretisch auch etwas anderes möglich wäre.
Das gilt weit über Beziehungen hinaus. Ein Mensch, der nur einen einzigen möglichen Lebensweg besitzt, muss ihn nicht wählen; er folgt ihm zwangsläufig. Erst wenn mehrere Wege offenstehen, bekommt seine Richtung Bedeutung. Vielleicht besteht deshalb Selbstautorität nicht darin, möglichst viele Alternativen auszuschließen, sondern darin, mitten unter ihnen die eigene Richtung zu kennen.
Das unendliche Feld möglicher Leben
Das Leben selbst ist schließlich ein riesiges Feld solcher Möglichkeiten. Wir könnten an anderen Orten leben, andere Berufe ausüben, andere Unternehmen aufbauen, andere Menschen kennenlernen, andere Entscheidungen treffen und unseren Tagen vollkommen andere Inhalte geben. Hinter jeder großen Entscheidung liegen unzählige Leben, die ebenfalls möglich gewesen wären. Und jedes davon besitzt aus der Entfernung den besonderen Glanz des Unbekannten, weil wir niemals erfahren haben, wie gewöhnlich auch dieses andere Leben irgendwann geworden wäre.
Das ist vielleicht ein weiterer bemerkenswerter Gedanke. Das Neue bleibt nur so lange neu, bis wir es leben. Auch die unbekannte Straße wird irgendwann zur vertrauten Straße. Auch das aufregende Haus wird irgendwann zu dem Haus, in dem morgens die Kaffeemaschine läuft und abends das Licht ausgeschaltet wird. Auch eine neue Beziehung würde irgendwann aus Alltag, Vertrautheit, gemeinsamen Erinnerungen und gewöhnlichen Tagen bestehen. Das Neue besitzt einen natürlichen Vorsprung: Wir vergleichen seine noch offenen Möglichkeiten mit der bereits vollständig sichtbaren Wirklichkeit des Bestehenden.
Doch das ist kein Vergleich von Gleichem mit Gleichem. Wir vergleichen Fantasie mit Erfahrung, Möglichkeit mit Wirklichkeit, Anfang mit gewachsenem Leben. Vielleicht liegt Weisheit deshalb auch darin, den Zauber des Neuen genießen zu können, ohne ihm automatisch einen höheren Wert zuzuschreiben.
Wie Möglichkeit zu Wirklichkeit wird
Möglichkeit ist nahezu grenzenlos, gelebte Wirklichkeit dagegen immer konkret. Man kann sich tausend Lebenswege vorstellen, aber in diesem Augenblick nur einen gehen. Man kann sich hundert Orte als Zuhause vorstellen, aber nur an einem Ort gleichzeitig aufwachen. Man kann unzähligen Menschen begegnen, aber nicht mit allen dasselbe Leben teilen. Unsere Wirklichkeit entsteht deshalb nicht allein aus dem, was möglich ist, sondern aus dem, dem wir unsere Aufmerksamkeit, unsere Zeit und unsere Energie geben.
Vielleicht ist genau das eine der tiefsten Formen von Schöpferkraft. Nicht möglichst viel hervorzubringen, sondern aus dem unendlichen Feld dessen, was sein könnte, bewusst auszuwählen, was Wirklichkeit werden soll. Jede Entscheidung ist in diesem Sinne ein schöpferischer Vorgang. Sie nimmt etwas aus dem Raum der Möglichkeiten und gibt ihm Form. Gleichzeitig lässt sie unzählige andere Möglichkeiten dort zurück, wo sie waren: im Bereich dessen, was hätte sein können.
Dann bekommt auch ein Nein eine vollkommen andere Bedeutung. Es ist nicht zwangsläufig eine Ablehnung. Oft ist es lediglich die andere Seite eines viel größeren Ja. Wer zu einem Weg Nein sagt, sagt damit Ja zu dem Weg, auf dem er bleiben möchte. Wer einer Möglichkeit keine weitere Energie gibt, entscheidet sich dafür, seine Energie an anderer Stelle zu verdichten. Das Nein ist dann keine Begrenzung, sondern eine Ausrichtung.
Vielleicht erklärt das auch, weshalb das schlechte Gewissen im Traum schon vor einer tatsächlichen Handlung entstand. Es machte sichtbar, dass wir tief in uns offenbar wissen, dass Wirklichkeit nicht erst mit dem letzten Schritt beginnt. Sie beginnt dort, wo wir einer Möglichkeit Energie geben. Ein Gedanke allein erschafft noch keine Wirklichkeit, eine Begegnung ebenfalls nicht. Aber je mehr Aufmerksamkeit, Bedeutung und Bewegung wir etwas geben, desto stärker beginnt es, Form anzunehmen. Und trotzdem bleibt die Möglichkeit bestehen, sich irgendwann zu fragen: Ist das tatsächlich die Wirklichkeit, die ich erschaffen möchte?
Diese Frage ist weit größer als der Traum. Vielleicht wäre sie sogar für viele Situationen unseres Lebens eine erstaunlich klare Orientierung: Will ich wirklich dorthin, oder möchte ich lediglich wissen, was hinter der nächsten Kurve liegt? Will ich das Ziel oder reizt mich gerade nur der Weg dorthin? Brauche ich etwas tatsächlich, oder fasziniert mich lediglich die Tatsache, dass ich es haben könnte? Ist diese Möglichkeit mein Weg, oder ist sie einfach nur neu?
Nicht jede offene Tür muss durchschritten werden. Nicht jede Gelegenheit ist eine Aufgabe. Nicht jeder Mensch, der uns berührt, muss Teil unseres weiteren Weges werden. Nicht jeder Gedanke verlangt nach Umsetzung. Nicht alles, was möglich ist, möchte Wirklichkeit werden. Und nicht alles Neue ist dazu bestimmt, das Vertraute zu ersetzen. Manches Neue erscheint vielleicht nur, damit wir etwas entdecken, etwas fühlen, etwas erkennen und anschließend mit größerer Klarheit weitergehen.
Die tiefere Bedeutung der Wohnungssuche
Damit bekommt auch die Wohnungssuche am Anfang des Traums eine tiefere Bedeutung. Zwei Menschen befinden sich in einer fremden Umgebung und suchen nach einem Zuhause. Während dieser Suche erscheint eine neue und aufregende Möglichkeit, die für einen Augenblick eine andere Richtung eröffnet. Doch irgendwann wird erkannt, dass Neugier noch keine Sehnsucht und Aufregung noch keine Entscheidung ist. Schließlich verschwindet die gesamte Zwischenwelt, und die beiden Menschen gehen gemeinsam weiter. Das Zuhause, nach dem am Anfang gesucht wurde, muss deshalb nicht nur als Wohnung verstanden werden. Vielleicht erzählt der Traum zugleich von einer viel grundlegenderen Form des Zuhauseseins.
Wir glauben häufig, Zuhause sei eine Adresse. Doch Adressen können wechseln. Häuser können verkauft werden, Länder können verlassen werden, Lebensumstände können sich verändern. Ein Mensch kann in einem prachtvollen Haus leben und sich darin fremd fühlen. Er kann andererseits irgendwo auf der Welt in einer provisorischen Unterkunft sitzen und vollkommen sicher wissen, dass er gerade dort ist, wo er hingehört. Vielleicht besteht Zuhause deshalb aus mehr als Wänden und einem Ort auf einer Landkarte. Vielleicht entsteht es auch zwischen Menschen.
Dann wäre die Wohnungssuche des Traums fast eine kleine Täuschung. Während im Außen nach einem Zuhause gesucht wird, zeigt die Geschichte im Inneren, dass ein wesentlicher Teil dieses Zuhauses längst vorhanden ist. Die Orte können wechseln, die Kulissen können sich verändern, andere Menschen können auftauchen und wieder verschwinden, Neues kann faszinieren und Unbekanntes kann für einen Augenblick aufregend sein. Doch am Ende entscheidet sich, wem und was wir unsere Energie geben und mit wem wir weitergehen.
Eine Welt voller Möglichkeiten
Und vielleicht ist genau das die schönste Erkenntnis dieser Geschichte: Ein erfülltes Leben entsteht nicht dadurch, dass irgendwann keine anderen Möglichkeiten mehr existieren. Es entsteht auch nicht dadurch, dass nichts Neues mehr interessant oder aufregend sein darf. Im Gegenteil. Die Welt darf groß sein. Sie darf faszinierend bleiben. Sie darf voller Menschen, Wege, Orte, Ideen und Möglichkeiten sein. Ein freier Mensch muss diese Welt nicht kleiner machen, damit seine Entscheidungen Bestand haben.
Er kann das Neue aufregend finden, ohne das Bestehende geringzuschätzen. Er kann neugierig sein, ohne sich zu verlieren. Er kann Möglichkeiten erkunden, ohne sie alle verwirklichen zu müssen. Und er kann irgendwann mitten in einer aufregenden Bewegung feststellen, dass er inzwischen genug gesehen hat, um zu wissen, was er wirklich will.
Vielleicht ist Fülle genau das: etwas sehen zu können, ohne es besitzen zu müssen; etwas haben zu können, ohne es deshalb haben zu wollen; eine Möglichkeit wahrnehmen zu können, ohne ihr automatisch folgen zu müssen. Dann entsteht eine Freiheit, die nicht mehr davon abhängt, wie viele Türen offenstehen. Sie entsteht aus der Klarheit darüber, welche Tür die eigene ist.
Und vielleicht verändert sich damit sogar die Bedeutung von Bindung. Auf den ersten Blick scheint Bindung das Gegenteil von Freiheit zu sein. Wer sich bindet, legt sich fest. Doch wenn diese Bindung freiwillig entsteht, könnte genau das Gegenteil wahr sein. Dann ist sie nicht das Ende der Freiheit, sondern eine ihrer stärksten Ausdrucksformen. Denn nur ein freier Mensch kann wirklich sagen: Ich könnte anders wählen, ich könnte sogar neugierig darauf sein, wie dieses andere Leben aussähe – und trotzdem weiß ich, welches Leben ich führen möchte.
Das gilt für Liebe ebenso wie für das gesamte Leben. Die tiefste Entscheidung lautet vielleicht niemals: Es gibt keinen anderen Menschen, keinen anderen Ort und keinen anderen Weg. Sie lautet vielmehr: Es gibt unzählige Menschen, Orte und Wege. Manche davon sind schön. Manche faszinierend. Manche wären wahrscheinlich sogar aufregend. Aber trotzdem weiß ich, welcher Weg meiner ist.
Die Geschichte hinter der Geschichte
So wird aus einem zunächst merkwürdigen Traum über eine Pension in der Türkei, eine Wohnungssuche und eine attraktive junge Frau etwas vollkommen anderes. Es wird eine Geschichte über die Faszination des Neuen und den Wert des Gewachsenen, über Neugier und Entscheidung, über Möglichkeit und Wirklichkeit. Es wird eine Geschichte darüber, dass wir einen Weg ein Stück weit gehen können, weil wir wissen möchten, was hinter der nächsten Kurve liegt, und trotzdem irgendwann erkennen dürfen, dass Neugier auf einen Weg noch lange nicht bedeutet, an seinem Ende leben zu wollen.
Vielleicht musste die Begegnung deshalb überhaupt erst interessant und aufregend werden. Vielleicht musste sie sich entwickeln. Vielleicht musste die Möglichkeit nahe genug kommen, damit aus einer abstrakten Idee eine wirkliche Wahl entstehen konnte. Erst dann konnte die entscheidende Erkenntnis auftauchen: Ja, das Neue ist aufregend. Ja, es wäre interessant gewesen zu erfahren, wohin es führt. Aber ich muss nicht bis zum Ende gehen, um zu wissen, dass ich dort nicht hinwill.
Zwei Fragen, zwischen denen Welten liegen
Am Ende bleibt deshalb weniger die Erinnerung an die junge Frau als an diesen Wechsel der inneren Frage. Zunächst lautete sie: Was könnte daraus werden? Später lautete sie: Will ich das überhaupt? Und vielleicht liegen zwischen diesen beiden Fragen ganze Welten.
Die erste gehört zur Neugier. Die zweite zur Selbstautorität.
Die erste öffnet Möglichkeiten. Die zweite wählt Wirklichkeit.
Beides gehört zum Leben. Vielleicht brauchen wir sogar beides. Ohne Neugier würden wir niemals Neues entdecken. Ohne Entscheidung würden wir uns irgendwann in den Möglichkeiten verlieren. Die Kunst besteht möglicherweise nicht darin, eines von beiden auszuschalten, sondern zu wissen, wann die eine Frage ihren Dienst getan hat und die andere beginnen darf.
So darf die Welt voller unbekannter Wege bleiben. Wir dürfen uns fragen, wohin sie führen. Wir dürfen uns vom Neuen berühren und überraschen lassen. Doch irgendwann entscheidet sich unser Leben nicht daran, wie viele Wege wir gesehen haben, sondern daran, welchen wir tatsächlich weitergehen.
Die eigentliche Botschaft des Traums
Und genau darin könnte die eigentliche Botschaft dieses Traums liegen: Wirkliche Freiheit zeigt sich nicht darin, dass uns das Neue nicht mehr reizt. Sie zeigt sich darin, dass wir seinen Reiz wahrnehmen können, ohne ihn mit unserem wirklichen Wollen zu verwechseln. Wir dürfen neugierig sein. Wir dürfen Möglichkeiten sehen. Wir dürfen sogar ein Stück auf sie zugehen und dabei etwas über uns selbst entdecken. Und dann dürfen wir aus unserem eigenen Zentrum heraus entscheiden, welcher Möglichkeit wir tatsächlich unser Leben geben.
Vielleicht ist Liebe in diesem Sinne nicht das Ende der Neugier auf die Welt. Sie ist auch nicht das Verschwinden aller anderen Möglichkeiten. Sie ist etwas viel Freieres: die Fähigkeit, eine Welt voller Möglichkeiten zu sehen und dennoch zu wissen, wo man zu Hause ist.
Und vielleicht besteht genau darin die tiefste Freiheit: Nicht nichts anderes sehen zu dürfen, sondern alles sehen zu können und trotzdem zu wissen, was man wählt.