Zurück zu „Innere Souveränität“
Marc Aurel
Selbstbetrachtungen
Historische deutsche Übersetzung von Albert Wittstock (1837–1903)
Wähle deine Sprache über die Sprachwahl der Webseite. Warte, bis die Übersetzung sichtbar ist, und öffne anschließend die Druckansicht. Dort kannst du „Als PDF speichern“ wählen; auf dem iPad kannst du die Druckvorschau öffnen und über „Teilen“ in „Dateien“ sichern. Automatische Übersetzungen können vom historischen Text abweichen.
Zu dieser Leseausgabe
Marc Aurel (121–180 n. Chr.) war römischer Kaiser und ein Vertreter der stoischen Philosophie. Seine Selbstbetrachtungen sind persönliche Aufzeichnungen in griechischer Sprache. Sie entstanden nicht als geordnetes Lehrbuch für ein Publikum, sondern als Erinnerungen an die eigene Haltung: Was verdient meine Aufmerksamkeit? Wie gehe ich mit Ärger, Pflichten, Veränderungen und der Begrenztheit meines Lebens um?
Die zwölf Bücher folgen keinem durchgehenden Gedankengang. Manche Abschnitte bestehen aus einem einzigen Satz, andere entfalten eine längere Überlegung. Im ersten Buch erinnert sich Marc Aurel daran, was er Menschen in seinem Leben verdankt. In den weiteren Büchern kehrt er immer wieder zu Selbstführung, Gemeinschaft, Vergänglichkeit und einem vernünftigen Handeln zurück. Diese Wiederholungen gehören zum historischen Werk: Er übt sich darin, seine Überzeugungen im Alltag lebendig zu halten.
Du musst das Buch nicht in einem Zug lesen. Wähle einen Abschnitt, halte bei einem Gedanken inne und frage dich, welche konkrete Situation er in deinem Leben berührt. Nicht jeder antike Gedanke muss zu deiner eigenen Überzeugung werden. Wo Marc Aurel von Natur, Göttern oder Schicksal spricht, begegnet dir auch die Weltsicht seiner Zeit. Ein aufmerksames Lesen lässt Raum für Zustimmung, Widerspruch und eigene Fragen.
Diese Leseausgabe enthält den Haupttext aller zwölf Bücher in der historischen deutschen Übersetzung von Albert Wittstock. Ältere Schreibweisen und Ausdrucksformen bleiben erhalten. Die Texterkennung wurde bereinigt, Zeilentrennungen wurden zusammengeführt und die Abschnitte neu gesetzt. Wittstocks historische Einleitung und der Fußnotenapparat sind nicht Bestandteil dieser Leseausgabe; sie bleiben im unveränderten Originaldigitalisat zugänglich. Die vorliegende Einführung wurde für Erfolgreich frei sein neu verfasst.
Der historische Buchtext ist gemeinfrei. Die eigene Gestaltung und der Hinweis auf den Bereitsteller begründen kein ausschließliches Recht an diesem historischen Text. Die Sprachwahl der Website erstellt bei Bedarf eine automatische Übersetzung der deutschen Lesefassung; sie ist keine wissenschaftlich geprüfte Neuübersetzung des griechischen Originals.
Erstes Buch
1. Mein Großvater Verus gab mir das Beispiel der Milde und Gelassenheit.
2. Meinem Vater rühmte man nach, daß er einen echt männlichen und dabei bescheidenen Charakter besessen, worin ich ihm nachahmte.
3. Meine Mutter war mir durch ihre Frömmigkeit und Wohlthätigkeit ein Vorbild; ich bestrebte mich, ihr gleichkommend, das Böse weder zu thun, noch auch nur zu denken, und wie sie einfach und mäßig zu leben, weit entfernt von dem gewöhnlichen Luxus der Großen.
4. Meinem Urgroßvater, nach dessen Willen ich die öffentlichen Schulen nicht besuchen sollte, verdanke ich es, daß ich zu Hause den Unterricht tüchtiger Lehrer genoß, und ich erkannte, daß man hierin nicht genug thun könne.
5. Von meinem Erzieher lernte ich, in den Circusspielen weder für die Grünen noch für die Blauen, in den Gladiatorengefechten weder für die Rundschilde noch für die Langschilde Partei zu nehmen, wol aber Anstrengungen zu ertragen, mit wenigem zufrieden zu sein, selbst die Hand ans Werk zu legen, mich nicht in die Angelegenheiten Anderer zu mischen und unzugänglich gegen Angeberei zu sein.
6. Diognetus flößte mir Haß gegen alle nichtigen Befürchtungen ein und Ungläubigkeit gegenüber den Gauklern, Beschwörern, Wahrsagern und dergleichen, hielt mich von der Wachtelpflege und ähnlichem Aberglauben zurück und lehrte mich das freie Wort dulden und mich ganz der Philosophie ergeben. Er ließ mich erst den Bacchius, dann den Tandasis und Marcianus hören, unterwies mich, als Knabe Dialoge zu schreiben und bewirkte es, daß ich kein anderes Nachtlager als ein Bretterbett und eine Thierhaut begehrte und was sonst zur Lebensart der griechischen Philosophen gehört.
7. Rusticus machte mir begreiflich, daß ich immer an der Bildung und Besserung meines Charakters zu arbeiten hätte, die falschen Wege der Sophisten vermeiden müßte, keine leeren Theorien aufstellen, keine Reden des Beifalls wegen halten, noch den Mann von großer Wirksamkeit und Mildthätigkeit vor den Augen der Menge spielen sollte. Durch ihn blieb mir jedes rednerische und dichterische Wortgepränge, jede Schönrednerei fremd, sowie jede Eitelkeit in der Kleidung oder sonstiger Luxus. Er rieth mir auch, meine Briefe immer ganz einfach zu schreiben, wie er einen solchen von Sinuessa aus an meine Mutter schrieb; mich leicht versöhnlich zu zeigen, jeden Augenblick zum Verzeihen bereit zu sein, sobald diejenigen, welche mich beleidigt haben, durch ihre Worte oder ihr Benehmen mir ihr Entgegenkommen zeigen; auf meine Lectüre eine gewisse Sorgfalt zu wenden, mich nicht mit oberflächlichem Wissen zu begnügen, nie den Großsprechern vorschnell meine Zustimmung zu geben. Endlich verdanke ich ihm die Erklärungen des Epictet, welche er mir aus seiner Büchersammlung mittheilte.
8. Von Apollonius lernte ich die freie Denkart, zwar mit Bedachtsamkeit, doch ohne Wankelmuth auf nichts Rücksicht zu nehmen, als auf die gesunde Vernunft, und stete Seelenruhe zu bewahren unter den heftigsten Schmerzen, beim Verlust eines Kindes und in langwierigen Krankheiten. Er war mir ein lebendiges Beispiel, wie man zugleich ernsthaft und doch leutselig sein könne. Er zeigte sich beim Unterrichte nie mürrisch oder ungeduldig und war dabei auf seine Lehrgeschicklichkeit nicht im geringsten eingebildet. Von ihm endlich lernte ich, wie man Wohlthaten von Freunden anzunehmen habe, ohne sich weder zu demüthigen noch auch unerkenntlich dafür zu sein.
9. Sextus war mir das Muster des Wohlwollens, das Beispiel eines ächten Familienvaters, an ihm lernte ich, was es heißt, nach der Natur leben. Seine Würde hatte nichts Gezwungenes, er wußte zuvorkommend die Wünsche seiner Freunde zu errathen und ertrug geduldig die Unwissenden und diejenigen, welche ohne Ueberlegung urtheilen. Er schickte sich in alle Menschen und so fand man seinen Umgang angenehmer als alle Schmeicheleien, und dabei empfand man gleichzeitig eine tiefe Hochachtung für ihn. Er verstand es, die zur Lebensweisheit erforderlichen Vorschriften klar und regelrecht zu entwickeln und zu verknüpfen. Man bemerkte niemals das geringste Zeichen des Zornes oder irgend einer andern Leidenschaft an ihm, aber bei aller Leidenschaftslosigkeit war er der liebreichste Mensch. Er hielt auf den guten Ruf, jedoch ohne Aufsehn, er war ein Gelehrter ohne Kleinigkeitskrämerei.
10. Von Alexander, dem Grammatiker, sah ich, daß er gegen Jedermann nur mit Schonung verfuhr; er machte niemals eine beleidigende Bemerkung wegen eines fremdartigen oder sprachwidrigen Ausdrucks oder wenn sonst Jemand fehlerhaft sprach; an dessen Stelle nannte er einfach den richtigen Ausdruck, doch nicht so, daß es eine absichtliche Correctur schien, sondern als wäre es eine Antwort oder Bestätigung, oder um zu untersuchen, nicht etwa das Wort, sondern die fragliche Sache, oder er machte einen andern derartigen Ausweg, den der Unterricht mit sich brachte.
11. Durch Fronto wurde ich belehrt, daß mit der Willkürherrschaft Neid, Ränkesucht und Verstellungskunst verknüpft sind, und wie wenig Menschenliebe diejenigen im Herzen tragen, welche wir Patrizier nennen.
12. Von Alexander dem Platoniker habe ich gelernt, niemals ohne Noth zu sagen oder zu schreiben: Ich habe keine Zeit, nie ein solches Mittel zu gebrauchen, um unter dem Vorwand dringender Geschäfte die Pflichten, welche uns die Freundschaft auferlegt, zurückzuweisen.
13. Catulus lehrte mich, gegen die Klagen eines Freundes, selbst wenn sie unbegründet wären, nicht gleichgiltig zu sein, vielmehr sein volles Vertrauen zu gewinnen; sich immer seiner Lehrer zu rühmen, wie Domitius und Athenodotus gethan, seinen Kindern die reinste Liebe zu erweisen.
14. Severus war mir ein Beispiel in der Liebe zu unseren Verwandten, wie auch der Wahrheits- und Gerechtigkeitsliebe. Durch ihn wurde ich auf Thraseas, Helvidius, Cato, Dion, Brutus hingewiesen, durch ihn bekam ich einen Begriff, was zu einem freien Staate gehört, wo vollkommene Rechtsgleichheit für Alle ohne Unterschied herrscht und nichts höher geachtet wird, als die Freiheit der Bürger. Von ihm lernte ich, immer dieselbe sich nie verläugnende Hochachtung für die Philosophie zu bewahren, wohlthätig und freigebig zu sein, von meinen Freunden das Beste zu hoffen und auf ihre Liebe zu vertrauen; wenn sie Veranlassung zur Unzufriedenheit gegeben, dies nicht zu verhehlen, so daß sie nicht zu errathen haben, was man will oder nicht will, sondern es ihnen offen vor die Augen zu führen.
15. Beherrsche dich selbst! sagte Maximus, sei fest in den Krankheiten und allen Verdrießlichkeiten, behalte immer die gleiche Laune, gepaart mit Milde und Würde und verrichte die dir obliegenden Geschäfte ohne Widerstreben. Von ihm war Jeder überzeugt, daß er so sprach, wie er es meinte, und daß seinen Handlungen ein guter Zweck zu Grunde lag. Er zeigte über nichts Verwunderung oder Erstaunen, auch nirgends Uebereilung oder Saumseligkeit, war nie verlegen, trostlos oder nur scheinfröhlich, nie war er zornig oder übellaunig. Wohlthätig, großmüthig und wahrheitsliebend bot er eher das Bild eines Mannes, der von Natur recht war und keiner Besserung bedurfte. Es konnte sich Niemand von ihm verachtet glauben, aber auch ebensowenig sich besser dünken. Im Ernst und Scherz war er voll Anmuth und Geist.
16. An meinem Vater bemerkte ich Sanftmuth, verbunden mit einer strengen Unbeugsamkeit in seinen nach reiflicher Erwägung erlangten Urtheilen. Er verachtete den eitlen Ruhm, welchen beanspruchte Ehrenbezeugungen verleihen, liebte die Arbeit und die Ausdauer, hörte bereitwilligst gemeinnützige Vorschläge Anderer, behandelte stets Jeden nach Verdienst, hatte das richtige Gefühl, wo Strenge oder Nachgibigkeit angebracht ist, verzichtete auf unnatürliche Liebe und lebte nur dem Staatswohl. Er verlangte nicht, daß seine Freunde immer mit ihm speisen mußten, auch konnte er ihrer auf Reisen entbehren; diejenigen, welche ihm aus dringender Ursache nicht folgen konnten, fanden ihn bei Rückkunft unverändert. In den Berathschlagungen versäumte er nichts, um gründlich zu untersuchen, er verwendete hierauf alle denkbare Geduld und begnügte sich nicht mit der Wahrscheinlichkeit. Seine Freunde wußte er sich zu erhalten; er wurde ihrer nie überdrüssig, aber seine Liebe zu ihnen war auch nicht übertrieben. Er war überall zufrieden, auf seinem Antlitz lag immer dieselbe Heiterkeit; er sorgte vor für die Zukunft und nahm ohne Geräusch selbst auf die unbedeutendste Angelegenheit Bedacht. Das Zujauchzen des Volkes, überhaupt Schmeicheleien jeder Art ließ er nicht aufkommen. Auf die Staatsbedürfnisse war er unaufhörlich wachsam und sparsam beim Ausgeben öffentlicher Gelder und war nicht ungehalten, daß man ihn deswegen manchmal tadelte. Vor den Göttern hatte er keine abergläubische Furcht und hinsichtlich der Menschen suchte er nicht Beliebtheit durch Gefallsucht oder irgend welche Künste der Volksverführung, vielmehr war er in allen Dingen behutsam und fest, verstieß nie gegen die Schicklichkeit und zeigte keine Neuerungssucht. Die Güter, welche das Leben angenehm machen und welche die Natur uns so reichlich bietet, brauchte er mit Freiheit ohne Uebermuth, indem er das, was er hatte, wohl anwendete und das, was er nicht hatte, auch nicht begehrte. Niemand konnte sagen, er sei ein Sophist, ein Einfältiger, ein Pedant, sondern Jeder erkannte in ihm einen reifen und vollkommenen Mann, erhaben über Schmeichelei, fähig, sowol seine eigenen Angelegenheiten als diejenigen der Andern zu leiten. Dazu ehrte er die wahren Philosophen, und zeigte sich nichts desto weniger nachsichtig gegen diejenigen, welche es nur zum Scheine waren. Im Umgang war er höchst angenehm, er scherzte gern, jedoch ohne Uebertreibung. Seinen Körper Pflegte er nicht wie Jemand, der das Leben liebt oder der sich schön machen möchte; er vernachlässigte aber nichts, so daß er Dank dieser Sorgfalt selten nöthig hatte, seine Zuflucht zur Arzneikunst mit ihren innern und äußern Heilmitteln zu nehmen. Er war groß darin, Männern, die in irgend einer Fähigkeit, in der Beredsamkeit, Geschichte, Gesetzkunde, Sittenlehre oder sonst wie hervorragten, den Vorrang zu lassen, ihnen sogar zur Erlangung des Ruhmes, der Jedem gebührte, behilflich zu sein. Indem er sich in seinem Verhalten immer nach den Beispielen der Vorfahren richtete, prahlte er doch nicht mit der Treue zu den alten Ueberlieferungen. Er war kein unbeständiger, unruhiger Geist, er gewöhnte sich an die Orte und an die Gegenstände. Er litt oft an Kopfschmerzen, aber kaum waren sie vorüber, so ging er mit der Munterkeit eines Jünglings wieder an seine gewohnten Arbeiten. Er hatte nur sehr wenige Geheimnisse und diese betrafen einzig und allein die Staatsinteressen. Er bewies Klugheit und Maßhalten bei der Veranstaltung der öffentlichen Schauspiele, Errichtung von Gebäuden und Beschenkungen des Volks, und handelte immer wie ein Mann, der nur darauf sieht, was die Pflicht ihm zu thun gebietet und nicht was er für Ehre davon haben werde. Er badete nie zur Unzeit, hatte keine übertriebene Baulust, achtete nicht auf Leckerbissen, nicht auf Gewebe und Farbe der Kleider, nicht auf Schönheit seiner Sklaven. In Lorium trug er einen sehr einfachen Anzug, zu Lanuvium bereitet. Wegen des Oberrocks, den er in Tusculum trug, bat er die Gäste um Entschuldigung, und so im Uebrigen. In ihm war nichts Hartes, nichts Unehrerbietiges, keine Heftigkeit und nichts, wie man sagt, bis aufs Blut, sondern Alles war wohl und gleichsam Lei guter Muße überlegt, unerschütterlich geordnet, fest und mit sich selbst übereinstimmend. Auf ihn ließ sich trefflich anwenden, was man von Socrates berichtet, daß er entbehren und genießen konnte, wo Viele zum Entbehren zu schwach und im Genusse zu unmäßig gewesen sein würden. Dort aber muthig zu ertragen, hier nüchtern zu bleiben, ist das Kennzeichen eines Mannes von einer starken und unbesiegbaren Seele, und so zeigte er sich während der Krankheit des Maximus.
17. Ich danke den Göttern, daß ich rechtschaffene Großeltern, rechtschaffene Eltern, eine rechtschaffene Schwester, rechtschaffene Lehrer, rechtschaffene Hausgenossen, Verwandte, Freunde, ja fast durchweg rechtschaffene Menschen um mich gehabt habe, daß ich gegen keinen von ihnen mich aus Üebereilung vergangen, wozu ich sogar meiner Anlage nach leicht geneigt gewesen wäre. Doch die Huld der Götter hat es nicht zugelassen, daß eine Gelegenheit, in solchen Fehler zu fallen, sich darbot. Außerdem verdanke ich es den Göttern, daß ich nicht zu lange meine Erziehung bei der Geliebten meines Großvaters erhielt, daß ich meine Jugendunschuld bewahrte, die Manneskraft nicht vor der Zeit verschwendete, sondern bis in ein reiferes Alter keusch blieb; daß ich unter einem Fürsten und Vater stand, der jeden Keim des Hochmuths in mir unterdrückte und mich überzeugte, daß man selbst am Hofe ohne Leibgarde, ohne Prachtkleider, ohne Fackeln und Ehrensäulen und sonstigen Aufwand leben und sich fast wie ein einfacher Privatmann einschränken kann, ohne darum in seinen Verrichtungen als Staatsoberhaupt weniger Würde und Kraft zu beweisen. Den Göttern verdanke ich auch, daß mir ein Bruder beschieden ward, der mich durch sein Betragen ermunterte, über mich selbst zu wachen und der durch seine Achtung und Liebe mein Herz erfreute; daß nur Kinder geboren wurden, deren Geist nicht stumpf und deren Körper nicht verkrüppelt war. Weiter danke ich den Göttern, daß ich nicht zu große Fortschritte in der Rede- und Dichtkunst gemacht habe, noch auch in andern solchen Wissenschaften, die mich sonst leicht gänzlich gefesselt haben könnten; daß ich mich beeilt habe, diejenigen, welche für meine Erziehung gesorgt haben, zu solchen Ehrenstellen, die mir das Ziel ihrer Wünsche schienen, emporzuheben, und daß ich sie nicht mit der Hoffnung abspeiste, daß ich später an sie denken würde; daß ich den Apollonius, den Rusticus und Maximus kennen lernte; daß ich mich über die Art und Weise eines naturgemäßen Lebens lebhaft und oft in Gedanken beschäftigte; daß mir durch die Gaben, Hilfsleistungen und Eingebungen der Götter nichts gefehlt hat, der Natur gemäß zu leben, und wenn ich noch vom Ziel entfernt bin, so ist es meine Schuld, daß ich die göttlichen Mahnungen, fast möchte ich sagen Offenbarungen, schlecht befolgt habe. Der göttlichen Güte schreibe ich es auch zu, daß mein schwächlicher Körper so viele Beschwerden des Lebens hat ertragen können, daß ich keine Gemeinschaft mit der Benedicta oder dem Theodotus gehabt, sondern unreine Leidenschaften überwunden habe; daß ich bei dem öfteren Unwillen gegen den Rusticus nie eine Handlung gegen ihn begangen, die mich jetzt gereuen könnte; daß meine Mutter, wiewol sie jung sterben mußte, dennoch ihre letzten Jahre bei mir zubringen konnte, daß so oft ich einem Dürftigen oder sonst Leidenden helfen wollte, ich nie sagen brauchte, ich hätte nicht die Mittel dazu, daß ich auch selbst nie in die Nothwendigkeit gerieth, etwas von Anderen annehmen zu müssen; daß ich eine Gattin von einem gefälligen, hingebenden und einfachen Charakter erhielt; daß ich für meine Kinder geschickte Erzieher gefunden habe; daß mir in Träumen verschiedene Arzneimittel, besonders gegen Blutspeien und Schwindel angegeben wurden, namentlich zu Cajuta wie durch ein Orakel; daß ich bei meiner Neigung zur Weltweisheit nicht in die Hände der Sophisten gerieth, daß ich meine Zeit nicht durch Lesen ihrer Schriften, Verwicklung in Trugschlüsse oder Untersuchungen über die Geheimnisse des Himmels vergeudete. Ja dies alles war nur durch den Beistand der Götter und ein günstiges Geschick möglich. Geschrieben bei den Quaden am Gran.
Zum InhaltsverzeichnisZweites Buch
1. Sage zu dir in der Morgenstunde: heute werde ich mit einem unbedachtsamen, undankbaren, unverschämten, betrügerischen, neidischen, ungeselligen Menschen zusammentreffen. Alle diese Fehler sind Folgen ihrer Unwissenheit hinsichtlich des Guten und des Bösen. Ich aber habe klar erkannt, daß das Gute seinem Wesen nach schön und das Böse häßlich ist, daß der Mensch, welcher gegen mich fehlt, in Wirklichkeit mir verwandt ist, nicht weil wir von demselben Blut, derselben Abkunft wären, sondern wir haben gleichen Theil an der Vernunft, der göttlichen Bestimmung. Keiner kann mir Schaden zufügen, denn ich lasse mich nicht zu einem Laster verführen. Ebensowenig kann ich über den, der mir verwandt ist, zürnen oder ihn hassen; denn wir sind zur gemeinschaftlichen Wirksamkeit geschaffen, wie die Füße, die Hände, die Augenlider, wie die obere und untere Kinnlade. Darum ist die Feindschaft der Menschen unter einander wider die Natur, Unwillen aber und Abscheu in sich fühlen, ist eine Feindseligkeit.
2. Was ich auch immer sein mag, es ist doch nur ein wenig Fleisch, ein schwacher Lebenshauch und die leitende Vernunft. Laß die Bücher, die Zerstreuung, es fehlt dir die Zeit. Betrachte dich als einen, der im Begriff ist, zu sterben, verachte dieses Fleisch: Blut, Knochen, ein zerbrechliches Gewebe, aus Nerven, Flechten und Adern zusammengeflochten. Betrachte diesen Lebenshauch selbst, was ist er? Nur Wind, und nicht einmal immer derselbe, sondern jeden Augenblick ausgehaucht und wieder eingeathmet. Das Dritte ist die gebietende Vernunft. Hierauf mußt du bedacht sein. Du bist alt, gib nicht mehr zu, daß sie eine Sklavin sei, daß sie weder durch einen wilden Trieb dahin gerissen werde, noch gegen das jetzige Geschick murre oder durch das künftige erschüttert werde.
3. Alles voll von Spuren göttlicher Vorsehung. Auch die zufälligen Ereignisse sind nichts Unnatürliches, sind abhängig von dem Zusammenwirken und der Verkettung der von der Vorsehung gelenkten Ursachen. Alles geht von der Vorsehung aus. Hiermit verknüpft sich sowol die Nothwendigkeit, als auch das, was zur Harmonie des Weltganzen nützlich ist, wovon du ein Theil bist. Was mit dem großen Ganzen übereinstimmt und was zur Erhaltung des Weltplanes dient, das ist für jeden Theil der Natur gut. Die Harmonie der Welt wird erhalten, sowol durch die Veränderungen der Grundstoffe als auch der daraus bestehenden Körper. Das genüge dir, das möge dir stets zur Lehre dienen. Den Bücherdurst vertreibe, damit du nicht murrend sterbest, sondern mit wahrem Seelenfrieden und dankbarem Herzen gegen die Götter.
4. Erinnere dich, seit wie lange du die Ausführung verschiebst, und wie oft dir die Götter günstige Gelegenheit gegeben haben, die du unbenutzt gelassen. Du solltest es doch einmal empfinden, von welcher Welt-du ein Theil bist und von welchem Herrn der Welt dein Dasein seinen Ursprung hat, daß die Zeit für dich schon abgegrenzt ist, und wenn du sie nicht zur Seelenheiterkeit anwendest, so schwindet ste dahin und du schwindest selbst dahin und sie kehrt nie zurück.
5. Denke zu jeder Tageszeit daran, in deinen Handlungen einen festen Charakter zu zeigen, wie er einem Römer und einem Mann geziemt, einen ungekünstelten, sich nie verläugnenden Ernst, ein Herz voll Freiheits- und Gerechtigkeitsliebe. Verscheuche jeden anderen Gedanken, und das wirst du können, wenn du jede deiner Handlungen als die letzte deines Lebens betrachtest, frei von Ueberstürzung, ohne irgend eine Leidenschaft, welche der Vernunft ihre Herrschaft entzieht, ohne Heuchelei, ohne Eigenliebe und mit Ergebung in den Willen des Schicksals. Du siehst, wie wenig zu beobachten ist, um ein friedliches, von den Göttern beglücktes Leben zu führen. Die Befolgung dieser Lehre ist ja alles, was die Götter von uns verlangen.
6. Schmähe dich, ja schmähe dich, o Seele! Dich zu ehren, wirst du keine Zeit mehr haben. Unser Leben ist flüchtig, fast ist das deinige schon am Ziele und du hast keine Achtung vor dir, denn du suchst deine Glückseligkeit in den Seelen Anderer.
7. Warum dich durch die Außendinge zerstreuen? Nimm dir Zeit etwas Gute? zu lernen und höre auf, dich wie im Wirbelwind umhertreiben zu lassen. Hüte dich noch vor einer andern Verirrung, denn es ist auch Thorheit, sich das Leben durch zwecklose Handlungen schwer zu machen, man muß ein Ziel haben, auf das sich alle unsere Wünsche, alle unsere Gedanken richten.
8. Es ist noch nie Jemand unglücklich geworden, weil er sich nicht um das, was in der Seele eines Andern vorging, gekümmert hat; aber diejenigen, welche nicht mit Aufmerksamkeit den Bewegungen ihrer eigenen Seele folgen, fallen nothwendig ins Unglück.
9. Halte dir immer gegenwärtig, welches die Natur des Weltalls und welches die deinige ist, welche Beziehungen diese zu jener hat und welch' einen Theil von welchem Ganzen du ausmachst, und dann, daß Niemand es dir verwehren kann, dasjenige zu thun oder zu sagen, was mit der Natur, von der du selbst ein Theil bist, übereinstimmt.
10. Theophrast sagt bei der Vergleichung der Verzeihungen, insofern man nach den gewöhnlichen Begriffen eine solche anstellen mag, mit Recht, daß die Uebertretungen aus Begierden schwerer seien, als die aus Zorn. In der That entfernt sich der Zornige mit einer gewissen Mißstimmung, mit einem heimlichen Verdruß von der Vernunft; aber derjenige, welcher aus Begierde sündigt, von der Wollust überwältigt, zeigt so zu sagen in seinen Fehlern mehr Unmäßigkeit, mehr unmännliche Schwäche. Es ist daher ein richtiges Wort, würdig der Philosophie, daß aus böser Lust sündigen, strafbarer sei, als aus Mißstimmung. Gewiß, der Zürnende stellt sich mehr als ein Mensch dar, dem vorher Unrecht geschah und der durch Schmerz zum Zorn fortgerissen wird; der Andere hingegen neigt sich aus freien Stücken zur Ungerechtigkeit, fortgerissen zur Befriedigung seiner Begierden.
11. All dein Thun und Denken sei so beschaffen, als solltest du möglicher Weise im Augenblick aus diesem Leben scheiden. Aus der Mitte der Menschen zu scheiden, hat nichts Schreckliches, wenn es Götter gibt, denn sie werden dich nicht dem Unglück preisgeben; gibt es hingegen keine Götter, oder kümmern sie sich nicht um die menschlichen Angelegenheiten, was liegt dann daran, in einer Welt ohne Götter und ohne Vorsehung zu leben? Doch es gibt Götter und sie sorgen für die Menschen. Sie haben dem Menschen die Macht gegeben, nicht in die wirklichen Uebel zu fallen. Es gibt kein denkbares Uebel, wo die Götter nicht vorgesorgt hätten, daß der Mensch die Macht habe, sich davor zu hüten. Wie aber sollte das, was den Menschen selbst nicht unglücklicher macht, des Menschen Leben unglücklicher machen können? Die Allnatur hätte weder unwissentlich noch wissentlich, indem sie nämlich unfähig gewesen wäre, so Etwas zu verhüten oder wieder gut zu machen, einer solchen Nachlässigkeit sich schuldig gemacht, und ebensowenig aus Unvermögen oder Ungeschicklichkeit ein so großes Versehen begangen, guten und bösen Menschen Güter und Uebel in gleichem Maße ohne Unterschied zukommen zu lassen. Tod und Leben, Ehre und Unehre, Schmerz und Vergnügen, Reichthum und Armuth, alle diese Dinge mögen den Bösen wie den Guten ohne Unterschied zu Theil werden, denn sie sind an sich weder ehrbar noch schändlich, sind also in Wahrheit weder ein Gut noch ein Uebel.
12. Wie schnell doch alles verschwindet! In der Welt die Menschen selbst, in der Zeit ihr Andenken! Was ist alles Sinnliche, vorzüglich das, was uns durch Wollust reizt oder durch Schmerz erschreckt, endlich das, was uns durch Scheingröße Rufe der Bewunderung entreißt: wie unbedeutend und verächtlich, wie niedrig, hinfällig und todt! Dies zu erwägen, geziemt dem denkenden Menschen. Wer sind selbst diejenigen, deren Meinungen und Reden Ruhm verleihen? Was ist der Tod? Wenn man ihn für sich allein betrachtet und in Gedanken das davon absondert, was in der Einbildung damit verbunden ist, so wird man darin nichts anderes erblicken, als eine Wirkung der Natur. Wer sich aber vor einer Naturwirkung fürchtet, ist ein Kind. Noch mehr, der Tod ist nicht blos eine Wirkung der Natur, sondern eine für die Natur heilsame Wirkung. Betrachte endlich, wie und durch welchen Theil seines Wesens der Mensch mit Gott in Berührung steht und in welchem Zustande er sich dann befindet, wenn dieses Körpertheilchen zerstäubt ist.
13. Nichts ist jämmerlicher, als ein Mensch, der Alles ergründen will, der die Tiefen der Erde, wie jener Dichter sagt, durchforscht, und was in der Seele seines Nebenmenschen vorgeht, zu errathen sucht, ohne zu bedenken, daß er sich genügen lassen sollte, mit dem Genius, den er in sich hat, zu Verkehren und diesem aufrichtig zu dienen. Dieser Dienst aber besteht darin, ihn vor jeder Leidenschaft, Eitelkeit und Unzufriedenheit mit dem Thun der Götter und Menschen zu bewahren. Denn was von den Göttern kommt, verdient unsere Ehrerbietung wegen der Vortrefflichkeit, und was von den Menschen kommt, unsere Liebe wegen der Verwandtschaft, die zwischen uns ist, manchmal verdient es eine Art Mitleid wegen ihrer Unkenntniß des Guten und Bösen; sie sind wie Blinde, oder so, als wenn Jemand Weiß und Schwarz nicht von einander zu unterscheiden vermag.
14. Und wenn du dreitausend Jahre lebtest, selbst dreißigtausend, so erinnere dich dennoch, daß keiner ein anderes Leben verliert, als das, was er wirklich lebt, und kein anderes lebt, als das was er verliert. Das längste Leben kommt also mit dem kürzesten auf eins hinaus. Der gegenwärtige Zeitpunkt ist für Alle von gleicher Dauer, welche Ungleichheit es auch in der Dauer des Vergangenen geben mag, und den man verliert, erscheint nur wie ein Augenblick; Niemand kann weder die Vergangenheit noch die Zukunft verlieren, denn wie sollte man ihm das rauben können, was er nicht besitzt? Man muß sich also diese beiden Wahrheiten merken, die eine, daß Alles sich im ewigen unveränderlichen Kreislauf befindet, und daß es von keiner Wichtigkeit ist, dieselben Dinge hundert oder zweihundert Jahre oder eine grenzenlose Zeit zu beobachten; die andere, daß der im höchsten Lebensalter und der sehr jung Sterbende Beide das Gleiche verlieren. Sie verlieren nur den gegenwärtigen Zeitpunkt, weil sie nur diesen allein besitzen, und man das, was man nicht besitzt, nicht verlieren kann.
15. Alles beruht auf der Meinung. Die Schlußfolgerungen des Cynikers Monimus sind ganz richtig und sie gewähren auch Nutzen, wenn man sie auf das daran Wahre einschränkt.
16. Die Seele des Menschen bedeckt sich vornehmlich dann mit Schmach, wenn sie gleichsam eine Geschwulst, ein krankhaftes Geschwür in der Welt wird. Denn über Dinge, die uns begegnen, unzufrieden sein, heißt so viel als sich von der allgemeinen Natur, welche die Natur aller besonderen Wesen in sich fasset, lossagen. Ferner entehrt sie sich durch Abneigung gegen einen Menschen oder wenn sie aus Feindseligkeit ihm zu schaden trachtet; und von der Art sind die Gemüther der Zornigen. Sie schändet sich auch, wenn sie sich von der Lust oder vom Schmerze besiegen laßt; ferner, wenn sie sich verstellt und in ihren Handlungen und Reden heuchelt und lügt; endlich, wenn sie bei ihren Handlungen und Bestrebungen kein Ziel verfolgt, sondern unbesonnen ihr Thun dem Zufall überlaßt, während die Pflicht gebietet, selbst die unbedeutendsten Dinge auf einen Zweck zu beziehen. Zweck vernünftiger Wesen aber ist, die vernunftgemäßen Gesetze des Staates von der allerältesten Verfassung zu befolgen.
17. Die Dauer des menschlichen Lebens ist ein Augenblick, das Wesen ein beständiger Strom, die Empfindung eine dunkle Erscheinung, der Leib eine verwesliche Masse, die Seele ein Kreisel, das Schicksal ein Räthsel, der Ruf etwas Unentschiedenes. Kurz, was den Körper betrifft, ist ein schneller Fluß, was die Seele angeht, Träume und Dunst, das Leben ist ein Krieg, eine Haltestelle für Reisende, der Nachruhm ist Vergessenheit. Was kann uns da sicher leiten? Nur eins: die Philosophie. Und ein Philosoph sein heißt: den Genius in uns vor jeder Schmach, vor jedem Schaden bewahren, die Lust und den Schmerz besiegen, nichts dem Zufall überlassen, nie zur Lüge und Verstellung greifen, fremden Thun und Lassens unbedürftig sein, alle Begegnisse und Schicksale als von daher kommend aufzunehmen, von wo wir selbst ausgegangen sind, endlich den Tod mit Herzensfrieden zu erwarten und darin nichts anderes zu sehn, als die Auflösung in die Urstoffe, woraus jedes Wesen zusammengesetzt ist. Wenn aber für die Urstoffe selbst darin nichts Schreckliches liegt, daß jeder von ihnen beständig in einen andern umgewandelt wird, warum sollte man die Umwandlung und Auflösung aller Dinge mit betrübtem Auge ansehen? Das ist ja der Natur gemäß, und was mit der Natur übereinstimmt, ist kein Uebel. Geschrieben zu Carnuntum.
Zum InhaltsverzeichnisDrittes Buch
1. Man muß nicht allein den Gedanken erwägen, daß unser Leben sich täglich verzehrt und daß mit jedem Tag der Rest kleiner wird, sondern man muß auch bedenken, daß, könnte man selbst sein Dasein bis ins höchste Alter verlängern, es doch ungewiß ist, ob unsere Denkkraft immer dieselbe geistige Fähigkeit behalten werde für jene Betrachtung, welche die Grundlage für die Wissenschaft der göttlichen und menschlichen Dinge ist. In der That, wenn man in die Kindheit zu fallen anfängt, so behält man zwar das Vermögen zu athmen, zu verdauen, Vorstellungen und Begierden zu haben, und dergleichen Wirkungen mehr; aber sich seiner selbst zu bedienen, seine jedesmalige Pflicht pünktlich zu beachten, die Eindrücke genau zu zergliedern, zu prüfen, wann es Zeit, aus diesem Leben zu scheiden, kurz Alles, was einen geübten Verstand erfordert, das ist in uns erloschen. Darum müssen wir eilen, nicht nur, weil wir uns immer mehr dem Tode nähern, sondern auch weil die Fassungskraft und die Begriffe in uns oft schon vor dem Tode aufhören.
2. Ferner ist noch zu beachten, daß es selbst in den Ereignissen, die sich in den Erzeugnissen der Natur finden, etwas Reizendes und Anziehendes gibt. So z. B. bekommt manchmal das Brod beim Backen Spalten, und diese Zwischenräume, welche nicht in der Absicht des Bäckers lagen, haben doch eine gewisse Annehmlichkeit, eine besondere Anziehungskraft für den Appetit. So brechen auch die Feigen bei ihrer Reife auf; bei den Oliven fügt selbst die Annäherung der Fäulniß noch der Frucht etwas besonders Liebliches hinzu. Die zur Erde geneigten Aehren, die Augenbrauen des Löwen, der Schaum au der Schnauze des wilden Schweines und so viele andere Dinge haben an und für sich betrachtet nichts Schönes und doch tragen sie zu ihrem Schmucke bei und machen uns Vergnügen, weil sie Zubehör ihres eigenen Wesens sind. Hat daher Jemand Empfänglichkeit und ein tieferes Verständniß für Alles, was im Weltganzen geschieht, so gibt es kaum etwas, das uns auch unter solchen Nebenumständen nicht als eine Art harmonischer Uebereinstimmung mit dem großen Ganzen erschiene. Wir werden demnach den natürlichen Rachen wilder Thiere nicht mit minderem Vergnügen sehen, als den von Malern und Bildhauern nachgeahmten. Solchem von der Weisheit unterstützten Blick wird eben so wenig die eigenartige Schönheit einer betagten Frau oder eines alten Mannes, als der jugendliche Liebreiz eines Knaben entgehen können. Und so gibt es noch viele Dinge, die nicht Jedermann, sondern nur der angenehm findet, der für die Natur und ihre Werke ächten Sinn hat.
3. Hippokrates, der so viele Krankheiten geheilt hatte, wurde selbst krank und starb. Die Chaldäer hatten Vielen den Tod vorhergesagt, endlich wurden sie von demselben Geschick betroffen. Alexander und Pompejus und Caius Cäsar, welche ganze Städte massenhaft von Grund aus zerstört und unzählbare Mengen von Reitern und Fußvolk in den Schlachten niedergemetzelt hatten, verloren endlich ebenfalls ihr Leben. Heraklit, nachdem er über den Weltuntergang durch Feuer so viele naturphilosophische Betrachtungen angestellt hatte, starb an Wassersucht, den Körper in Rindsdünger gehüllt. Die Wurmkrankheit hat den Democrit getödtet, Ungeziefer anderer Art tödtete den Sokrates. Was will ich damit sagen? Du hast dich eingeschifft, bist durch das Meer gefahren, bist im Hafen: steige nun aus! Jst's in ein anderes Leben, so fehlen ja nirgends die Götter, auch dort nicht! Ist es dagegen, um nichts mehr zu fühlen, so enden deine Schmerzen und deine Vergnügungen, deine Einschließung in ein Gefäß, das um so unwürdiger, als derjenige, welcher in diesem Verhältnisse lebt, weit edler ist. Denn dieser ist die Vernunft, dein Genius, jener nur Erde und Verwesung.
4. Verbringe nicht den Rest deines Lebens in Gedanken an Andere, wenn sie keine Beziehung auf das Gemeinwohl haben. Denn du versäumst damit die Erfüllung einer anderen Pflicht, wenn du deinen Geist damit beschäftigst, was dieser oder jener thut und warum, was er sagt, was er denkt oder vorhat u. s. w., was dich von der Beobachtung deiner regierenden Vernunft abzieht. Du mußt also aus deiner Gedankenreihe jeden Zufall, jedes Unnütze, jede Neugier und jede Arglist verbannen, mußt dich gewöhnen, nur solche Gedanken zu haben, daß wenn man dich plötzlich fragt, woran du denkst, du freimüthig antworten kannst: An dies oder das; so daß man an deinen Gedanken erkennt, daß Alles Einfachheit und Wohlwollen ist, wie es einem geselligen Wesen geziemt, daß du nicht an bloses Vergnügen oder irgend einen Genuß denkst, nicht an Haß, Neid, Argwohn oder sonst etwas, dessen Geständniß dich schamroth machen müßte. Ein solcher Mann, der nichts versäumt, sich in der Tugend emporzuheben, ist wie ein Priester und Diener der Götter, innig vertraut mit der Gottheit, die in ihm seinen Tempel hat, die ihn unbefleckt von Lüsten, unverletzbar von Schmerzen, ungebeugt von Kränkung erhält, sie macht ihn unempfindlich gegen jegliche Schlechtigkeit, macht ihn zum Helden im größten aller Kämpfe, über alle Leidenschaften zu siegen, tief durchdrungen von Gerechtigkeitsliebe, im Grunde seines Herzens Alles willig hinnehmend, was ihm zustößt und zu Theil wird. Sich selten und nie außer in Absicht auf das gemeine Beste mit dem beschäftigend, was ein Anderer sagt, thut oder denkt, wendet er seine ganze Thätigkeit seinen eigenen Angelegenheiten zu, und die Bestimmung, welche ihm die ewigen Naturgesetze auflegen, ist der beständige Gegenstand seines Nachdenkens. Jenes verrichtet er so gut er kann, dieses hält er mit fester Ueberzeugung für gut, denn das uns zugetheilte Loos ist für Jeden entsprechend. Er erinnert sich, daß jedes vernünftige Wesen mit ihm verwandt ist und daß es der Menschennatur angemessen ist, unseres Gleichen zu lieben, daß man nicht nach der Anerkennung der Menge, sondern nach der Achtung derjenigen, welche der Natur gemäß leben, trachten müsse. Er erinnert sich stets wie diejenigen, welche nicht so leben, zu Hause und außer dem Hause, sowohl Nachts als Lei Tage sich benehmen und mit was für Leuten sie sich herumtreiben. Das Lob solcher, Leute, welche mit sich selber nicht zufrieden sein können, achtet er für Nichts.
5. Thue nichts mit Unwillen, nichts ohne Rücksicht aufs Gemeinwohl, nichts übereilt, nichts in Zerstreuung. Kleide deine Gedanken nicht in zierliche Worte, sei nicht weitschweifig in deinen Reden, noch thue vielgeschäftig. Vielmehr sei der Gott in dir der Führer eines gesetzten, erfahrenen, staatsklugen Mannes, eines Römers, eines Kaisers, eines Soldaten auf seinem Posten, der das Signal erwartet, eines Menschen, bereit ohne Bedauern das Leben zu verlassen, und dessen Wort weder eines Eidschwurs, noch der Zeugenschaft Anderer bedarf. Dann findet man die Heiterkeit der Seele, wenn man sich gewöhnt, der Hilfe von außen herzn entbehren und zu unserer Ruhe anderer Leute nicht zu bedürfen. Man soll aufrecht stehen, ohne aufrecht gehalten zu werden.
6. Wenn du im menschlichen Leben etwas findest, das höher steht als die Gerechtigkeit, die Wahrheit, die Mäßigkeit, der Muth, mit einem Worte, als ein Gemüth, das in Hinsicht seiner vernunftgemäßen Handlungsweise mit sich selbst und hinsichtlich der Ereignisse, die nicht in seiner Gewalt stehen, mit dem Schicksal zufrieden ist, wenn du, sage ich, etwas Besseres findest, so wende dich dem mit der ganzen Macht deiner Seele zu und ergötze dich an diesem höchsten Gute. Wenn sich aber deinen Blicken nichts Besseres zeigt als der Geist, der in dir wohnt, der sich zum Herrn seiner eigenen Begierden gemacht hat, sich genau Rechenschaft über alle seine Gedanken gibt, welcher sich, wie Sokrates sagte, von der Herrschaft der Sinne losreißt, sich der Leitung der Götter unterwirft und den Menschen seine Fürsorge widmet, wenn alles Andere dir gering und werthlos erscheint, so gib auch keinem andern Dinge Raum. Denn hast du dich einmal hinreißen lassen, so ist es nicht mehr in deiner Macht, dich wieder los zu machen und dem einzigen Gute, das in Wahrheit dein eigen ist, den Vorrang zu geben. Es ist durchaus nicht erlaubt, jenem Güte, das sich auf die Vernunft und das Handeln bezieht, irgend etwas Fremdartiges, wie das Lob der Menge, oder Herrschaft, oder Reichthum, oder Sinnenlust an die Seite zu stellen. Alle diese Dinge werden, wenn wir ihnen auch nur den geringsten Eingang verstatten, die Oberhand bekommen und uns vom rechten Wege abbringen. Wähle also, sage ich, ohne Zaudern und wie ein freier Mann das höchste Gut und halte mit aller Macht fest daran. Das höchste Gut ist auch das Nützliche. Ja das, was dem vernünftigen Geschöpfe nützlich ist, mußt du dir bewahren; ist es dir aber nur als thierischem Wesen nützlich, so laß es fahren und erhalte dein Urtheil frei von Vorurtheilen, damit du Alles gründlich prüfen kannst.
7. Betrachte niemals etwas als nützlich für dich, was dich einst zwingen könnte, dein Wort zu brechen, deine Ehre zu verlieren, Jemanden zu hassen, zu verdächtigen, ihm zu fluchen, dich gegen ihn zu verstellen, wünsche nie etwas, das durch Mauern oder Vorhänge verborgen werden müßte. Derjenige, welcher seiner Vernunft, dem Genius in ihm und der Ehrerbietung für die Tugend den Vorrang läßt, ergeht sich nicht in tragischen Ausrufen, stößt keinen Seufzer aus, sehnt sich weder nach der Einsamkeit, noch nach Umgang mit einer zahlreichen Menge; er wird, und darin liegt ein hohes Gut, leben, ohne das Leben weder zu suchen noch zu fliehen, vollkommen gleichgiltig, ob für einen längeren oder kürzeren Zeitraum seine Seele von der Hülle seines Körpers umgeben sein wird. Ja sollte er auch in diesem Augenblick scheiden müssen, er wird eben so gern scheiden, als bei Erfüllung irgend einer andern, mit Ehre und Anstand übereinstimmenden Handlung. Nur darauf ist er einzig und allein bedacht, seine Seele vor jeder Richtung zu bewahren/ die eines denkenden und geselligen Wesens unwürdig ist.
8. In dem Gemüthe eines wohlerzogenen und geläuterten Menschen findet sich nichts Eiterartiges, nichts Unreines, nichts Arglistiges. Auch entreißt das Schicksal ihm das Leben nicht unvollendet, wie man von einem Schauspieler sagen könnte, daß er vor dem Ende und der Entwickelung des Stückes von der Bühne gegangen. An ihm findet sich weder etwas Knechtisches, noch Gezwungenes, keine äußere Abhängigkeit, keine Zerrissenheit, nichts was den Tadel zu fürchten oder das Licht zu scheuen hat.
9. Bilde deine Urtheilskraft sorgfältig aus. Das ist das wirksamste Mittel, daß keine Meinungen in dir entstehen, welche der Natur und ebenso einem vernünftigen Geschöpfe widersprechen. Die Vernunft schreibt uns vor: Enthaltung von jeder Ueberstürzung in unseren Urtheilen, Wohlwollen für die Menschen, Gehorsam gegen die Befehle der Götter.
10. Schiebe alles Uebrige bei Seite, halte nur an jenem Wenigen fest. Bedenke unter Anderem, daß wir nur die gegenwärtige Zeit leben, die ein unmerklicher Augenblick ist; die übrige Zeit ist entweder schon verlebt oder ist ungewiß. Unser Leben ist also etwas Unbedeutendes, unbedeutend auch der Erdenwinkel, wo wir leben, unbedeutend endlich der Nachruhm, selbst der dauerndste, er pflanzt sich fort durch eine Reihe schnell dahinsterbender Menschenkinder, die nicht einmal sich selbst kennen, geschweige denn Jemanden, der längst vor ihnen gestorben ist, kennen sollten.
11. Zu den hier ausgesprochenen Lebensregeln muß noch eine hinzugefügt werden: von jedem Gegenstände des Gedankenkreises bilde dir einen genauen bestimmten Begriff, so daß du denselben nach seiner wirklichen Beschaffenheit unverhüllt, ganz und nach allen seinen Bestandtheilen anschaulich zu erkennen, und ihn selbst sowol, als auch die einzelnen Merkmale, aus denen er zusammengesetzt ist und in welche er wieder aufgelöst wird, mit ihren richtigen Namen zu bezeichnen vermagst. Nicht? ist geeigneter, uns erhaben über alles Irdische zu machen, als die Fähigkeit, jeden Gegenstand, der uns im Leben aufstößt, richtig und vernunftgemäß zu untersuchen und ihn stets auf solche Art zu betrachten, daß es uns zugleich klar wird, in welchem Zusammenhange er stehe, welchen Nutzen er gewähre, welchen Werth er für das Ganze, welchen für den einzelnen Menschen habe, als Bürger jenes höchsten Staates, worin die übrigen Staaten gleichsam nur wie Häuser anzusehen sind. Sprich: Was ist das, was jetzt diese Vorstellung in mir erregt? Aus welchen Theilen ist es zusammengesetzt? Wie lange kann es seiner Natur nach bestehen? Welche Tugend muß ich ihm gegenüber geltend machen? Etwa Sanftmuth? Standhaftigkeit? Wahrheitsliebe? Vertrauen? Einfalt oder Selbstgenügsamkeit u. s. w.? Bei jedem Ereignisse muß man sich sagen: Dies kommt von Gott, dies von der durchs Schicksal gefügten Verkettung der Dinge, und auch von einem zufälligen Zusammenflüsse von Umständen, dies endlich rührt von einem Genossen unseres Stammes, Geschlechtes, von einem Freunde her, der jedoch nicht weiß, was für ihn naturgemäß ist. Aber ich bin damit nicht unbekannt. Daher behandle ich ihn, wie es das natürliche Gesetz der Gemeinschaft verlangt, wohlwollend und gerecht. Nicht weniger lasse ich mir angelegen sein, selbst in gleichgiltigen Dingen jeden Gegenstand nach seinem wahren Werthe zu schätzen.
12. Wenn du bei all deinem Thun immer der gesunden Vernunft folgst, dasjenige, was dir im Augenblicke zu thun obliegt, mit Eifer, Kraft, Freundlichkeit betreibst und, ohne auf eine Nebensache zu sehen, den Genius in dir rein zit erhalten suchst, als ob du ihn sogleich zurückgeben müßtest; wenn du so ohne Furcht und ohne Hoffnung handelst, dir an der jedesmaligen naturgemäßen Thätigkeit und heldenmüthigen Wahrheitsliebe in deinen Reden und Aeußerungen genügen lässest, so wirst du ein glückliches Leben führen, und es gibt Niemanden, der dich hindern könnte, so zu handeln.
13. Wie die Aerzte für etwaige unerwartete Operationen ihre Werkzeuge und Eisen stets bei sich haben, so sollst auch du mit den nöthigen Grundsätzen versehen sein, um göttliche und menschliche Dinge richtig anzusehen und, eingedenk des gegenseitigen Zusammenhanges Leider, Alles und auch das Geringste darnach zu verrichten. Denn du wirst eben so wenig etwas Menschliches ohne Beziehung auf das Göttliche, als umgekehrt, glücklich zu Stande bringen.
14. Schweife nicht mehr abl Denn du wirst keine Zeit haben, weder deine eigenen Denkwürdigkeiten, noch die alten Geschichten der Römer und Griechen, noch die Auszüge aus Schriftstellern zu durchlesen, welche du für dein Alter zurückgelegt hast. Strebe also zum Ziele, gib leere Hoffnungen auf und komm, so lange du es noch kannst, dir selber zu Hilfe, wenn du dich selbst einigermaßen lieb hast.
15. Man muß wissen, wie viel verschiedene Bedeutungen die Wörter: Stehlen, säen, kaufen, ruhen haben; nicht mit den leiblichen Augen, sondern von einem andern Gesichtspunkt ist zu unterscheiden, was man thun muß.
16. Leib, Seele, Vernunft — dem Leibe gehören die Empfindungen an, der Seele die Triebe, der Vernunft die Grundsätze. Das Vermögen, die Gegenstände sinnlich wahrzunehmen, hat auch das Vieh. Durch Begierden mechanisch erregt zu werden, ist den wilden Thieren und den Mißgeburten, einem Phalaris und Nero gemein. Sich durch den Verstand zu dem leiten lassen, was der äußere Anstand fordert, das thun auch die Gottesläugner, Vaterlandsverräther und diejenigen, welche in ihren verschlossenen Zimmern Schandthaten verüben. Wenn nun nach dem Gesagten dies Allen gemeinschaftlich ist, so bleibt als eigenthümlich für den Guten nur das übrig, daß er zu Allem, was ihm als Pflicht erscheint, die Vernunft zu seiner Führenn habe, Alles, was ihm durch die Verkettung der Geschicke begegnet, mit Liebe umfasse, den im Innern seiner Brust thronenden Genius nicht beflecke, noch durch ein Gewirre von Einbildungen beunruhige, sondern ihn heiter erhalte, anspruchslos der Gottheit unterworfen, und eben so wenig Etwas rede, was der Wahrheit, als Etwas thue, was der Gerechtigkeit widerstreitet. Sollte aber auch alle Welt in sein einfaches, sittsames und wohlgemuthes Leben Zweifel setzen, so wird er darüber weder Jemandem zürnen, noch auch von dem Pfade abweichen, welcher zu einem Lebensziele führt, bei dem man rein, ruhig, bereit und mit williger Ergebung in sein Schicksal anlangen muß.
Zum InhaltsverzeichnisViertes Buch
1. Wenn das in uns Herrschende seiner Naturbeschaffenheit folgt, so ist sein Verhalten bei den Ereignissen des Lebens der Art, daß es sich stets in das Mögliche und Erlaubte mit Leichtigkeit zu finden weiß. Es hat keine Vorliebe für irgend einen bestimmten Gegenstand, sondern die wünschenswerthen Dinge sind nur mit Ausnahme Gegenstände seines Strebens; was ihm aber an deren Statt in den Weg tritt, das macht er sich selbst zum Stoff seines Handelns, dem Feuer gleich, welches sich dessen, was hineinfällt, bemächtigt, wovon ein schwächeres Licht erlöschen würde; aber eine helle Flamme pflegt das, was ihr zugeführt wird, sich gar schnell anzueignen und zu verzehren, und lodert gerade davon nur um so höher empor.
2. Keine deiner Handlungen geschehe aufs Gerathewol, keine anders, als es die Regeln der Lebenskunst gestatten.
3. Man sucht Zurückgezogenheit auf dem Lande, am Meeresufer, auf dem Gebirge, und auch du hast die Gewohnheit, dich darnach lebhaft zu sehnen. Aber das ist blos Unwissenheit und Schwachheit, da es dir ja freisteht, zu jeder dir beliebigen Stunde dich in dich selbst zurückzuziehen. Es gibt für den Menschen keine geräuschlosere und ungestörtere Zufluchtsstätte, als seine eigene Seele, zumal wenn er in sich selbst solche Eigenschaften hat, bei deren Betrachtung er sogleich vollkommene Ruhe genießt, und diese Ruhe ist meiner Meinung nach nichts Anderes, als ein gutes Gewissen. Halte recht oft solche stille Einkehr und erneuere da dich selbst. Da mögen dir dann jene kurzen und einfachen Grundsätze gegenwärtig sein, die genügen werden, deine Seele heiter zu stimmen und dich in Stand zu setzen, mit Ergebenheit die Welt zu ertragen, wohin du zurückkehrst. Denn auf was solltest du auch unwillig sein? Auf die Schlechtigkeit der Menschen? Aber sei doch des Grundgesetzes eingedenk, daß die vernünftigen Wesen für einander geboren sind, daß Verträglichkeit ein Theil der Gerechtigkeit ist, daß die Menschen unvorsätzlich sündigen, und dann, daß es so vielen Leuten zu nichts genutzt hat, in Feindschaft, Argwohn, Zank und Haß gelebt zu haben; sie sind gestorben und zu Asche geworden. Höre also endlich auf, dir Sorge zu machen. Aber du bist vielleicht mit dem Loose unzufrieden, das dir in Folge der Einrichtung des Weltalls beschieden ist? Da rufe dir diese Alternative ins Gedächtniß: entweder waltet eine Vorsehung oder der Zusammenstoß von Atomen, oder erinnere dich auch der Beweisgründe, daß diese Welt einer Stadt gleich ist. Oder belästigen dich die Zufälle des Körpers? Nun da beherzige eben, daß der denkende Geist, wenn er sich einmal gesammelt hat und seiner eigenen Kraft bewußt geworden ist, von keinen sanften oder rohen Erregungen unserer Sinnlichkeit beeinflußt wird, und beachte alle die anderen Lehren, was du über Schmerz und Lust gehört und dir als wahr angeeignet hast. Aber vielleicht treibt dich eitle Ruhmsucht hin und her? Da beachte es doch, wie schnell Alles ins Grab der Vergessenheit sinkt, welcher unermeßliche Abgrund der Zeit vor dir war und nach dir kommen wird, wie nichtig das Lobgetöne ist, wie wandelbar und urtheilslos diejenigen sind, welche dir Beifall zollen, und wie klein der Kreis, auf den dein Ruhm eingeschränkt bleibt! Ist ja die ganze Erde nur ein Punkt im All, und welch kleiner Winkel auf ihr ist deine Wohnung! Und hier, wie viel sind derer, die dich preisen werden, und von welcher Beschaffenheit sind sie? Denke also endlich dich in jenes kleine Gebiet zurückzuziehen, welches du selbst bist, und vor Allem zerstreue dich nicht und widerstrebe nicht, sondern bleibe frei und steh alle Dinge mit furchtlosem Auge au, als Mensch, als Bürger, als sterbliches Wesen. Unter den gebräuchlichsten Wahrheiten aber richte vorzüglich aus folgende zwei dein Augenmerk: erstens, daß die Außendinge mit unserer Seele nicht in Berührung stehen, sondern unbeweglich außerhalb derselben, mithin Störungen deines Seelenfriedens nur aus deiner Einbildung entstehen, und zweitens, daß Alles, was du siehst, gar schnell sich verändert und nicht mehr sein wird. Und von wie vielen Veränderungen bist du selbst schon Augenzeuge gewesen! Erwäge ohne Unterlaß: die Welt ist Verwandlung, das Leben Einbildung.
4. Haben wir das Denkvermögen mit einander gemein, so ist uns auch die Vernunft gemeinsam, kraft der wir vernünftige Wesen sind; ist dies, so haben wir auch die Stimme gemein, welche uns vorschreibt, was wir thun und nicht thun sollen; ist dies, so haben wir auch Alle ein gemeinschaftliches Gesetz; ist dies, so sind wir Mitbürger unter einander und leben zusammen unter derselben Regierung; ist dies, so ist die Welt gleichsam unsere Stadt; denn welchen andern gemeinsamen Staat könnte Jemand nennen, in welchem das ganze Menschengeschlecht dieselben Gesetze hätte? Ebendaher, von diesem gemeinsamen Staate haben wir das Denkvermögen, die Vernunft und die gesetzgeberische Kraft, oder woher sonst? Denn gleich wie das Erdartige an mir sich von gewissen Erdtheilen abgesondert hat, und das Feuchte von einem andern Grundstoff, und der Athem, den ich hauche, und das Warme und das Feurige je aus einer eigenthümlichen Quelle herrühren, denn von Nichts kommt Nichts, so wenig als Etwas in das Nichts übergeht: ebenso ist natürlich auch das Denkvermögen irgend woher gekommen.
5. Der Tod ist ebenso, wie die Geburt, ein Geheimniß der Natur, hier Verbindung, dort Auflösung derselben Grundstoffe. Durchaus Nichts, dessen man sich zu schämen hätte; denn es widerstreitet nicht dem Wesen eines vernünftigen Geschöpfes noch der Anlage seiner Constitution.
6. Daß Leute jener Art nothwendigerweise so handeln müssen, ist ganz natürlich. Wollen, daß es anders sei, heißt wollen, daß der Feigenbaum keinen Saft habe. Überhaupt aber sei dessen eingedenk, daß ihr beide, du sowol als er, in gar kurzer Zeit sterben werdet; bald nachher werden nicht einmal eure Namen mehr übrig sein.
7. Laß die Einbildung schwinden, und es schwindet die Klage, daß man dir Böses gethan. Mit der Unterdrückung der Klage: Man hat mir Böses gethan, ist das Böse selbst unterdrückt.
8. Was dm Menschen nicht schlimmer macht, als er von Natur ist, das kann auch sein Leben nicht verschlimmern, kann ihm weder äußerlich, noch innerlich schaden.
9. Des Nutzens wegen ist die Natur gezwungen, so zu verfahren, wie sie es thut.
10. Alles, was sich ereignet, geschieht gerecht. Wenn du sorgfältig alles beobachtest, wirst du das erkennen; ich sage nicht nur der natürlichen Ordnung, sondern vielmehr der Gerechtigkeit gemäß, und wie von einem Wesen ausgehend, das Alles nach Würdigkeit vertheilt. Beachte dies also wohl, wie du begonnen hast, und was du nur thust, das thue mit dem Bestreben, gut zu sein, gut in der eigentlichen Bedeutung des Worts. Das sei die feststehende Regel bei Allem was du thust.
11. Fasse die Dinge nicht so auf, wie sie dein Beleidiger auffaßt, oder von dir aufgefaßt haben will; sieh dieselben vielmehr so an, wie sie in Wahrheit sind.
12. Zu Zweierlei mußt du stets bereit sein, erstens, einzig nur das zu thun, was die königliche Gesetzgeberin Vernunft um des Menschenwohles willen dir eingibt, und zweitens, deine Meinung zu ändern, sobald nämlich Jemand dich dazu veranlaßt, dadurch, daß er sie berichtigt. Diese Meinungsänderung jedoch muß immer von der Ueberzeugung, daß sie gerecht oder gemeinnützig oder dergleichen sei, einzig und allein ausgehen, keineswegs aber davon, daß wir darin Annehmlichkeit oder Ruhm erblicken.
13. Hast du Vernunft? — Ja. — Warum gebrauchst du sie denn nicht? Denn wenn du sie schalten lässest, was willst du noch mehr?
14. Als ein Theil des Ganzen bist du bisher bestanden, und wirst in deinem Erzeuger wieder aufgehen, oder vielmehr wirst du vermittelst einer Umwandlung als neuer Lebenskeim wieder aufkommen.
15. Viele Weihrauchkörner sind für denselben Altar bestimmt, die einen fallen früher, die anderen später ins Feuer; aber dies macht keinen Unterschied.
16. Innerhalb zehn Tagen wirst du denen, welche dich jetzt wie ein wildes Thier und wie einen Affen ansehen, als ein Gott vorkommen, wenn du zu deinen Grundsätzen und zum Dienst der Vernunft zurückkehrst.
17. Thu nicht, als wenn du Tausende von Jahren zu leben hättest. Der Tod schwebt über deinem Haupte. So lange du noch lebst, so lange du noch kannst, sei ein rechtschaffener Mensch.
18. Wie viel Muße gewinnt der, welcher nicht darauf, was sein Nächster spricht oder thut oder denkt, sondern nur auf das sieht, was er selbst thut, daß es gerecht und heilig sei; sieh nicht, sagt Agathon, die schlechten Sitten um dich her, sondern wandle auf gerader Linie deinen Pfad, ohne dich zu verirren.
19. Wen der Glanz des Nachruhms blendet, erwägt nicht, daß Jeder von denen, die seiner gedenken, bald selbst sterben wird, und so hinwiederum jegliches folgende Geschlecht, bis endlich dieser ganze Ruhm, nachdem er durch einige sterbliche Wesen fortgepflanzt worden, mit diesen selbst stirbt. Aber gesetzt auch, daß die, welche deiner gedenken werden, unsterblich wären, und unsterblich deines Namens Gedächtniß, welchen Werth hat denn das für dich, wenn du todt bist, oder sagen wir, selbst wenn du noch lebst? Was frommt das Lob, außer eben in Verbindung mit gewissen zeitlichen Vortheilen? Laß daher bei Zeiten jenes aufblähende Geschenk fahren, welches ja nur von fremdem Gerede abhängt.
20. Alles Schöne, von welcher Art es auch sein mag, ist an und für sich schön, es ist in sich selbst vollendet und das Lob bildet keinen Bestandtheil seines Wesens. Das Lob macht einen Gegenstand weder schlechter, noch besser. Das Gesagte gilt von allem, was man im gemeinen Leben schön heißt, wie z. B. von den Erzeugnissen der Natur und der Kunst. Was wahrhaft schön ist, bedarf keines Lobes, eben so wenig als das Gesetz, eben so wenig als die Wahrheit, eben so wenig als das Wohlwollen, als die Sittsamkeit. Wie könnte das durch Lob erst gut oder durch Tadel schlecht werden? Verliert der Smaragd an seinem Werthe, wenn er nicht gelobt wird? Und eben so das Gold, das Elfenbein, der Purpur, eine Leier, ein Degen, eine Blume, ein Strauch?
21. Wenn die Seelen fortdauern, wie konnte der Luftraum sie von Ewigkeit her alle fassen? — Aber enthält denn nicht die Erde die Körper derjenigen, welche seit eben so vielen Jahrhunderten begraben wurden? Gleich wie diese hier nach einiger Zeit des Aufenthalts in Folge ihrer Verwandlung und Auflösung anderen Todten Platz machen, eben so dauern auch die in den Luftraum versetzten Seelen dort eine Weile noch fort, werden dann verwandelt, zerstreut, geläutert, in den Grundstoff des Alls aufgenommen und machen auf diese Art den Nachkommenden Platz. Dies etwa könnte man auf die Frage nach der Fortdauer der Seelen antworten. Und hierbei muß man außer der Menge der also beerdigten Menschenleiber auch noch diejenigen der Thiere hinzurechnen, die täglich von uns und anderen Thieren verzehrt werden. Denn welch eine große Anzahl derselben wird nicht verbraucht, die gleichsam in den Leibern derjenigen begraben sind, welche sich davon nähren! Und doch reicht dieser Raum hin, sie aufzunehmen, weil sie hier theils in Blut übergehen, theils sich in Feuer und Luft auflösen. Das Mittel, die Wahrheit über diesen Gegenstand zu entdecken, heißt Unterscheidung von Materie und Form.
22. Laß dich nicht hin und her reißen. Bei Allem, was du thust, denke an das, was recht ist, und bei Allem, was du denkst, halte dich an das, was klar zu begreifen ist.
23. Alles, was dir ansteht, o Welt, steht auch mir au. Nichts kommt mir zu früh, Nichts zu spät, was für dich zur rechten Zeit kommt. Alles, was deine Zeiten mitbringen, ist mir eine liebliche Frucht, o Natur. Von dir kommt Alles, in dir ist Alles, in dich kehrt Alles zurück. Jener sagt: „o du geliebte Cecropsstadt", und du solltest nicht sagen: „o du geliebte Gottesstadt"?
24. Beschränke deine Thätigkeit auf Weniges, sagt Demokritos, wenn du in deinem Innern ruhig sein willst. Vielleicht wäre es besser, zu sagen: Thu das was nothwendig ist und was die Vernunft eines von Natur zur Staatsgemeinschaft bestimmten Wesens gebietet und so, wie sie es gebietet, dies verschafft uns nicht nur die Zufriedenheit, welche aus dem Rechtthun, sondern auch diejenige, die aus dem Wenigthun entspringt. In der That, wenn wir das Meiste, was in unserem Reden und Thun unnöthig ist, wegließen, so würden wir mehr Muße und weniger Unruhe haben. Frage dich also bei jeglicher Sache: gehört diese etwa zu den unnöthigen Dingen? Man muß aber nicht nur die unnützen Handlungen, sondern auch die unnützen Gedanken vermeiden; denn die letztem sind ja die Ursache der überflüssigen Handlungen.
25. Mach' einmal den Versuch, wie sich's als rechtschaffener Mann lebt, der mit dem vom Weltganzen ihm ertheilten Schicksale zufrieden ist und in seiner eigenen rechtschaffenen Handlungsweise und seiner wohlwollenden Gesinnung sein Glück findet.
26. Hast du jenes ins Auge gefaßt? Nun so beachte auch Folgendes: Beunruhige dich selbst nicht; bleibe schlicht! Vergeht sich Einer an dir? Er vergeht sich an sich selbst. Ist dir Etwas zugestoßen? Gut. Alles was dir widerfährt, war dir von Anbeginn nach dem Lauf der Weltgesetze so bestimmt und zugeordnet. Mit wenigen Worten: das Leben ist kurz; von der Gegenwart muß man durch wohlüberlegtes und rechtschaffenes Thun Gewinn ziehen. Auch in Erholungsstunden bleibe nüchtern.
27. Ist die Welt etwas Wohlgeordnetes oder ein zufälliges Durcheinander, das man aber doch Weltordnung nennt? Wie! In dir ist Ordnung und im Weltganzen wäre alles Gewirr und Unordnung? Und das bei der so harmonischen Verknüpfung aller möglichen Kräfte, die einander widerstreiten und zertheilt sind.
28. Es gibt einen schwarzen Charakter, einen weibischen Charakter, einen halsstarrigen, einen thierischen, viehischen, kindischen, dummen, zweideutigen, geckenhaften, treulosen, tyrannischen Charakter.
29. Wenn derjenige ein Fremdling in der Welt zu nennen ist, welcher nicht weiß, was in ihr vorhanden ist, so ist der nicht weniger ein Fremdling, welcher nicht weiß, was in ihr geschieht. Ein Flüchtling ist, wer sich den Staatsgesetzen entzieht; ein Blinder, wer das Geistesauge verschließt; ein Bettler, wer eines Andern bedarf und das, was zum Leben nöthig ist, nicht selbst besitzt; eine Geschwulst am Weltkörper derjenige, welcher vom Grundgesetz der Allnatur sich dadurch trennt und lossagt, daß ihm die Ereignisse in derselben mißfallen, denn sie führt Alles herbei und hat auch dich hervorgebracht; ein Abtrünniger vom Staat ist, wer seine eigene Seele von der allen Vernunftwesen gemeinschaftlichen Seele abtrünnig losreißt.
30. Hier ist Einer Philosoph ohne Rock, dort ein Anderer ohne Buch, ein Dritter halb nackt. Brod habe ich nicht, sagt er, und halte doch mein System aufrecht. Auch mir gewähren die Wissenschaften keinen Unterhalt und ich bleibe ihnen doch ergeben.
31. Die Kunst, welche du gelernt hast, sei dir lieb; da mußt du verweilen. Den Rest deines Lebens verbringe als ein Mensch, der alle seine Angelegenheiten von ganzer Seele den Göttern überlassen hat und sich weder zu irgend eines Menschen Tyrannen noch Sklaven macht.
32. Betrachte einmal zum Beispiel die Zeiten unter Vespasian und du wirst Alles finden wie jetzt: Menschen die freien, Kinder erziehen, Kranke und Sterbende, Kriegsleute und Festfeiernde, Handeltreibende, Ackerbauer, Schmeichler, Anmaßende, Argwöhnische, Gottlose, solche die den Tod dieses oder jenes herbei wünschen, über die Gegenwart murren, verliebt sind, Schätze sammeln, Consulate, Königskronen begehren. Nun sie sind nicht mehr, sie haben aufgehört zu leben. Gehe dann zu den Zeiten Trajans über. Abermals ganz dasselbe. Auch dieses Lebensalter ist ausgestorben. Betrachte gleichfalls die anderen Abschnitte von Zeiten und ganzen Völkern und siehe, wie viele, die Großes geleistet, bald dahinsanken und in die Grundstoffe aufgelöst wurden. Vorzüglich aber rufe in dein Gedächtniß diejenigen zurück, welche du persönlich gekannt hast, wie sie über dem Haschen nach eiteln Dingen vernachlässigten, das zu thun, was der eigenthümlichen Einrichtung ihres Wesens gemäß war, daran unablässig fest zu halten und hierauf ihre Wünsche zu beschränken. Hier mußt du auch noch eingedenk sein, daß die aus jedes Geschäft verwandte Sorgfalt zu seiner Wichtigkeit im rechten Maß und Verhältniß stehen muß. Denn so wirst du keinen Unmuth empfinden, wenn du dich nicht mehr, als sich's gebührt, mit Kleinigkeiten beschäftigst.
33. Einst gebräuchliche Worte sind jetzt unverständliche Ausdrücke. So geht es auch mit den Namen ehemals hochgepriesener Männer, wie Camillus, Cäso, Volesus, Leonnatus, und in kurzer Zeit wird das auch mit einem Scipio und Cato, nachher mit Augustus und dann mit Hadrian und Antoninus der Fall sein. Alles vergeht und wird bald zum Märchen, und sinkt rasch in völlige Vergessenheit. Und dies gilt von denen, die einst so wunderbar geglänzt haben. Denn die Uebrigen, wenn sie kaum den Geist ausgehaucht haben, „schwinden unrühmlich dahin, weder gehört noch gesehen." Was wäre aber auch eigentlich die Unsterblichkeit unseres Nachruhms? Alles eitel. Was ist es also, worauf wir unsere ganze Sorge lenken müssen? Nur das Eine: eine gerechte Sinnesart, gemeinnütziges Handeln, beständige Wahrheit im Reden, und eine Gemüthsstimmung, alles, was uns zustößt, mit Ergebung hinzunehmen, wie eine Nothwendigkeit, eine bekannte Sache, die mit uns einerlei Quelle und Ursprung hat.
34. Ueberlaß dich ohne Widerstand dem Geschick und laß dich von diesem in die ihm beliebigen Verhältnisse verflechten.
35. Alles geht in einem Tage dahin, sowohl der Rühmende, als das Gerühmte.
36. Betrachte unaufhörlich, wie alles Werdende kraft einer Umwandlung entsteht, und gewöhne dich so an den Gedanken, daß die Allnatur Nichts so sehr liebt, als das Vorhandene umzuwandeln, um daraus Neues von ähnlicher Art zu schaffen; denn alles Vorhandene ist gewissermaßen der Same dessen, was aus ihm werden soll. Du aber stellst dir nur das als Samen vor, was in die Erde oder in den Mutterschooß fällt. Das ist ganz oberflächlich gedacht.
37. Bald wirst du todt sein und bist noch nicht weder fest, noch ohne Unruhe, noch frei von der Einbildung, daß du von den Außendingen unglücklich werden kannst, nicht wohlwollend gegen Jedermann, nicht gewohnt, die Weisheit allein in rechten Thaten zu suchen.
38. Prüfe die Gemüther der Menschen, sieh, was die Weisen vermeiden und wonach sie trachten.
39. Dein Uebel hat seinen Grund nicht in der herrschenden Denkungsart eines Andern, auch nicht in der Veränderung und Umstimmung deiner körperlichen Hülle. Wo also? In dem Theile deines Selbst, wo das Vermögen, über Uebel gewisse Meinungen zu hegen, seinen Sitz hat. Möge da keine falsche Vorstellung sein, und Alles steht gut. Ja, würde selbst das mit ihm so eng verbundene Körperchen geschnitten, gebrannt, vereitern, verfaulen, soll doch der Theil deines Wesens, welcher über das Alles seine Meinungen hegt, ruhig bleiben, das heißt, er fälle das Urtheil, daß das, was dem bösen und dem tugendhaften Manne gleicher Weise zustoßen kann, weder ein Uebel noch ein Gut sei. Denn was sowol dem naturwidrig als dem naturgemäß lebenden Menschen ohne Unterschied begegnet, das ist selbst weder naturgemäß noch naturwidrig.
40. Stelle dir stets die Welt als ein Geschöpf vor, das nur aus einer Materie und aus einem einzigen Geiste besteht. Sieh, wie Alles der einen Empfindung derselben sich fügt; wie vermöge einheitlicher Triebkraft Alles sich bildet, wie Alles zu allen Ereignissen mitwirkt, Alles mit allem Werdenden in begründetem Zusammenhang steht, und von welcher Art die innige Verknüpfung und Wechselwirkung ist.
41. „Ein Seelchen bist du, von einem Leichnam belastet," sagt Epiktet.
42. Es ist kein Uebel für die Wesen, die Veränderung zu erleiden, wie es kein Gut für sie ist, kraft der Veränderung zu existiren.
43. Die Zeit ist ein Fluß, ein ungestümer Strom, der Alles fortreißt. Jegliches Ding, nachdem es kaum zum Vorschein gekommen, ist auch schon wieder fortgerissen, ein Anderes wird Herbeigetragen, aber auch das wird bald verschwinden.
44. Alles, was geschieht, ist so gewöhnlich und bekannt, wie die Rose im Frühling und die Frucht zur Erntezeit. Dahin gehören also auch Krankheit und Tod, Verleumdung und Nachstellung, und was sonst noch die Thoren erfreut oder betrübt.
45. Das Folgende schließt sich jederzeit dem Vorangehenden verwandtschaftlich an. Es ist hier nicht etwa so, wie bei einer Reihe von Zahlen, die im Zusammenhang einen andern Werth bezeichnen, als jede einzelne; hier ist eine vernunftmäßige Verbindung; und gleich wie in Allem, was schon existirt, eine vollkommene Zusammenfügung herrscht, so zeigt sie auch in dem, was noch geschieht, keine blos äußerliche Aufeinanderfolge, sondern eine wunderbare Zusammengehörigkeit.
46. Stets erinnere dich des Ausspruchs von Heraklit, daß es der Erde Tod sei, zu Wasser zu werden, des Wassers Tod, zu Luft zu werden, der Luft, zu Feuer zu werden, und umgekehrt. Erinnere dich jenes Menschen, der es vergaß, wohin sein Weg führe, desgleichen wie wir mit der Alles regierenden Vernunft, mit der wir doch täglich verkehren, uns im Zwiespalt befinden, und wie uns selbst Dinge, welche uns jeden Tag vorkommen, fremd erscheinen; ferner, daß wir nicht wie Schlafende handeln und reden müssen, denn auch im Schlaf scheinen wir zu handeln und zu reden, und daß wir es endlich eben so wenig wie die verzogenen Kinder machen sollen, die nur den Grundsatz haben: So haben wir von unsern Eltern gelernt.
47. Gleichwie, wenn ein Gott dir sagte: du mußt morgen oder spätestens übermorgen sterben, du wol nicht so sehr darauf bestehen würdest, lieber übermorgen, als morgen zu sterben, wofern du nicht etwa feige dächtest, denn wie kurz ist der Unterschied! Eben so halte es für gleichgiltig, ob du erst nach laugen Jahren oder morgen schon stirbst.
48. Erwäge beständig, wie viele Aerzte schon dahin gestorben sind, die oft am Lager ihrer Kranken die Stirne in ernste Falten gelegt, und wie viele Astrologen, welche wie etwas Wunderbares den Tod Anderer vorausgesagt! Wie viele Philosophen, die über Tod und Unsterblichkeit ihre tausenderlei Gedanken ausgebrütet; wie viele Kriegshelden, die eine Menge Menschen getödtet; wie viele Gewaltherrscher, die gleich als wären sie selbst unsterblich, ihre Macht über fremdes Leben mit furchtbarem Uebermuthe gemißbraucht haben! Wie viele Städte sind nach ihrem ganzen Umfang daß ich so sage, gestorben, Helice und Pompeji, und Herkulanum und unzählige andere I Durchgehe nun auch der Reihe nach alle deine Bekannten! Der Eine hat Diesen, der Andere Jenen zu Grabe bestattet, und ist bald selbst bestattet worden, und das Alles in so kurzer Zeit! — Siehe denn also im Ganzen genommen das Menschliche jeder Zeit als etwas Flüchtiges und Geringhaltiges an! Was gestern noch im Keimen war, ist morgen schon eingemachtes Fleisch oder ein Haufen Asche. Durchlebe demnach diesen Augenblick von Zeit der Natur gemäß, dann scheide heiter von hinnen, gleich der gereiften Olive: Sie fällt ab, die Erde ihre Erzeugerin preisend und voll Danks gegen den Baum, welcher sie hervorgebracht hat.
49. Sei wie ein Fels, an dem sich beständig die Wellen brechen: Er steht fest und dämpft die Wuth der um ihn brausenden Wogen. Ich Unglückseliger, sagt Jemand, daß mir Dieses oder Jenes widerfahren mußte! Nicht doch! sondern sprich: wie glücklich bin ich, daß ich trotz diesem Schicksal kummerlos bleibe, weder von der Gegenwart gebeugt, noch von der Zukunft geängstigt! Dasselbe hätte ja jedem Andern so gut wie mir begegnen können, aber nicht Jeder hätte es ohne Kummer ertragen können. Warum wäre nun jenes eher ein Unglück, als dieses ein Glück? Kann man das überhaupt ein Unglück nennen, was den Endzweck der Natur des Menschen nicht unerfüllt läßt, oder scheint dir etwas der Natur des Menschen zu widersprechen, was nicht gegen den Willen seiner Natur ist? Was ist aber dieser Wille? Du kennst ihn. Hindert dich denn das, was dir zustößt, gerecht, hochherzig, besonnen, verständig, vorsichtig im Urtheil, truglos, bescheiden, freimüthig zu sein, alle Eigenschaften zu haben, in deren Besitz die Eigenthümlichkeit der Menschennatur besteht? Erinnere dich also bei allem, was dir Traurigkeit verursachen könnte, bei dieser Wahrheit Zuflucht zu suchen: dies ist kein Unglück, vielmehr es mit edlem Muthe zu tragen, ein Glück.
50. Es ist ein gewöhnliches, dennoch wirksames Hilfsmittel zur Todesverachtung, sich diejenigen zu vergegenwärtigen, welche mit Zähigkeit am Leben hingen. Was haben sie vor denen, die früher verstorben sind, voraus? Sie sind auch unterlegen, Cadicianus, Fabius, Julianus, Lepidus und Alle, die Viele zur Bestattung hinausgetragen haben und dann selbst hinausgetragen worden sind. Ja, da ist wenig Unterschied, und unter wie vielen Mühseligkeiten, und in welcher Gesellschaft, und in was für einem Körper mußten sie diese Zeit zubringen! Mach also nicht soviel Wesens davon! Schau auf das Unermeßliche der Zeit hinter dir und auf eine andere Unendlichkeit vor dir! Was ist denn da noch für ein Unterschied zwischen Einem, der drei Tage, und einem Anderen, der drei Menschenalter gelebt hat?
51. Geh immer den kürzesten Weg. Der kürzeste Weg ist der naturgemäße, d. h., in allen Reden und Handlungen der gesunden Vernunft folgen. Ein solcher Entschluß befreit dich von tausend Kümmernissen und Kämpfen, von jeder Verstellung und Eitelkeit.
Zum InhaltsverzeichnisFünftes Buch
1. Wenn du des Morgens nicht gern aufstehen magst, so denke: ich erwache, um als Mensch zu wirken. Warum sollte ich mit Unwillen das thun, wozu ich geschaffen und in die Welt geschickt bin? Bin ich denn geboren, im warmen Bette liegen zu bleiben? — „Aber das ist angenehmer." — Du bist also zum Vergnügen geboren, nicht zur Thätigkeit, zur Arbeit? Siehst du nicht, wie die Pflanzen, die Sperlinge, die Ameisen, die Spinnen, die Bienen, jedes ihr Geschäft verrichten und nach ihrem Vermögen der Harmonie der Welt dienen? Und du weigerst -dich, deine Pflicht als Mensch zu thun, eilst nicht zu deiner natürlichen Bestimmung? „Aber man muß doch auch ausruhen?" Freilich muß man das. Indeß hat auch hierin die Natur eine bestimmte Grenze gesetzt, wie sie im Essen und Trinken eine solche gesetzt hat. Du aber überschreitest diese Schranke, du gehst über das Bedürfniß hinaus. Nicht so in den Aeußerungen deiner Thätigkeit; hier bleibst du hinter dem Möglichen zurück. Du liebst dich eben selbst nicht, sonst würdest du auch deine Natur und das, was sie will, lieben. Diejenigen, welche ihr Handwerk lieben, arbeiten sich dabei ab, vergessen das Bad und die -Mahlzeit. Du aber achtest deine Natur weniger hoch, als der Erzgießer seine Bildformen, der Tänzer seine Sprünge, der Geizhals sein Geld, der Ehrgeizige sein Bischen Ruhm? Auch diese versagen sich den Gegenständen ihrer Leidenschaft zu Lieb eher Nahrung und Schlaf, als daß sie die Vermehrung dessen unterlassen, was für sie so anziehend ist. Dir aber scheinen gemeinnützige Handlungen geringfügiger und der Anstrengung nicht so werth.
2. Wie leicht ist es, jede verdrießliche oder unreinliche Vorstellung von sich abzuwehren und zu unterdrücken, und sogleich wieder in vollkommener Gemüthsruhe zu sein.
3. Betrachte alles naturgemäße Reden und Thun als deiner würdig. Laß dich also durch keine darauf folgenden Vorwürfe oder das Gerede Anderer beeinflussen, vielmehr wenn etwas gut ist zu thun oder zu sagen, so halte es deiner nicht für unwürdig. Jene haben eben ihren eigenen Sinn und folgen ihrer eigenen Neigung. Darnach schaue du dich nicht um, sondern gehe den geraden Weg und folge deiner eigenen und der gemeinsamen Natur. Beide haben nur einen Weg.
4. Ich schreite vorwärts in meinem naturgemäßen Lauf bis ich hinsinke und ausruhe und in dasselbe Element aushauche, wovon ich täglich einathme, und zur Erde zu-: rückkehre, von der mein Vater den Zeugungsstoff, meine: Mutter das Blut und meine Amme die Milch erhielt,: von der ich täglich so viele Jahre hindurch Speise und: Trank empfange, die mich trägt, während ich sie mit: Füßen trete und so vielfach mißbrauche.
5. Durch deine Geistesschärfe kannst du keine Bewunderung erlangen. Es sei! Allein es gibt vieles Andere, wovon, du nicht sagen kannst, daß du dazu nicht geeignet wärest. Zeige demnach das an dir, was ganz in deiner Macht steht, sei lauter, ehrbar, arbeitssam, nicht vergnügungssüchtig, zufrieden mit deinem Geschick, genügsam, wohlwollend, freimüthig, einfach, ernsthaft und großmüthig. Fühlst du's nicht, von Wie Vielen Seiten du schon dich hättest zeigen können, ohne dich mit natürlichem Unvermögen entschuldigen zu dürfen? Und dennoch bleibst du aus freien Stücken hinter dieser Vollkommenheit zurück. Oder bist /du in Folge einer fehlerhaften Naturanlage gezwungen zu murren, deine Trägheit zu zeigen, zu schmeicheln, dein f Körperchen anzuklagen, seinen Launen nachzugeben, groß i zu thun und darüber in so viel Seelenunruhe zu schweben? Nein, bei den Göttern; es ist nicht so! Vielmehr hättest ' du von diesen Fehlern schon längst frei sein können. Wenigstens hättest du, wenn du dich wirklich als etwas langsam und schwerfällig im Begreifen erkennen mußt, diesem Gebrechen durch Uebung abhelfen, nicht aber dasselbe außer Acht lassen oder dir gar in deiner Unthätigkeit gefallen sollen.
6. Mancher, der Jemandem eine Gefälligkeit erwiesen hat, ist sogleich bei der Hand, sie ihm in Rechnung zu stellen; ein Anderer ist zwar dazu nicht sogleich bereit, denkt sich aber doch denselben in anderer Hinsicht als seinen Schuldner, und hat den geleisteten Dienst immer in Gedanken. Ein Dritter dagegen weiß gewissermaßen nicht einmal, was er I geleistet hat, er ist dem Weinstocke gleich, der Trauben trägt und Nichts weiter will, zufrieden, daß er seine Frucht! gegeben hat. Wie ein Pferd, das dahin rannte, ein Hund nach der Jagd, und eine Biene, die ihren Honig bereitet: -so der Mensch, der Gutes gethan hat; er posaunt es 'nicht aus, sondern schreitet zu einem andern guten Werke, wie der Weinstock sich beranket, um zu seiner Zeit wieder Trauben zu tragen. Man soll also denjenigen sich anschließen, die hierin gewissermaßen ohne Ueberlegung handeln? Allerdings. Aber, sprichst du, man muß doch wissen, was man thut, und einem geselligen Wesen ist es ja, wie's heißt, eigenthümlich, zu wissen, daß es zum Nutzen der Gesellschaft wirke, und bei Gott! auch zu wollen,, daß sein Mitgenosse das empfinde. Wohl wahr, was du da sagst; aber du verstehst den Sinn meiner Worte nicht recht und wirst deshalb zur Classe derjenigen gehören, deren ich zuvor gedacht habe; denn sie lassen sich durch einen gewissen Schein von Vernunftmäßigkeit irre leiten. Willst du hingegen den wahren Sinn meiner Aeußerung auffassen, so fürchte nicht, darüber irgend eine gemeinnützige Handlung zu unterlassen.
7. Gebet der Athener: „Gib bald Regen, lieber Zeus, gib Regen den Fluren und Auen der Athener!" Entweder-, muß man gar nicht beten, oder auf diese Art, so einfach und edelgesinnt.
8. Wie man sagt: der Arzt hat diesem Kranken das Reiten, oder ein kaltes Bad, oder das Barfußgehen verordnet, ähnlich so kann man sagen: die Allnatur hat Diesem oder Jenem eine Krankheit, oder Verstümmelung, oder einen Verlust, oder etwas Anderes der Art verordnet. Denn dort bedeutet der Ausdruck „er hat's verordnet" so viel: er hat es ihm als zur Gesundheit dienlich angeordnet, hier aber so viel als: was jedem Menschen begegnet, hat das Geschick als für ihn dienlich angeordnet. In ähnlicher Weise sagen wir, daß etwas für uns passend ist, wie die Baukünstler von den Quadersteinen in den Mauern oder Pyramiden sagen, sie passen, wenn sie in einer gewissen symmetrischen Verbindung stehen. Im großen und ganzen gs waltet eine einheitliche Uebereinstimmung und gleichwie. aus allen Körpern zusammengenommen die Welt ein so vollendeter Körper wird: so wird auch aus allen wirkenden s Ursachen zusammengenommen jene höchste ursächliche Kraft, das Schicksal. Was ich hier sage, verstehen auch die allerunwissendsten Menschen; denn sie sagen ja: das ist Schickung; also wurde es uns zugeschickt oder zugeordnet. Lasset uns mithin derlei Schickungen so annehmen, wie die Mittel, welche ein Arzt verordnet. Schmeckt ja auch unter diesen Vieles bitter, und doch heißen wir's in Aussicht auf Genesung willkommen. Denke dir also dasjenige, was die gemeinsame Natur für vollständige Erreichung des Zieles bestimmt, als etwas deiner Gesundheit Aehnliches, und heiße Alles, was geschieht, wenn es dir auch als d noch so hart erscheint, willkommen, weil es zum Ziele hinführt, nämlich zur Gesundheit der Welt, und zum gedeihlichen Wirken und zur Seligkeit des höchsten Gottes. Denn er würde einem Menschen Nichts der Art zuschicken, wenn es nicht dem Ganzen nützlich wäre. Schickt ja nicht einmal ein Wesen gewöhnlicher Art einem andern von ihm abhängigen etwas zu, das demselben nicht förderlich ist. Aus zwei Gründen also mußt du mit dem, was dir widerfährt, zufrieden sein: für's Erste nämlich, weil es dir bestimmt und verordnet wurde, und in Verkettung mit einer langen Reihe vorhergegangener Ursachen auf dich irgendwie Bezug hatte; für's Andere aber, weil es für den Beherrscher des Ganzen Grund seines gedeihlichen Wirkens, seiner Vollkommenheit, ja sogar seiner Fortdauer ist. Denn das Weltganze würde verstümmelt, wenn du am Zusammenhang und Zusammenhalt wie der Bestandtheile so denn auch der wirkenden Ursachen auch nur das Geringste lostrennen wolltest. Du trennst es aber los, so viel es bei dir steht, wenn du damit unzufrieden bist und es gewissermaßen wegzuräumen suchst.
9. Empfinde keinen Ekel, laß deinen Eifer und Muth nicht sinken, wenn es dir nicht vollständig gelingt, Alles nach richtigen Grundsätzen auszuführen; fange vielmehr, wenn dir etwas mißlungen ist, von Neuem an, und sei zufrieden, wenn die Mehrzahl deiner Handlungen der Menschennatur gemäß ist, und behalte das lieb, worauf du zurückkommst. Kehre zur Philosophie nicht wie zu einer Zuchtmeisterin zurück, sondern wie die Augenkranken zum Schwämmchen oder zum Ei, oder ein Anderer zum Pflaster oder zum Wasserstrahl. Denn alsdann wird es keine Qual für dich sein, der Vernunft zu gehorchen, vielmehr wirst du dich ihr vertrauensvoll anschließen. Bedenke doch nur, daß die Philosophie nur das verlangt, was auch deine Natur verlangt. Du aber wolltest etwas Anderes, etwas Naturwidriges? Was von beiden ist anziehender? Täuscht uns nicht oft die Lust durch den Schein? Sieh nur einmal zu, ob nicht Hochherzigkeit, Geistesfreiheit, Einfalt, Billigkeit und Unsträflichkeit doch anziehender seien? Oder was ist anziehender, als eben die Einsicht, wenn du darunter die Fertigkeit des Vermögens der Erkenntniß und des Wissens verstehst, in Allem ohne Anstoß und glücklich seine Zwecke zu erreichen?
10. Die Dinge in der Welt sind gewissermaßen in ein solches Dunkel gehüllt, daß sie nicht wenige Philosophen, und zwar nicht alltägliche, bekannt haben, man könne sie nicht begreifen. Selbst die Stoiker halten sie für schwer ergründlich. Und wirklich sind auch all unsere Begriffe veränderlich. Denn wo ist ein Mensch, der sich niemals in seinen Urtheilen geändert hat? Geh nun mit deiner Betrachtung auf die erkannten Gegenstände selbst übn, Wie kurzdauernd und werthlos sind sie, und können sogar das Eigenthum eines Possenreißers, eines Unzüchtigen oder eines Straßenräubers werden. Lenke nach diesen: deinen Blick aus den Geist deiner Zeitgenossen. Man hat Mühe, selbst die Art und Weise des Dienstfertigsten unter ihnen erträglich zu finden, zu geschweige::, daß Mancher sich selbst kaum ertragen kann. Was nun bei solchen: Dunkel und solcher Widerlichkeit der Zustände und dem so raschen Verlauf der Dinge und der Zeit, der Bewegung und des Bewegten, wohl der Hochschätzung oder des Streben? überhaupt noch werth sein könne, vermag ich nicht zu begreifen. Im Gegentheil ist es ja Pflicht, die natürliche Auflösung getrost zu erwarten, und über ihren Verzug sich nicht zu beklagen, sondern mit Folgendem allein sich zu beruhigen: erstens, es kann mir Nichts begegnen, was nicht der Natur des Ganzen gemäß wäre, und dann, von mir selbst hängt es ab, meinen: Gott und Genius Nichts zuwider zu thun; denn Niemand kann mich zwingen, ihn: zuwider zu handeln.
11. Wozu wende ich denn jetzt meine Seele an? So mußt du dich bei jeder Gelegenheit selbst fragen und dann weiter forschen: was geht jetzt in dem Theilchen meines Wesens vor, welches man ja das gebietende nennt, und was für eine Seele habe ich also jetzt? Etwa die eines Kindes, oder eines Jünglings, oder eines schwachen Weibes? Oder etwa die eines Tyrannen, eines Lastthieres oder eines wilden Thieres?
12. Den eigentlichen Werth derjenigen Dinge, welche dem großen Haufen als Güter erscheinen, kannst du auch daraus abnehmen: wenn nämlich Jemand an Güter denkt, die es in Wahrheit sind, wie Einsicht, Selbstbeherrschung, Gerechtigkeit, Tapferkeit, so wird es ihm, solche Gedanken im Vordergrund, wol unmöglich sein, noch über jene gleichgiltige Dinge etwas anzuhören; denn für den Guten ziemt sich Solches nicht. Denkt er hingegen zuvörderst eben an die Scheingüter des großen Haufens, so wird er aushorchen und jenes Schlußwort des komischen Dichters als eine treffende Aeußerung sich gerne gefallen lassen. Auf diese Art stellt sich auch der große Haufe den Unterschied vor. Denn sonst würde uns jene Scherzrede nicht als anstößig und unwürdig vorkommen, dagegen würden wir sie als einen passenden und witzigen Einfall aufnehmen, wenn sie auf den Reichthum und die Förderungsmittel der Ueppigkeit und Ehrsucht angewandt wird. Gehe nun hin und frage, ob solche Dinge schätzbar und als Güter zu erachten seien, bei deren Vorstellung man den passenden Zusatz anbringen könnte, „daß ihr Besitzer vor lauter Reichthum nicht ein Räumchen übrig habe, wo er seine Nothdurft verrichten kann."
13. Ich bestehe aus einer wirkenden Kraft und einem körperlichen Stoffe. Keines von beiden aber wird in Nichts verschwinden, so wenig, als es aus Nichts entstanden ist. Jeder Theil meines Wesens wird also durch Umwandlung in irgend einen Theil der Welt versetzt, und dieser wieder in einen andern Theil derselben und so ins Unendliche fort umgewandelt werden. In Folge einer solchen Umwandlung bin auch ich entstanden, und ebenso meine Eltern, und so rückwärts ins Unendliche. Denn Nichts hindert uns, also zu reden, wenn auch der Weltlauf nach fest begrenzten Zeiträumen gelenkt wird.
14. Die Vernunft und die Kunst, vernünftig zu leben, sind Kräfte, die für sich selbst und für ihre Wirkungen ausreichen. Sie gehen von ihrem eigenen Princip aus und streben geraden Weges dem ihnen vorliegenden Ziele zu. Daher heißen auch die ihnen gemäßen Handlungen gerade, weil sie auf den geraden Weg hinweisen.
15. Dinge, welche den Menschen in seiner Eigenschaft als Mensch nicht angehen, darf man durchaus nicht als menschliche Eigenthümlichkeit erachten. Sie sind ja keine Erfordernisse des Menschen, auch verheißt sie die menschliche Natur nicht, und ebenso wenig vervollkommnen sie die menschliche Natur. Mithin beruht auf ihnen weder die höchste Bestimmung der Menschheit noch das Gut, welches die höchste menschliche Bestimmung verwirklicht. Zudem, wenn eines von ihnen den Menschen anginge, so würde es ihm nicht zustehen, sie zu verachten, oder gegen sie aufzutreten, und derjenige, welcher sich so hinstellt, als bedürfe er ihrer nicht, wäre nicht zu loben, und selbst der, welcher sich eines derselben versagt, würde kein tugendhafter Mensch sein, wofern sie wahre Güter wären. Nun aber ist einer, der sich viele dieser und anderer Dinge der Art versagt oder auch ihre Versagung sich gefallen läßt, ein nm so tugendhafterer Mensch.
16. Nach der Beschaffenheit der Gegenstände, welche du dir am öftesten vorstellst, wird sich auch deine Gesinnung richten; denn von den Gedanken nimmt die Seele ihre Farbe an. Gib ihr also die Färbung durch eine Reihe von Vorstellungen der Art, wie: wo man leben muß, da. kann man auch glücklich leben; am Hof aber mußt du leben, mithin kannst du auch am Hof glücklich leben. Ferner: der Grund, warum jedes Ding gebildet ward, ist auch der Zweck, wozu es gebildet ward und darauf wird es Hingetrieben, in den, aber, worauf es Hingetrieben wird, liegt auch sein höchstes Ziel. Wo aber das höchste Ziel, da ist auch das Wohl und das Gut eines Jeglichen. Das Wohl eines vernünftigen Wesens liegt in der menschlichen Gesellschaft. Denn daß wir zur Geselligkeit geboren sind, das ist längst schon erwiesen. Oder liegt es nicht auf der Hand, daß die niederen Wesen um der höheren, die höheren aber eines nm des anderen willen da sind? Die lebendigen Geschöpfe stehen höher als die leblosen und unter den beseelten stehen die vernünftigen oben an.
17. Unmögliche Dinge verlangen, ist thöricht; unmöglich aber ist es, daß die Lasterhaften anders, als lasterhaft handeln.
18. Keinem Menschen widerfährt etwas, das er nicht seiner Natur nach auch ertragen könnte. Dieselben Unglücksfälle widerfahren einen: Andern, welcher entweder weil er das nicht recht kennt, was ihm widerfährt, oder weil er seine Geistesgröße dabei zeigen will, ruhig und unverletzt bleibt. Ist es nicht entsetzlich, daß Unwissenheit und Eitelkeit stärker sein sollen, als Einsicht?
19. Die Außendinge selbst berühren die Seele auf keinerlei Weise. Sie haben keinen Eingang zu ihr und können die Seele weder umstimmen noch irgendwie bewegen. Sie ertheilt sich vielmehr selber allein Stimmung und Bewegung, und nach Maßgabe der Urtheile, welche sie über ihre eigene Würde fällt, schätzt sie auch die äußeren Gegenstände höher oder niedriger.
20. In einer Hinsicht ist der Mensch das uns am nächsten stehende Wesen, insofern wir ihm wohlthun und ihn ertragen sollen; insofern aber einer mich au Erfüllung meiner Pflichten hindert, wird er für mich zu einem der gleichgiltigen Dinge eben so gut, wie die Sonne, der Wind oder ein Thier. Diese jedoch können meiner Wirksamkeit hinderlich werden; aber für mein Wollen und meine Gesinnung gibt es keine Hindernisse; denn jenes ist au bedingende Ausnahmen geknüpft, dieser kann ich eine andere Richtung geben. Denn der Verstand wendet und lenkt jedes Hinderniß seiner Wirksamkeit zur Förderung des Besseren um, und so wird für eine Handlung förderlich, was dieselbe zuvor hemmen wollte, und was mir im Wege stand, eröffnet mir dann einen Weg.
21. Ehre, was in der Welt das Vollkommenste ist; dies ist aber das Wesen, welches Alles zu seinem Gebrauche hat und Alles leitet. Ebenso ehre aber auch, was in dir selbst das Beste ist, und dieß ist jenem verwandt. Denn es ist dasjenige an dir, was alles Andere zu seinem Gebrauche hat, und dein Leben wird von diesem regiert.
22. Was dem Staate nicht schädlich ist, beschädigt auch den Bürger nicht. Bei jeder vermeintlichen Beschädigung wende folgende Regel an: wird der Staat nicht dadurch beschädigt, so schadet's auch mir nicht; wenn aber der Staat verletzt wird, so soll ich doch dem Schadensstifter nicht zürnen, was er versehen hat.
23. Denke oft daran, wie schnell Alles, was ist und geschieht, fortgerissen und entrückt wird. Ist ja doch das Wesen der Dinge in einem stätigen Flusse, und sind ihre Wirkungen einem unaufhörlichen Wechsel und deren Ursachen unzähligen Veränderungen unterworfen. Fast Nichts hat Bestand, und uns nahe liegt jener gähnende Abgrund der Vergangenheit und Zukunft, in dem Alles verschwindet. Sollte also der nicht ein Thor sein, welcher auf diese Dinge stolz ist, oder ihretwegen sich quält, oder darüber jammert, als über etwas Beschwerliches, das langwierig und nicht von nur kurzer Dauer?
24. Betrachte die ganze Natur, wovon du nur ein winziges Stücklein bist, und das ganze Zeitmaß, von welchem nur ein kurzer und kleiner Abschnitt dir zugemessen ist, und das Schicksal, wovon das deinige nur einen Bruchtheil bildet.
25. ' Es beträgt sich Jemand schlecht — das ist seine Sache! Er hat seine eigenthümliche Gesinnung, seine eigenthümliche Art zu handeln. Ich aber habe jetzt, was ich nach dem Willen der Allnatur haben, und thue, was ich nach dem Willen meiner Natur thun soll.
26. Der herrschende und gebietende Theil deines Wesens bleibe bei leisen oder heftigen Regungen in deinem Fleische unerschüttert. Er mische sich nicht in das Fleischliche, sondern beschränke sich auf sein Gebiet und umgrenze jene Reizungen in seinen Gliedern. Wenn sie jedoch kraft ihrer anderweitigen Mittheilbarkeit in Folge der Einigung von Geist und Körper in das Denkvermögen eindringen, dann versuche es nicht, gegen ein natürliches Gefühl zu kämpfen. Nur den Wahn, als handle es sich um ein Gut oder um ein Uebel, füge der in dir herrschende Theil nicht von sich hinzu.
27. Lebe in der Gemeinschaft der Götter. Der aber lebt in Gemeinschaft mit ihnen, welcher ihnen stets eine Seele zeigt, die mit dem ihr beschiedenen Loose zufrieden ist und Alles das thut, was der Genius will, den Zeus als einen Sprößling seines eigenen Wesens ihm zum Vorsteher und Führer beigegeben hat. Dies ist aber eines Jeden Verstand und Vernunft.
28. Wirst du wol einem zürnen, der nach Schweiß riecht, oder einem, dessen Athem widerlich ist? Was kann er dafür? Er hat nun einmal solch einen Mund, und hat solche Armhöhlungen; es muß also solche Ausdünstung von derlei Gliedern ausgehen. Aber der Mensch hat Vernunft, sagt Einer, und kann also bei einiger Aufmerksamkeit wohl einsehen, worin er sich vergehe. Ganz richtig. Mithin hast auch du Vernunft; erwecke also durch deine vernunftmäßige Stimmung die gleiche Stimmung bei dem Andern. Belehre! Ermähne! Denn wofern er darauf hört, wirst du ihn heilen und brauchst dann nicht zu zürnen, noch zu klagen oder nachgibig zu sein.
29. Wie du am Ende deines Lebenslaufes wünschest gelebt zu haben, so kannst du jetzt schon leben. Gestattet man dir aber das nicht, alsdann verlaß das Leben, jedoch so, als sei dir kein Uebel widerfahren. Raucht es irgendwo, so gehe ich weg. Warum scheint dir das so schwer zu sein? So lange mich indeß Nichts der Art vertreibt, bleibe ich freiwillig da, und Niemand soll mich hindern, zu thun, was ich will. Mein Wille aber ist der Natur eines vernünftigen und geselligen Wesens gemäß.
30. Der Geist des Weltganzen ist zugesellend, deswegen hat er Wesen von unvollkommener Art um der vollkommeneren willen hervorgebracht und die höheren harmonisch mit einander verbunden. Du siehst ja, wie er Alles einander unter- und beigeordnet, jedem nach Maßgabe seines Werthes das Seinige zugetheilt und die edelsten Wesen zu gegenseitiger Eintracht an einander gekettet hat.
31. Wie hast du dich bisher gegen die Götter, deine Eltern, Geschwister, Gattin, Kinder, Lehrer, Erzieher, Freunde, Verwandte und Hausgenossen betragen? Kannst du sagen: Niemand hat er durch Thaten beleidiget, noch auch durch Worte. Erinnere dich aber auch daran, was Alles du schon durchgemacht, und was Alles zu ertragen du Kraft gehabt hast, daß die Geschichte deines Lebens bereits vollendet und dein Dienst vollbracht ist. Wie viel Schönes hast du schon wahrgenommen, wie viele Sinnenfreuden und Leiden verachtet, wie viele eitle Herrlichkeiten übersehen, gegen wie viele Uebelwollende dich wohlwollend erzeigt?
32. Warum sollten rohe und ungebildete Gemüther ein gebildetes und einsichtsvolles Gemüth beunruhigen können? Was ist aber eine gebildete und einsichtsvolle Seele? Die, welche den Ursprung und das Ziel der Dinge kennt und den Geist, welcher die Körperwelt durchdringt und die ganze Zeit hindurch nach bestimmten Abschnitten das All verwaltet.
33. Wie bald und du bist Asche und ein Knochengerippe und nur noch ein Name, oder selbst nicht ein Name mehr ist übrig! Der Name aber ist bloßer Schall und Wieder hat!. Und die geschätztesten Güter des Lebens sind eitel, modernd, unbedeutend, Hunden gleich, die sich herumbeißen, und Kindern, die sich zanken, bald lachen und dann wieder weinen. Treue aber und Scham, Gerechtigkeit und Wahrheitsliebe -zum Olymp der geräumigen Erde entflohen. Was gibt es also, das dich hier unten zurückhält? da ja alles Sinnliche so wandelbar und unbeständig ist, die Sinne selbst aber voll trüber Eindrücke und leicht zu täuschen sind, und das Seelchen selbst nur ein Ausdampfen des Blutes ist. Und nun unter solchen Menschen berühmt sein — wie nichtig! Warum siehst du also nicht gelassen deinem Erlöschen oder deiner Versetzung entgegen'? Bis aber dieser Zeitpunkt sich einstellt, was bleibt übrig? Was anders, als die Götter zu ehren und zu preisen, den Menschen aber wohl zu thun, und sie zu dulden oder auch zu meiden, und zu bedenken, daß Alles, was außerhalb der engen Grenzen deines Fleisches und Geistes liegt, weder dir gehöre, noch von dir abhänge.
34. Es liegt in deiner Macht, daß dein Leben glücklich dahinfließe, wenn du nur dein rechten Weg folgen und auf diesem urtheilen und handeln willst. Denn der Seele Gottes und des Menschen und überhaupt jedes vernünftigen Geschöpfes sind folgende zwei Eigenschaften gemein: erstens, daß sie sich von nichts Anderem hindern läßt, und zweitens, daß ihr Wohl ans einer gerechten Sinnes- und Handlungsweise beruht und ihr Streben daraus sich einschränkt.
35. Wenn dies oder jenes weder durch eine Schlechtigkeit von mir, noch durch eine Wirkung meiner Schlechtigkeit geschieht, und auch das Gemeinwesen davon keinen Schaden leidet, warum bin ich darüber unruhig? Und was könnte dann die Ordnung des Universums dabei leiden?
36. Laß dich nicht von deinen Einbildungen hinreißen, komm Anderen nach Vermögen und Verdienst zu Hilfe. Doch wenn sie in gleichgültigen Dingen einen Verlust erlitten, so stelle dir darunter nicht sogleich einen wirklichen Nachtheil vor; denn das Vorurtheil ist ein Uebel; sondern wie jener Greis, der seinem Zöglinge einen Kreisel abforderte und dann weiter ging, wohl wissend, daß es nur ein Kreisel sei, so verfahre du auch hier. Wenn du aber vor dem Volke auf der Rednerbühne sprichst, Mensch, vergißt du, was es damit auf sich habe? „Ja, aber darauf verwendet man eben doch so vielen Fleiß." Mußt du also deshalb auch so ein Thor werden? Der Mensch, wo auch immer verlassen, kann an allen Orten glücklich sein, glücklich aber ist, wer sich selbst ein glückliches Loos bereitet hat. Das glückliche Loos aber besteht in guter Gemüthsstimmung, in guten Neigungen und guten Handlungen.
Zum InhaltsverzeichnisSechstes Buch
1. Der Weltstoff ist fügsam und leicht verwandlungsfähig und die Alles beherrschende Vernunft hat in sich keinen Grund zum Bösesthun; denn sie ist ohne Bösartigkeit, thut also auch nichts Böses, noch wird von ihr Etwas beschädigt; Alles aber wird ihr gemäß hervorgebracht und vollendet.
2. In Erfüllung deiner Pflicht soll dir nichts darauf ankommen, ob du vor Kälte starrest oder vor Hitze glühest, ob du schläfrig seist oder genug geschlafen habest, ob man dich tadelt oder lobt, ob du darüber dem Tode nahe kommest, oder etwas Anderes der Art zu leiden habest. Auch das Sterben ist ja eine von den Aufgaben unseres Lebens. Genug also, wenn du auch sie glücklich lösest, sobald sie dir vorgelegt wird.
3. Schau jeden: Ding auf den Grund. Seine eigenthümliche Beschaffenheit so wenig, als sein Werth, entgehe deinem Blicke!
4. Alle Gegenstände der Sinnenwelt verwandeln sich sehr schnell und lösen sich entweder in Rauch auf, wenn die Körperwelt ein Ganzes bleibt, oder sonst werden sie zerstreut.
5. Die Alles beherrschende Vernunft weiß wohl, in welcher Stellung sie sich befinde, und wie und auf welchen Stoff sie wirkt.
6. Die beste Art, sich an Jemand zu rächen, ist die, nicht Böses mit Bösem zu vergelten.
7. Darin suche deine ganze Freude und Befriedigung, immer Gottes eingedenk von einer gemeinnützigen That zu einer andern fortzuschreiten.
8. Die im Menschen herrschende Vernunft ist es, die sich selbst weckt und lenkt und zu dem macht, was sie ist und sein will, und jedem Vorfall das Aussehen verleiht, das es in seinen Augen haben soll.
9. Der Natur des Ganzen gemäß geschieht Alles und Jedes, nicht aber nach irgend einer andern Natur, welche etwa die Dinge von Außen umgibt, oder in ihrem Innern eingeschlossen oder völlig von ihnen getrennt ist.
10. Die Welt ist entweder ein zufälliges Gemisch von Dingen, die sich bald mit einander verflechten, bald von einander lösen, oder ein Ganzes, worin Einheit und Ordnung und Vorsehung walten. Ist sie nun das Erstere, warum sollte es mich verlangen, in einem ordnungslosen Gewirre, in solch einem Gemengsel zu verweilen? was könnte mir dann erwünschter sein, als einst wieder Erde zu werden? Warum mich auch beunruhigen? Denn was ich auch thun mag, die Auflösung wird über mich kommen. Im andern Falle verehre ich den Allbeherrscher, bin ruhigen Gemüthes und vertraue ganz auf ihn.
11. Solltest du je einmal durch die Gewalt der Umstände in eine Art von Gemüthsunruhe versetzt werden, so kehre bald in dich selbst zurück. Laß dich nicht über Gebühr aus dem Takte bringen. Denn wofern du stets wieder zu einer harmonischen Stimmung der Seele zurückkehrst, wirst du ihrer immer mächtiger werden.
12. Wenn du zugleich eine Stiefmutter und eine leibliche Mutter hättest, so würdest du zwar jene ehren, aber doch bei deiner rechten Mutter beständig deine Zuflucht suchen. Ebenso steht es bei dir mit dem Hofe und mit der Philosophie. Weile immer wieder bei der letzteren und erhole dich bei ihr. Um ihretwillen wird dir auch das dortige Leben erträglich und du selbst au deinem Hofe erträglich werden.
13. Gleichwie man bei Fleischgerichten und anderen Eßwaaren der Art denken soll: das ist also der Leichnam eines Fisches, das der Leichnam eines Vogels oder eines Schweines und hinwiederum beim Falernerwein: er ist Nichts, als der ausgedrückte Saft einer Traube; oder beim Purpur: er ist mir Schafswolle, in das Blut einer Schnecke getaucht; und beim geschlechtlichen Umgang: er ist die Reibung eines Eingeweides und Ausscheidung von Schleim mit Zuckungen verbunden; solche Vorstellungen sind nämlich den Gegenständen wirklich ganz entsprechend und durchdringen ihr Wesen, so daß man sieht, was eigentlich an ihnen sei: ebenso nun muß man's im ganzen Leben machen, und wo Einem Dinge in noch so beifallswürdiger Gestalt vorgespiegelt werden, sie entlarven, ihren Unwerth sich anschaulich machen und die schimmernde Einkleidung, womit sie sich brüsten, ihnen benehmen. Denn der Schein ist ein furchtbarer Betrüger, und gerade wenn man glaubt, sich mit den allerbedeutendsten Dingen zu beschäftigen, bezaubert er am meisten. Denke daran, was Krates selbst von einem Xenokrates sagte.
14. Das Meiste von dem, was die Menge bewundert, gehört zu den allergewöhnlichsten Dingen der Welt:. Gegenstände von festem und natürlichem Zusammenhalt, dahin gehören Steine und Holzarten, wie Feigenbäume, Weinstöcke, Oel-bäume. Andere, schon von etwas höherem Sinne, lieben beseelte Gegenstände, wie Heerden von Klein- und Großvieh. Leute von noch höherer Bildung schätzen Wesen, die eine gebildete Seele haben, nicht sowohl eine weltbürgerliche, als vielmehr eine zu Künsten aufgelegte, oder sonstwie gewandte Seele haben, Leute dieser Art legen oft einen hohen Werth auf den Besitz einer Menge von Sklaven. Wer aber eine vernünftige, Welt- und staatsbürgerliche Seele hochachtet, der hat kein anderes Interesse mehr, dagegen sucht er seine eigene Seele in vernünftiger und gemeinnütziger Verfassung und Thätigkeit zu erhalten und hierzu auch den Mitgenossen seines Geschlechts behilflich zu sein.
15. Jenes eilt ins Dasein, Dieses aus dem Dasein, und von dem, was im Werden begriffen ist, ist Manches bereits wieder verschwunden. Eine unaufhörliche Flut von Veränderungen erneuert stets die Welt, so wie der ununterbrochene Lauf der Zeit uns immer wieder eine neue unbegrenzte Dauer in Aussicht stellt. Wer möchte nun in diesen: Strome, wo man keinen festen Fuß fassen kann, irgend eines von den vorübereilenden Dingen besonders werthschätzen? Das wäre gerade, als wenn Jemand in einen vorüberfliegenden Sperling sich verlieben wollte, der ihm in einem Augenblicke wieder aus den Augen entschwunden ist. Ist doch selbst jegliches Menschenleben von ähnlicher Art, nichts Anderes, als das Ausdampfen von Blut und das Einathmen der Lust. Denn ganz dasselbe ist es, die Luft einmal einzuziehen und sie dann wieder von sich zu geben, was wir alle Augenblicke thun, oder dein ganzes Athmungsvermögen, das du gestern oder ehegestern mit deiner Geburt bekamst, wieder dahin zurückzugeben, von woher du es anfänglich an dich gezogen hast.
16. Nicht das ist achtungswerth, daß wir ausdünsten, denn das haben wir mit den Pflanzen gemein, oder Athem holen, denn das thun auch die Thiere, ebenso wenig, daß wir durch unser Vorstellungsvermögen Eindrücke von der Außenwelt bekommen, oder durch unsere Triebe in Bewegung gesetzt werden, uns zusammengesellen und Nahrung in uns aufnehmen; denn dies ist von gleichem Belang mit dem Wiederausscheiden der verdauten Nahrungsmittel. Was ist denn nun achtungswerth? Etwa, daß man uns mit den Händen Beifall klatscht? Keineswegs. Mithin auch nicht die Beifallsbezeugungen mit der Zunge. Denn die Lobeserhebungen von Seiten des großen Haufens sind doch nichts Anderes, als ein Zungengeklatsch. Laß also dein Bischen Ruhm fahren. Was bleibt aber wirklich Achtungswürdiges übrig? Mich dünkt dieses: deiner eigenthümlichen Natureinrichtung gemäß dich thätig und zweckentsprechend zu beweisen. Und darauf leiten auch die Gewerbe und die Künste hin. Denn jede Kunst hat darauf ihr Absehen, ihr Erzeugnis; dem Zwecke anzupassen, zu dessen Behuf es hervorgebracht worden ist. Dies beabsichtigt der Gärtner, indem er des Weinstocks Pflegt, dies der Rossebändiger und der Hundewärter. Erziehung aber und Unterricht der Jugend, worauf zielen diese hin? Hier liegt also das Achtungswürdige. Bist du von dieser Wahrheit überzeugt, so wirst du dir um andere Dinge keine Sorge machen, und warum willst du nicht aufhören, so viele andere Dinge hoch zu achten? Dadurch kannst du eben kein freier, selbstgenügsamer, leidenschaftsloser Mensch sein. Denn so mußt du gegen diejenigen neidisch, eifersüchtig, argwöhnisch werden, welche dir jene Dinge entziehen können, und denen nachstellen, die das von dir Hochgeachtete besitzen. Ueberhaupt muß der, welchem etwas davon gebricht, in Verwirrung gerathen und zudem voll Tadels gegen die Götter werden. Dagegen wird die Ehrerbietung und Hochachtung gegen deine eigene denkende Seele dich mit dir selbst zufrieden, deinen Nebenmenschen wohlgefällig und mit den Göttern einträchtig machen, das heißt, du wirst Alles, was ihnen gefällt, dir zuzuschicken, mit Dank annehmen.
17. Aufwärts, niederwärts, im Kreislauf bewegen sich die Grundstoffe. Die Bewegung der Tugend aber geht nach keiner von diesen Richtungen; sie ist vielmehr etwas Göttlicheres, und schreitet auf guter, wenn auch schwer zu begreifender Bahn vorwärts zum Ziele.
18. Wie lächerlich doch die Menschen verfahren! Ihren Zeitgenossen, mit denen sie zusammenleben, verweigern sie das Lob, sie selbst aber schlagen das Lob von Seiten der Nachkommen hoch an. Diese sollen alsdann rühmen, was sie weder kennen noch gesehen haben. Das ist aber fast ebenso, als wenn Jemand sich darüber betrüben wollte, daß auch die Vorfahren auf ihn keine Lobreden gehalten haben.
19. Denke nicht, wenn etwas dir schwer ankommt, daß es nicht menschenmöglich sei. Vielmehr, wenn etwas für einen Menschen möglich und seiner Natur angemessen ist, so glaube, es sei auch für dich erreichbar.
20. Beim Turnen ritzt uns wol einmal Jemand mit dein Nagel, bringt uns auch wol durch einen Stoß am Kopf eine Beule bei; aber wir äußern deshalb kein Mißfallen, werden auch nicht ärgerlich, noch für die Zukunft argwöhnisch gegen ihn, als trachte er uns nach dem Leben. Doch nehmen wir uns vor ihm in Acht, aber nicht als vor einem Feinde oder einem verdächtigen Menschen, sondern wir gehen ihm nur gelassen aus dem Wege. Ebenso benimm dich denn auch in den übrigen Verhältnissen deines Lebens, und laß uns über Vieles bei denen hinwegsehen, welche so zu sagen mit uns turnen; denn, wie gesagt, es steht dir frei, ohne Argwohn und Groll gewisse Leute zu meiden.
21. Kann mir Jemand überzeugend darthun, daß ich nicht richtig urtheile oder verfahre, so will ich's mit Freuden anders machen. Suche ich ja nur die Wahrheit, sie, von der Niemand je Schaden erlitten hat. Wol aber erleidet derjenige Schaden, welcher auf seinem Irrthum und auf seiner Unwissenheit beharrt.
22. Ich thue meine Pflicht, alles Uebrige kümmert mich nicht; denn dies ist entweder unbeseelt oder vernunftlos, oder verirrt und des Wegs nicht kundig.
23. Die Vernunftlosen Thiere und überhaupt alle Sinnenwesen, die keine Vernunft haben, behandle als vernünftiger Mensch hochherzig und edel, die Menschen aber, weil sie Vernunft haben, behandle mit geselliger Liebe; bei Allem aber rufe die Götter an. Uebrigens kümmere dich nicht darum, wie lange du noch dies thun wirst; denn selbst drei solcher Stunden sind hinreichend.
24. Alexander von Macedonien und sein Maulthiertreiber haben nach ihrem Tode dasselbe Schicksal erfahren. Denn entweder wurden sie in dieselben Lebenskeime der Welt aufgenommen oder der eine wie der andere unter die Atome zerstreut.
25. Bedenke, wie viel bei einem Jeden von uns in einem und demselben Augenblicke vorgeht, Leibliches zugleich und Geistiges. Dann wirst du dich nicht wundern, daß noch viel mehr, ja daß Alles, was da ist, in der einen Gesammtheit, die wir die Welt nennen, zugleich sein Dasein habe.
26. Wenn dir Jemand die Frage vorlegte, wie der Name Antoninus geschrieben werde, würdest du etwa jeden einzelnen Buchstaben mit gehobener Stimme hervorstoßen? Wie NUN, wenn man dich darüber zornig anließe, würdest du etwa wieder zürnen? oder würdest du nicht vielmehr die einzelnen Buchstaben sofort gelassen einen nach dem andern nennen? So bedenke denn nun auch, daß jede Pflicht durch einzelne Bestandtheile vollendet wird. Diese Bestandtheile mußt du folglich auch einhalten und fern von Beunruhigung und Gegenerbitterung wider Erbitterte das, was dir obliegt, auf dem rechten Wege vollbringen.
27. Wie grausam ist es doch, den Menschen nicht zu gestatten, nach dem zu streben, was ihnen als angemessen und zuträglich erscheint! Und doch gestattest du ihnen gewissermaßen nicht, dies zu thun, wenn du über ihre Vergehungen ungehalten bist. Denn sie lassen sich ja überall durch den Schein des für sie Angemessenen und Zuträglichen dazu fortreißen. Du sprichst: sie betrügen sich. So belehre sie und zeige es ihnen, ohne über sie ungehalten zu sein.
28. Der Tod ist das Ende von den Widersprüchen der sinnlichen Wahrnehmungen, von den Aufregungen der Triebe, von den fortwährenden Arbeiten der Denkkraft und von der Dienstbarkeit gegen das Fleisch.
29. Schändlich ist es, wenn deine Seele schon ermüdet, ohne daß der Leib schon müde ist.
30. Hüte dich, daß du nicht ein tyrannischer Kaiser werdest! Nimm einen solchen Anstrich nicht an, denn es geschieht so leicht. Erhalte dich also einfach, gut, lauter, ernsthaft, prunklos, gerechtigkeitsliebend, gottesfürchtig, wohlwollend, liebreich, standhaft in Erfüllung deiner Pflichten. Ringe darnach, daß du der Mann bleibest, zu dem dich die Philosophie bilden wollte. Ehre die Götter, fördere das Heil der Menschen! Kurz ist das Leben und es gibt nur eine Frucht des irdischen Daseins: eine unsträfliche Gesinnung und gemeinnützige Werke. Sei in Allein ein Schüler Antonins, so beharrlich, wie er, im Gehorsam gegen die Gebote der Vernunft, so gleichmüthig in allen Stücken, so unsträflich und so heiter in deiner Miene, so freundlich und frei von eitler Ruhmbegierde, so eifrig bemüht um die Erkenntniß der Dinge! Wie ließ er doch überall Nichts an sich vorübergehen, ohne es zuvor recht genau betrachtet und reiflich erwogen zu haben! Und wie geduldig ertrug er seine ungerechten Tadler, ohne sie wieder zu tadeln! Wie übereilte er Nichts, und gab keiner Verleumdung Gehör, und wie sorgfältig beobachtete er seine Sinnesart und seine Handlungen! Wie fern war er von Schmähsucht, Aengstlichkeit, argwöhnischem und klügelndem Wesen! Mit wie Wenigem war er zufrieden, zum Beispiel in Wohnung, Nachtlager, Kleidung, Nahrung, Dienerschaft. Wie arbeitsam und langmüthig war er! So war er auch bei seiner einfachen Lebensweise im Stande, es bis zum Abend auszuhalten, ohne das Bedürfniß der Entleerung anders als um die gewöhnliche Stunde zu verspüren. In seinen freundschaftlichen Verbindungen treu und sich immer gleich bleibend, duldsam gegen diejenigen, welche seinen Ansichten freimüthig entgegentraten und sogar erfreut, wenn Jemand ihn eines Bessern belehrte, gottesfürchtig ohne Aberglauben — so war er. Möchte doch auch für dich, wie für ihn, die letzte Stunde bei so gutem Gewissen eintreten!
31. Wache aus und komm wieder zu dir selbst! Und wie du beim Wiedererwachen erkannt hast, daß es nur Träume waren, die dich beunruhigten, so sieh auch im wachenden Zustande die Unannehmlichkeiten als Träume an.
32. Ich bestehe aus Leib und Seele. Für den Körper ist Alles gleichgiltig; denn er ist unfähig, Unterschiede wahrzunehmen. Für meine Seele ist auch Alles gleichgiltig, was nicht eine Wirkung von ihr ist. Ihre eigenen Wirkungen aber hängen lediglich von ihr selbst ab. Dies ist jedoch blos von denen zu verstehen, die sich auf den gegenwärtigen Augenblick beziehen; denn ihre künftigen und vergangenen Wirkungen sind für sie gleichfalls bereits gleichgiltig.
33. Keine Verrichtung der Hand oder des Fußes ist widernatürlich, so lange der Fuß die Function des Fußes und die Hand die der Hand thut. So ist mithin für den Menschen als solchen keine Bemühung widernatürlich, so lange er die Funktion des Menschen verrichtet. Widerstreitet sie aber seiner Natur nicht, so ist sie für ihn auch kein Uebel.
34. Wie viele Sinnenfreuden haben nicht Räuber, Unzüchtige, Vatermörder, Tyrannen genossen?
35. Siehst du nicht, wie die Künstler sich bis auf einen gewissen Grad nach dem Geschmack der Ungebildeten richten, jedoch nichts desto weniger au den Vorschriften ihrer Kunst festhalten und von diesen sich nicht abbringen lassen? Ist es nicht schmachvoll, daß der Baukünstler und der Arzt vor den Gesetzen seiner Kunst mehr Achtung hat, als der Mensch vor den Gesetzen seiner Vernunft, die er doch mit den Göttern gemein hat?
36. Asien, Europa — Winkel der Welt; der ganze Ocean — ein Tropfen des Alls! Der Athos — ein winziger Erdhaufen des Weltganzen; die ganze Gegenwart — ein Augenblick der Ewigkeit! Alles klein, veränderlich, verschwindend! Alles hat einerlei Ursprung, von demselben gemeinsamen Allbeherrscher unmittelbar oder in Folge seiner Wirksamkeit herrührend. Also auch der Rachen des Löwen, das Gift, alles Schädliche, wie Dornen und Sümpfe, sind ein Zubehör der prachtvollen und schönen Welt. Fort also mit dem Wahne, als stünden sie mit dem Wesen, das du verehrst, in keiner Verbindung, beachte vielmehr die wahre Quelle aller Dinge.
37. Wer das jetzt Vorhandene gesehen, der hat Alles überschaut, was von jeher war und was in alle Ewigkeit sein wird. Denn Alles ist von derselben Natur und Form.
38. Bedenke oft die Verkettung aller Dinge in der Welt und ihr Verhältniß zu einander. Gewissermaßen sind sie ja alle mit einander verflochten und insofern alle unter einander verwandt. Denn das eine folgt aus dem andern, und zwar kraft ihres örtlichen Zusammenwirkens, ihrer Uebereinstimmung und der Einheit der Körperwelt.
39. Füge dich in die Umstände, worein du durch dein Loos versetzt bist, und den Menschen, mit denen das Schicksal dich zusammengeführt hat, erweise Liebe, aber aufrichtig.
40. Jede Maschine, jedes Werkzeug, kurz jedes Geräth ist in gutem Stande, wenn es leistet, wozu es gebildet worden ist, und doch ist hier der Bildner vielleicht ferne. Bei den Gegenständen aber, welche die Natur umfaßt, ist und verbleibt die bildende Kraft im Innern. Sie sollst du demnach um so mehr verehren und dabei bedenken, daß, wenn du nur nach ihrem Willen beständig lebst, auch Alles nach deinem Sinne sich richten werde. Denn so richtet sich auch im Universum Alles nach der Seele der Welt.
41. Wenn du irgend eines von den Dingen, welche nicht in deiner Willkür stehen, als ein Gut oder als ein Uebel ansiehst, so mußt du nothwendig, wenn ein solches Uebel dich trifft oder ein solches Gut ausbleibt, über die Götter murren und die Menschen hassen, die Schuld daran haben oder nach deinem Argwohn am Ausbleiben oder Eintreffen in Zukunft Schuld haben sollen; und so begehen wir manche Ungerechtigkeit, weil uns diese Dinge nicht gleichgiltig sind. Wenn wir hingegen blos die von uns abhängigen Dinge für Güter oder Uebel erklären, so bleibt kein Grund übrig, die Gottheit anzuklagen oder gegen irgend einen Menschen eine feindliche Gesinnung zu hegen.
42. Wir alle wirken zusammen auf ein Ziel hin, die Einen mit Bewußtsein und Einsicht, die Anderen unbewußter Weise. Ja sogar die Schlafenden sind, wie, glaube ich, Heraklit sagt, Arbeiter und Mitarbeiter an dem, was in der Welt geschieht. Jeder aber arbeitet auf andere Art mit, selbst der Tadler wirkt viel, welcher dem, was geschieht, entgegenzutreten und es, wenn möglich, wegzuräumen sucht. Denn auch eines solchen Menschen bedurfte die Welt. Siehe du nun übrigens zu, welchen du dich anschließen willst. Zwar wird der Beherrscher des All's dich auf jeden Fall gehörig zu verwenden wissen, ünd dich als ein Glied unter die Zahl der Mitarbeiter und Gehilfen aufnehmen. Du aber hüte dich, daß du kein solches Glied darunter werdest, wie jener bedeutungslose und lächerliche Vers in der Comödie, wovon Chrysipp gesprochen hat.
43. Verlangt etwa die Sonne die Dienste des Regens, Aeskulap die Dienste der Fruchtspenderin zu leisten? Und — wirken die Gestirne nicht allesammt, trotz ihrer Verschiedenheit, auf ein Ziel hin?
44. Wenn die Götter über mich und über das, was mir begegnen soll, Etwas beschlossen haben, so bin ich versichert, sie haben mein Bestes beschlossen, denn ein Gott ohne Weisheit ist nicht leicht denkbar; und dann, aus welchem Grunde sollten sie mir wehthun wollen? Denn was könnte für sie oder das Ganze, wofür sie doch vorzüglich Sorge tragen, dabei herauskommen? Haben sie aber nicht über mich insbesondere, so haben sie doch wenigstens über das Ganze im Allgemeinen Etwas beschlossen, und ich muß daher auch meine daraus sich ergebenden Schicksale willkommen heißen und liebgewinnen. Fassen sie aber etwa über gar Nichts Beschlüsse — was zu glauben freilich gottlos wäre — wozu dann unsere Opfer, unsere Gebete, unsere Eidschwüre, wozu die übrigen Handlungen, welche wir im Glauben an die Gegenwart und Lebensgemeinschaft der Götter mit uns verrichten? Wenn also selbst, sage ich, die Götter in das uns Betreffende nicht eingreifen, nun so steht's bei nur, über mich selbst Etwas zu beschließen, und ich kann das mir Zuträgliche in Erwägung ziehen; zuträglich aber ist jedem Wesen, was seiner Einrichtung und Natur entspricht. Meine Natur aber ist eine vernünftige und für das Gemeinwesen bestimmte, meine Stadt und mein Vaterland, insofern ich Antonin heiße, Rom, insofern ich ein Mensch bin, die Welt. Nur das also, was diesen Staaten frommt, ist für mich ein Gut.
45. Was überall einem Jeden widerfährt, das ist dem Ganzen zuträglich. Schon dies wäre hinreichend; doch du wirst bei genauer Beobachtung überall auch das noch finden: was dem einzelnen Menschen zuträglich, ist auch anderen nützlich. Hier ist nämlich der Ausdruck „zuträglich" im allgemeineren Sinne auch von den Mitteldingen zu verstehen.
46. Wie die Vorstellungen auf dem Amphitheater und an ähnlichen Plätzen, als ein ewiges Einerlei für den Zuschauer, dir widerstehen und das Gleichförmige derselben ihren Anblick dir überdrüssig macht: so erfährst du das Gleiche im ganzen Leben. Denn über und unter dir hat Alles dieselbe Natur und denselben Ursprung. Aber bis wie lange noch?
47. Erwäge beständig, wie viele Menschen aus allen Ständen, von allerlei Berufsarten und aus allen Völkern bereits gestorben sind, und steige in dieser Reihe bis zu einem Philistion, einem Phöbus und Origanion hinunter. Dann gehe zu den anderen Classen über. Auch wir müssen ja unsere Wohnung dorthin verlegen, wo so viele gewaltige Redner, so viele ehrwürdige Philosophen, wie Heraklit, Pythagoras und Socrates, ferner so viele Helden der Vorzeit, so viele Heerführer und Gewaltherrscher späterer Tage, und außer diesen Eudoxus, Hipparch, Archimedes und andere scharfsinnige, hochherzige, arbeitslustige, allgewandte, selbstgefällige Geister, ja selbst jene spöttischen Verächter des hinfälligen, kurzdauernden Menschenlebens, wie ein Menippus und so viele Andere seiner Art verweilen. Von diesen allen stelle dir vor, daß sie schon längst im Grabe liegen. Was liegt nun für sie Furchtbares darin? Was denn für die, deren Namen überhaupt nicht mehr genannt werden? Da ist Eins nur von hohem Werthe, das nämlich, der Wahrheit und Gerechtigkeit getreu durchs ganze Leben selbst gegen Lügner und Ungerechte Wohlwollen zu üben.
48. Willst du dir ein Vergnügen machen, so betrachte die Vorzüge deiner Zeitgenossen, so die Thatkraft des Einen, die Bescheidenheit des Andern, die Freigebigkeit eines Dritten und so an einem Vierten wieder eine andere Tugend. Denn Nichts erfreut so sehr, als die Muster der Tugenden, welche aus den Handlungen unserer Zeitgenossen uns in reicher Fülle in die Augen fallen. Darum habe sie auch stets vor Augen.
49. Bist du etwa ärgerlich, daß du nur so und so viel und nicht dreihundert Pfund wiegst? Nun so sei's auch nicht darüber, daß du nur so und so viel und nicht noch mehr Jahre leben sollst! Denn gleichwie du mit dem dir bestimmten Körpergewicht zufrieden bist, so sei es auch mit der dir zugemessenen Lebensdauer.
50. Wir wollen Andere zu überzeugen suchen! Jedenfalls thue auch gegen ihren Willen, was die Gerechtigkeit und Vernunft erheischen. Wenn sich indeß Jemand mit Gewalt dir widersetzt, so wende dich der Zufriedenheit und Gemüthsruhe zu und benütze jenen Widerstand zu einer andern Tugend. Denke daran, daß du nur bedingungsweise nach Etwas strebest und nicht nach Unmöglichem trachtest. Nach was also? Eben nach solch einer Willensbestimmung. Sie gewinnst du, auch wenn das Ziel, worauf du zuschreitest, unerreicht bleibt.
51. Der Ehrsüchtige findet sein Gut im Benehmen eines Andern gegen ihn, der Wollüstling in seiner eigenen Leidenschaft, der Vernünftige aber in seinen ihm eigenthümlichen Handlungen.
52. Es steht bei dir, über dies und das keine Meinung zu bilden, und so deiner Seele alle Unruhe zu ersparen. Denn die Dinge selbst können ihrer Natur nach uns keine Urtheile abnöthigen.
53. Gewöhne dich auf die Rede eines Andern genau zu achten und versetze dich so viel möglich in die Seele des Redenden.
54. Was dem ganzen Bienenschwärme nicht zuträglich ist, das ist auch der Biene nicht zuträglich.
55. Wollten die Schiffsleute den Steuermann, die Kranken den Arzt schmähen, würden sie da sonst noch auf Jemand achten? Oder wie sollte da jener den Eingeschifften die glückliche Landung, oder dieser seinen Kranken die Gesundheit verschaffen?
56. Wie viele, die mit mir zugleich in die Welt gekommen, sind bereits wieder daraus geschieden.
57. Gelbsüchtige finden den Honig bitter, die von einem tollen Hunde gebissen werden, scheuen das Wasser, Kindern gestillt ein Ball am schönsten. Was ereiferst du dich also? Oder meinst du, daß der Irrthum weniger Einfluß habe, als die Galle beim Gelbstichigen oder das Gift beim Wasserscheuen?
58. Dem Gesetze deiner Natur gemäß zu leben, kann Niemand dich hindern; dem Gesetze der gemeinsamen Natur zuwider kann Nichts dir zustoßen.
59. Wer sind die, denen man gefallen möchte, und um welcher Vortheile willen und durch welcherlei Mittel? Wie schnell wird die Zeit Alles verschlingen, und wie Vieles hat sie bereits verschlungen!
Zum InhaltsverzeichnisSiebentes Buch
1. Was ist Schlechtigkeit? Nichts Anderes, als was du schon oft gesehen hast. Und so denke denn bei jedem Begegniß sogleich: es ist nur etwas, das du schon oft gesehen hast. Dann wirst du finden, daß Alles, wovon die Jahrbücher der allen, mittleren und neueren Geschichte und wovon auch jetzt noch Staaten und Familien voll sind, in jeglicher Hinsicht ganz das Nämliche sei. Nichts Neues; Alles gewöhnlich und kurz dauernd.
2. Wie wäre es möglich, Vorurtheile zu ertödten, wenn die Gedanken, die dieselben hervorbringen, nicht ausgerottet werden, deren beständige Wiederanfachung von dir abhängt? Ich kann über eine Sache so urtheilen, wie ich soll; kann ich's aber, wozu meine Unruhe? Was außerhalb meiner Denkkraft liegt, muß meine denkende Seele nicht berühren. Fühle das und du stehst fest da. Von dir selbst hängt es ab, ein neues Leben zu beginnen. Betrachte nur die Dinge von einer andern Seite, als du sie bisher ansahst. Denn das heißt eben: ein neues Leben beginnen.
3. Eitle Prachtliebe, Bühnenspiele, Heerden von Klein und Großvieh, Fechterspiele — ein Knochen unter die Hunde, ein Brocken in einen Fischbehälter geworfen, die mühsame Lastträgerei der Ameisen, das Hin- und Herlaufen erschrockener Mäuse, Gliederpuppen an einem Draht herumgezerrt. Mitten in diesem Getriebe nun muß man freundlich und leidenschaftslos dastehen und erkennen, daß jeder Mensch denselben Werth habe, wie die Gegenstände seiner Bemühungen.
4. Beim Reden muß man Acht haben auf die Ausdrücke und bei den Handlungen auf die Erfolge. Bei letzteren muß man sogleich zusehen, auf welchen Zweck sie hinzielen und in Rücksicht aus das Erstere prüfen, welches der Sinn der Worte ist.
5. Reicht mein Verstand zu diesem Geschäft hin oder nicht? Reicht er hin, so verwende ich ihn dazu als ein von der Allnatur mir verliehenes Werkzeug. Im entgegengesetzten Falle überlasse ich das Werk dem, der es besser ausrichten kann, wenn es anders nicht zu meinen Pflichten gehört, oder ich vollbringe es, so gut ich's vermag, und nehme dabei einen Andern zu Hilfe, der, von meiner Geisteskraft unterstützt, vollbringen kann, was dem Gemeinwohl gerade jetzt dienlich und zuträglich ist. Denn was ich auf meine eigene Kraft beschränkt oder mit Hilfe eines Andern zu Stande bringe, es soll immer nur daö Gemeinnützliche und Ersprießliche zum Ziele haben.
6. Wie viele Hochgepriesene sind bereits der Vergessenheit überliefert! Und wie viele, die das Loblied jener angestimmt haben, sind schon längst hinweggeräumt!
7. Schäme dich nicht, dir helfen zu lassen. Denn dir ist, wie dem Krieger beim Sturmlaufen, nur vorgeschrieben deine Pflicht zu thun. Wie nun, wenn du deines lahmen Fußes wegen nicht allein im Stande bist, die Schanze zu ersteigen, dies aber mit Hilfe eines Andern dir möglich wäre?
8. Sorge nicht für die Zukunft! Wirst du sie ja doch, wenn es sein soll, einmal erreichen, mit derselben Vernunft ausgerüstet, welche dir jetzt in der Gegenwart Dienste leistet.
9. Alles ist wie durch ein heiliges Band mit einander verflochten. Nahezu Nichts ist sich fremd. Alles Geschaffene ist einander beigeordnet und zielt auf die Harmonie derselben Welt. Aus Allem zusammengesetzt ist eine Welt vorhanden, ein Gott, Alles durchdringend, ein Körperstoff, ein Gesetz, eine Vernunft, allen vernünftigen Wesen gemein, und eine Wahrheit, sowie es auch eine Vollkommenheit für all diese verwandten, derselben Vernunft theilhaftigen Wesen gibt.
10. Alles Körperliche verschwindet gar bald iin Urstoff des Ganzen, und jede wirkende Kraft wird gar bald in die Urvernunft des Ganzen aufgenommen. Aber ebenso schnell findet die Erinnerung an Alles ihr Grab im ewigen Zeitenlaufe.
11. Bei einen: vernünftigen Geschöpfe ist eine naturgemäße Handlungsweise immer auch eine vernunftmäßige.
12. Man muß von selbst aufrecht stehen ohne erst aufrecht gehalten zu werden.
13. Wie bei einem vereinten Körperganzen die einzelnen Glieder, so verhalten sich trotz ihrer Trennung die einzelnen vernunftbegabten Wesen zu einander. Auch sie sind zum Zusammenwirken gebildet. Diese Erwägung wird mn so größeren Eindruck auf dich machen, wenn du oft zu dir selbst sagst: ich bin ein Glied der Gesammtheit von Vernunftwesen. Sagst du aber, daß du es nur zum Theil bist, so liebst du die Menschen noch nicht von Herzen, so erfreut dich das Wohlthun noch nicht aus reiner Ueberzeugung. Du übst es blos als etwas, das sich geziemt, nicht aber für dich selbst eine Wohlthat ist.
14. Mag den Theilen, die den äußeren Zufällen unterworfen sind, von außen her zustoßen, was da will, diese leidenden Theile mögen, wenn sie wollen, sich darüber beschweren; ich jedoch habe, so lange ich das Begegniß nicht für ein Uebel halte, noch nicht dabei gelitten; und es nicht dafür zu halten, steht ja ganz bei mir.
15. Möge Jemand thun oder sagen, was er will, mir gebührt es jedenfalls, rechtschaffen zu sein; ebenso wie wenn das Gold oder der Smaragd stets sagen würden: thue oder sage Einer, was er will, ich werde doch ein Smaragd bleiben und meine Farbe behalten.
16. Die gebietende Vernunft bereitet sich selbst keine Unruhe, sie stürzt sich zum Beispiel nicht selbst in Furcht noch in Schmerz, will aber ein Anderer ihr Furcht oder Traurigkeit einflößen, so mag er's thun; sie selbst wird sich durch ihr Urtheil in keine solche Gemüthsbewegungen versetzen. Daß aber der Körper Nichts leide, dafür mag er sorgen, wenn er kann, und es sagen, wenn er leidet. Die Seele aber, der eigentliche Sitz der Furcht, der Traurigkeit und der dahin einschlagenden Vorstellungen, wird wol nicht, wenn sie sich nicht selbst zu derlei Urtheilen verführt, leiden. Denn die herrschende Vernunft ist an und für sich bedürfnißlos, wenn sie sich selbst keine Bedürfnisse schafft; eben deshalb kennt sie auch weder Unruhe, noch Hinderniß, wenn sie es sich nicht selbst verursacht.
17. Glückseligkeit heißt einen guten Genius haben oder gut sein. Was machst du also hier, Einbildung? Geh, um der Götter willen, wie du gekommen bist, denn ich brauche dich nicht. Du bist gekommen nach deiner alten Gewohnheit. Ich zürne dir deswegen nicht; nur geh bald fort.
18. Mancher fürchtet sich vor der Verwandlung. Was kann denn ohne Verwandlung werden? Was ist demnach der Allnatur lieber oder angemessener? Kannst du selbst auch nur ein Bad gebrauchen, ohne daß das Holz sich verändere, oder Nahrung genießen, ohne daß die Speisen sich verwandeln? Oder kann sonst etwas Nützliches ohne Verwandlung zur Vollkommenheit gebracht werden? Siehst du es also nicht ein, daß es mit deiner eigenen Verwandlung die gleiche Bewandtnis; habe, und daß sie für die Allnatur gleichfalls nothwendig sei?
19. Alle Körper nehmen durch das Weltall, wie auf einem reißenden Strom, ihren Lauf und sind, wie die Glieder unseres Leibes untereinander, so mit jenem Ganzen innig verbunden und zusammenwirkend. Wie manchen Chrysipp, wie manchen Socrates, wie manchen Epiktet hat schon der Zeitenlauf verschlungen! Dieser Gedanke sei dir beim Anblick jedes Menschen und jedes Gegenstandes gegenwärtig.
20. Mein einziges Bestreben sei nur, daß ich für meine Person Nichts thue, was die Natureinrichtung des Menschen überhaupt nicht will, oder so nicht will, oder gerade jetzt nicht will.
21. Bald wirst du Alles vergessen haben, und bald wirst auch du bei Allen in Vergessenheit sein.
22. Es ist ein Vorzug des Menschen, auch diejenigen zu lieben, welche ihn beleidigen. Dahin gelangt man, wenn man bedenkt, daß die Menschen mit uns eines Geschlechtes sind, daß sie aus Unwissenheit und gegen ihren Willen fehlen, daß ihr beide nach kurzer Zeit todt sein werdet und vor Allem, daß dein Widersacher dich nicht beschädigt hat. Denn er hat die in dir herrschende Vernunft doch nicht anders gemacht, als sie zuvor war.
23. Die Allnatur bildet aus der körperlichen Gesammtmasse, wie der Künstler aus Wachs, bald ein Pferd, bald schmilzt sie es wieder ein und verwendet denselben Stoff mit zur Hervorbringung eine? Baumes, dann eines Kindes, dann wieder eines andern Wesens. Jedes derselben hat jedoch nur auf sehr kurze Zeit Bestand. Einem Kistchen aber ist es doch wol ebenso gleichgiltig, zusammengenagelt, als wieder auseinandergelegt zu werden.
24. Ein zorniges Gesicht ist etwas ganz Widernatürliches; wenn die Sanftmuth im Innern erstirbt, erlischt auch die freundliche Miene ganz, sodaß sie gar nicht wieder aufgeheitert werden kann. Schon daraus finde ich es begreiflich, daß der Zorn gegen die Vernunft ist. Denn ist für uns sogar das Bewußtsein unserer Fehltritte verloren gegangen, was haben wir dann noch für einen Grund, länger zu leben?
25. Alles was du stehst, wird die allwaltende Natur bald verwandeln und aus diesem Stoff andere Dinge schaffen, und aus deren Stoff wiederum andere, damit die Welt immer verjüngt werde.
26. Hat sich Jemand in Etwas gegen dich vergangen, so erwäge sogleich, welche Ansicht über Gut und Böse ihn zu diesem Vergehen bestimmt habe. Denn sobald dir dies klar ist, wirst du gegen ihn nur Mitleid fühlen, aber dich weder verwundern noch erzürnen. Denn entweder hast du über das Gute und über das Böse dieselbe Ansicht wie er, oder doch eine ähnliche, und dann mußt du verzeihen, oder du hast über das Gute und Böse nicht diese Ansichten, und in diesem Falle wird dir Wohlwollen gegen den Irrenden um so leichter sein.
27. Denke nicht an den nothwendigen Besitz der dir fehlenden Güter, vielmehr an das, was jetzt noch für dich da ist, und wähle dir unter den vorhandenen Gütern die schätzbarsten aus und erinnere dich, welche Anstrengungen du ihrethalben machen würdest um sie zu erlangen, wenn sie dir fehlten. Jedoch hüte dich zugleich, daß dieses Wohlgefallen daran dich nicht an ihre Überschätzung gewöhne; denn sonst müßte ihr einstiger Verlust dich nur beunruhigen.
28. Ziehe dich in dich selbst zurück. Die in uns herrschende Vernunft ist ja von der Natur, daß sie im Rechtthun Heiterkeit und Selbstzufriedenheit findet.
29. Mache den Einbildungen ein Ende. Hemme den Zug der Leidenschaften. Behalte die Gegenwart in deiner Gewalt. Mache dich mit dem, was dir oder einem Andern begegnet, vertraut. Trenne und zerlege jeden Gegenstand in seine Urkraft und seinen Stoff. Gedenke der letzten Stunde. Laß die Fehler, die von Andern begangen worden, da wo sie geschehen sind.
30. Auf das, was gesprochen wird, richte deine ganze Aufmerksamkeit, in Rücksicht auf die Begebenheiten versenke deinen Geist in die Betrachtung ihrer Ursachen.
31. Schmücke dich mit Harmlosigkeit, Bescheidenheit und Gleichgiltigkeit gegen Alles, was zwischen Tugend und Laster in der Mitte liegt. Liebe das Menschengeschlecht; folge der Gottheit. Bei Gott, sagt der Dichter, ist Alles gesetzlich! Und wären keine Götter, wären blos die Grundstoffe, so muß man doch bedenken, daß Alles bis zum Geringsten nach Gesetzen geordnet ist.
32. Vom Tode. Sei er eine Zerstreuung, oder Auflösung in die Atome, oder eine Vernichtung, er ist ein Aufhören oder ein Uebergang.
33. Vom Schmerze. Ist er unerträglich, so führt er aus dem Leben, dauert er fort, so läßt er sich ertragen. Durch Sammlung in sich selbst bewahrt dabei die denkende Seele ihre Heiterkeit und die in uns herrschende Vernunft erleidet keinen Schaden. Was die vom Schmerz beschädigten Glieder betrifft, so mögen sie, wenn sie können, darüber absprechen.
34. Vom Ruhme. Betrachte die Gesinnungen der Ruhmsüchtigen, von welcher Beschaffenheit sie seien, und was sie einerseits meiden und andererseits suchen. Bedenke ferner, gleichwie die früheren Sandhügel verdeckt werden, sobald neuer Sand über sie Hergetrieben wird, so wird auch im Leben das Frühere vom Nachgekommenen bald bedeckt.
35. Aus Plato: „Wem ausgezeichnete Denkkraft und Einsicht in jegliche Zeit und jegliches Wesen zu Gebot steht, glaubst du wol, daß der das menschliche Leben für etwas Großes HM?" — „Unmöglich kann er's." — „Also wird ein Solcher auch den Tod nicht als etwas Furchtbares ansehen." — „Nein, in keiner Weise."
36. Ein Ausspruch des Antisthenes: Königlich ist es, wohlzuthun und Schmähungen zu überhören.
37. Schmachvoll ist es, wenn unser Angesicht dem Verstände gehorsam, nach seinen Befehlen sich formen und zieren läßt, der Verstand selbst aber nicht durch seinen eigenen Willen geformt und geordnet wird.
38. Der Außenwelt zu zürnen, wäre thöricht; sie kümmert sich nicht darum.
39. Den unsterblichen Göttern und uns verleihe du Freude!
40. Das Leben wird geerntet, wie fruchtreiche Aehren. Diese reist, die andere welkt schon hin.
41. Werd' ich sammt Kind verlassen von den Göttern. Auch das hat seinen Grund.
42. Das Gute und das Rechte ist bei mir-s.
43. Jammere nicht mit Anderen und gerathe auch sonst nicht in heftige Erregung.
44. Platonische Aussprüche: „Diesem würde ich berechtigt sein zu antworten: Du urtheilst unrichtig, o Mensch, wenn du meinst, daß ein Mann, der auch nur einigen Werth hat, in der Wahl zwischen Leben und Sterben die Gefahr scheuen und nicht vielmehr das nur erwägen soll, ob, was er thue, Recht oder Unrecht und die That eines Guten oder Schlechten sei.
45. Ja, ihr Männer von Athen, so verhält es sich in der That. Den Posten, auf welchen Einer, in der Meinung,. daß es der beste sei, sich selbst gestellt hat oder von seinem Feldherrn gestellt worden ist, muß er, dünkt mich, auch in Gefahr behaupten und dabei Alles, selbst den Tod verachten, nur die Schande nicht.
46. Sieh doch genau zu, o Glücklicher, ob das Edle und Gute nicht in etwas Anderem bestehe, als in Erhaltung eines fremden oder des eigenen Lebens. Denn wer in Wahrheit ein Mann ist, der soll nicht wünschen, so oder so lange zu leben, noch mit feiger Liebe am Leben hängen, sondern die Bestimmung hierüber Gott überlassen und den Weibern glauben, daß auch nicht Einer seinem Schicksal entrinne. Nur der eine Gedanke beschäftigt ihn, wie er die ihm noch beschiedene Lebenszeit so gut als möglich durchlebe."
47. Betrachte den Umlauf der Gestirne, als wenn dein Leben mit ihnen umliefe, und erwäge beständig die wechselnden Uebergänge der Grundstoffe in einander. Denn solche Betrachtungen reinigen dich vom Schmutz des Erdenlebens.
48. Schön ist der Ausspruch: Wer über die Menschen reden will, der muß, wie von einem höheren Standpunkte aus, auch ihre irdischen Verhältnisse ins Auge fassen, ihre Versammlungen, Kriegszüge, Feldarbeiten, Heirathen, Friedensschlüsse, Geburten, Todesfälle, lärmende Gerichtsverhandlungen, verödete Ländereien, die mancherlei fremden Völkerschaften, ihre Feste, Todtenklagen, Jahrmärkte, diesen Mischmasch und diese Zusammensetzung aus den fremdartigsten Bestandtheilen.
49. Betrachte die Vergangenheit, die großen Veränderungen so vieler Reiche; daraus kannst du auch die Zukunft vorhersetzen; denn sie wird durchaus gleichartig sein dem was gewesen ist und kann unmöglich von der Regel der Gegenwart abweichen. Daher ist es auch einerlei, ob du das menschliche Leben vierzig oder zehntausend Jahre hindurch erforschest; denn was würdest du neues sehen?
50. Zur Erde muß, was aus der Erde stammt, Doch was des Aethers Saat entkeimte, kehrt Wieder in des Himmels Wölbung. Entweder ist das nun eine Auflösung der in einander verflochtenen Atome, oder eine Art von Zerstreuung empfindungsloser Grundstoffe.
51. Durch Essen, Trinken und durch Zaubermittel Sind wir bemüht, das Schicksal abzuwehren und den Tod, Doch müssen wir den Fahrwind, der von Oben weht, Sei's auch mit vielem Leid, hinnehmen ohne Klage.
52. Mag immerhin Jemand kampfgeübter sein, nur seiner nicht menschenliebender als du, nicht anspruchsloser, nicht ergebener bei allen Ereignissen, nicht nachsichtsvoller bei den Verirrungen seiner Nebenmenschen.
53. Wo ein Werk gemäß der den Göttern und Menschen gemeinsamen Vernunft ausführbar ist, da kann keine Gefahr sein. Denn wo es möglich ist, vermittelst einer gemäß unserer Natureinrichtung glücklich fortschreitenden Thätigkeit einen Vortheil zu erreichen, da hat man keinen Nachtheil zu befürchten.
54. Ueberall und jederzeit steht es bei dir, in deiner gegenwärtigen Lage religiöse Zufriedenheit zu äußern, gegen deine Zeitgenossen dich mit Gerechtigkeit zu betragen und sich dir darbietende Ideen einer Prüfung zu unterwerfen, damit sich nicht etwa? Unerweisliches anschleiche.
55. Sieh dich nicht nach den leitenden Grundsätzen Anderer um, sondern schaue vielmehr unverwandten Blickes auf das Ziel, worauf die Natur dich hinführt, sowol die Allnatur durch das, was dir zustößt, als deine eigene durch deine Obliegenheiten. Jeder aber hat zu leisten, was eine Folge seiner Natureinrichtung ist. Nun sind aber die übrigen Wesen der vernünftigen halber hervorgebracht, sowie überhaupt das Niedere um des Höheren willen, die Vernunftwesen aber sind eines um des anderen willen da. In der Einrichtung des Menschen ist das Erste sein Trieb zur Geselligkeit, das Zweite aber seine Ueberlegenheit über die Sinnenreizungen. Denn der vernünftigen und verständigen Thätigkeitskraft ist es eigen, sich selbst zu beschränken und weder den Anforderungen der Sinne noch der Triebe je zu unterliegen. Beide sind ja thierisch. Die Vernunftkraft aber will den Vorrang haben und sich nicht von jenen meistern lassen und das mit Recht; denn dazu ist sie von Natur da, sich jener überall zu ihren Zwecken zu bedienen. Der dritte Vorzug in der Natureinrichtung eines vernünftigen Wesens besteht darin, nicht blindlings beizupflichten, noch sich täuschen zu lassen. Mit diesen Wahrheiten nun ausgestattet, wandle die gebietende Vernunft ihren geraden Weg, sie hat, was ihr gebührt.
56. Gleich als ob du schon gestorben wärest und nicht länger leben solltest, mußt du die Zeit, die dir gleichsam zum Ueberfluß bleibt, der Natur gemäß durchleben.
57. Liebe das, was dir widerfährt und zugemessen ist; denn was könnte dir angemessener sein?
58. Bei Allein, was dir begegnet, habe diejenigen vor Augen, denen dasselbe begegnete und die sofort Beschwerden, Befremden und Klagen darüber äußerten. Wo sind sie jetzt? Sie sind nicht mehr. Und du wolltest es ihnen gleich machen? und nicht vielmehr derlei fremdartige Gemüthsbewegungen denjenigen überlassen, die auf solche Weise sich und Andere aufregen, dich selbst dagegen ganz damit beschäftigen, wie du diese Vorfälle zu benützen habest? Du kannst sie nämlich auf's Beste benutzen und sie werden dir einen herrlichen Stoff bieten. Sei nur aufmerksam und habe nur den Willen, bei Allem, was du thust, in deinen eigenen Augen ein rechtschaffener Mann zu sein. Erinnere dich denn dieser beiden Vorschriften und daß du dich nicht um gleichgiltige Dinge kümmerst.
59. Arbeite an deinem Innern. Da ist die Quelle des Guten, eine unversiegbare Quelle, wenn du nur immer nachgräbst.
60. Auch der Körper muß eine feste Haltung haben und weder in der Bewegung, noch in der Ruhe diese Haltung verlieren. Denn wie das Innere sich in deinen Gesichtszügen ausprägt und Nachdenken und Ehrbarkeit darin sich zeigt, so läßt sich etwas Aehnliches vom ganzen Körper fordern. Nur muß das Alles auf eine ungesuchte Weise beobachtet werden.
61. Die Lebenskunst hat mit der Fechtkunst mehr Aehnlichkeit, als mit der Tanzkunst, insofern man auch auf unvorhergesehene Streiche gerüstet sein und unerschütterlich fest stehen muß.
62. Prüfe beständig, wer diejenigen sind, nach deren Billigung dich verlangt, und welche leitenden Grundsätze sie haben. Denn alsdann wirst du weder über ihre unvorsätzlichen Fehltritte zürnen, noch ihr Beifallszeugniß begehren, wenn du auf die Quellen ihrer Meinungen und Triebe siehst.
63. Eine Seele, sagt Jener, wird stets gegen ihren Willen der Wahrheit beraubt. Daher also auch der Gerechtigkeit, der Selbstbeherrschung, des Wohlwollens und jeder anderen Tugend. Es ist aber sehr nöthig, dessen stets eingedenk zu sein; denn man wird so milder gegen Jedermann.
64. Bei jedem Schmerz sei dir der Gedanke gegenwärtig, daß er nichts Entehrendes sei, noch auch die leitende Denkkraft in dir schlechter mache; denn diese kann weder an und für sich als mit Vernunft begabt, noch in ihrem Verhältniß zur Gesellschaft betrachtet, zerrüttet werden. Doch möge dich bei den meisten schmerzlichen Empfindungen der Ausspruch Epikur's stärken, daß sie ebenso wenig unerträglich, als ewig dauernd sind, wofern du sie nicht durch Einbildung vergrößerst, und bedenkst, daß Alles seine Grenzen hat. Erinnere dich aber auch dessen, daß Manches, was mit dem Schmerz einerlei ist, in uns, ohne daß wir's bemerken, Widerwillen erregt, wie Schläfrigkeit, Erhitzung und Mangel an Eßlust. So oft nun Etwas der Art dir unbehaglich wird, sage zu dir selbst: du erliegst ja dem Schmerz.
65. Hüte dich, selbst gegen Unmenschen ebenso zu handeln, wie sie gegen andere Menschen thun.
66. Woher wissen wir, ob nicht Telauges einen edleren Charakter hatte, als Socrates? Denn hier ist es nicht genug, daß Socrates auf ruhmvollere Art starb, daß er in seinen Unterredungen mit den Sophisten größere Geistesschärfe zeigte, daß er mit mehr Geduld die Nacht unter dem eiskalten Himmel zubrachte, daß er dem Befehle, den Salaminier herbeizuführen, sich mit noch größerer Seelenstärke widersetzte, daß er, was man, selbst wenn es wahr wäre, kaum glauben möchte, auf den Straßen stolz einherschritt. Man muß vielmehr auf folgende Fragen Rücksicht nehmen: wie war Socrates' Seele beschaffen? Genügte ihm die Gerechtigkeit gegen die Menschen und die Frömmigkeit gegen die Götter? Hat er sich nie ohne Grund über die Schlechtigkeit Anderer geärgert, nie ihrer Unwissenheit nachgegeben? Hat er die vom Ganzen ihm zugetheilten Geschicke nie mit Befremden aufgenommen, oder unter sie, als unter ein unerträgliches Joch, sich gebeugt? Nie seine Vernunft zur Genossin der Leiden des armseligen Fleisches gemacht?
67. Die Natur hat dich nicht in dem Grade mit der Körpermasse zusammengemischt, daß du dich nicht auf dich selbst beschränken und das mit ungehinderter Freiheit thun könntest, was deine Pflicht erheischt. Denn es ist recht wol möglich, ein göttlicher Mann zu sein und doch von Niemandem dafür erkannt zu werden. Dessen sei stets eingedenk und erinnere dich außerdem daran, daß zu einem glückseligen Leben nur sehr wenig erforderlich sei, und solltest du auch die Hoffnung aufgeben müssen, es in Dialektik und Naturkunde weit zu bringen, du deshalb doch nicht darauf verzichten dürfest, ein freigesinnter, bescheidener, geselliger und gegen Gott gehorsamer Mensch zu werden.
68. Ungehindert kannst du dein Leben in größter Seelenruhe hinbringen, wenn auch alle Menschen nach Herzenslust ein Geschrei wider dich erheben, ja wenn selbst die wilden Thiere die schwachen Glieder dieser dich umhüllenden Fleischmasse zerreißen sollten. Denn was hindert deine denkende Seele, trotz alledem sich bei vollständiger Heiterkeit zu erhalten, die Umstände richtig zu beurtheilen und die ihr dargebotenen Gelegenheiten erfolgreich zu benützen? so sagt das Urtheil zum Ereigniß: das bist du dem Wesen nach, auch wenn du der Meinung nach anders erscheinst; und die Benützung spricht zur Gelegenheit: dich suchte ich eben; denn immer bietet mir die Gegenwart Stoff zur Ausübung einer vernünftigen und staatsbürgerlichen Tugend und soll mir Anlaß geben, meine Pflicht gegen Gott und Menschen zu erfüllen. Steht ja doch jedes Begegniß im innigsten Bezug zu Gott oder zum Menschen und ist mithin nichts Unerhörtes oder schwer zu Behandelndes, sondern vielmehr etwas Bekanntes und Leichtes.
69. Das ist ein ächtes Zeichen sittlicher Vollkommenheit, wenn man jeden Tag, als wäre er der letzte, hinbringt, fern von Aufwallung, von Erschlaffung und von Verstellung.
70. Die Götter sind nicht unwillig darüber, daß sie, als Unsterbliche, eine so lange Zeitdauer hindurch eine so große Menge verhärteter Lasterhafter zu dulden haben, ja sie sind zudem auf jede Weise für sie besorgt, und du, der du so bald ein Ende nehmen wirst, ermüdest, die Bösen zu ertragen, da du noch dazu selbst in ihre Reihe gehörst?
71. Es ist lächerlich, der eigenen Schlechtigkeit sich nicht entziehen zu wollen, was doch möglich, dagegen der Schlechtigkeit Anderer, was unmöglich ist.
72. Was die vernünftige und zu staatsbürgerlicher Tugend berufene Kraft nicht vernünftig, noch gemeinnützig findet, das hält sie mit Recht unter ihrer Würde.
73. Wenn du eine Wohlthat erwiesen und ein Anderer deine Wohlthat empfangen hat, was suchst du, gleich den Thoren, daneben noch ein Drittes, nämlich den Ruhm eines Wohlthäters oder Vergeltung dafür zu erhalten?
74. Niemand wird müde, seinen Nutzen zu suchen; Nutzen aber gewährt uns eine naturgemäße Thätigkeit. Werde also nicht müde, deinen Nutzen zu suchen, indem du Anderen Nutzen gewährst.
75. Die Allnatur fühlte den Drang zur Weltschöpfung. Alles, was geschieht, ist daher eine nothwendige Folge des Weltplanes, oder sonst ist das Wichtigste, dessen Verwirklichung die weltbeherrschende Vernunft eigens anstrebt, ohne Grund vorhanden. Mehr als einmal wird es zu deiner Geistesruhe beitragen, wenn du diesen Gedanken in deiner Seele bewahrst.
Zum InhaltsverzeichnisAchtes Buch
1. Auch das bewahrt dich vor eitler Ruhmbegierde, daß du nicht dein ganzes Leben, zumal nicht von Jugend auf, hast hinbringen können, wie es einem Philosophen geziemt, sondern vielen Anderen, wie dir selbst, als ein Mensch erschienen bist, der weit von der Philosophie entfernt ist. Ein Makel also hängt dir an, und es ist dir mithin nicht mehr leicht, den Ruhm eines Philosophen zu gewinnen. Aber auch deine Lebensstellung tritt dir dabei entgegen. Wofern du nun in Wahrheit eingesehen hast, worin die Hauptsache liege, so laß einmal allen Dünkel fahren, und dann begnüge dich damit, den etwaigen Rest deines Lebens dem Willen der Natur gemäß, hinzubringen. Erwäge demnach, was sie fordere, und laß dich durch Nichts davon abbringen. Du hast ja Manches versucht, bist unter so vielen Gegenständen umhergeirrt und hast doch nirgends das Glück des Lebens gefunden. Nicht in Vernunftschlüssen, nicht im Reichthum, nicht im Ansehen, nicht im Sinnengenusse, nirgends. Wo ist es denn nun wirklich? Da, wo man thut, was die Menschennatur erheischt. Aber wie laßt sich das thun? Wenn man seine Bestrebungen und Handlungen aus Grundsätzen entspringen läßt. Was sind das für Grundsätze? Solche, die sich auf Güter und Uebel beziehen, und nach denen Nichts für den Menschen ein Gut ist, was ihn nicht gerecht, besonnen, mannhaft, freigesinnt macht, und ebenso Nichts ein Uebel, was nicht das Gegentheil von dem Gesagten hervorbringt.
2. Bei allem was du thust, frage dich selbst: wie steht es eigentlich für mich damit? Werde ich es zu bereuen haben? Ueber ein Kleines und ich bin todt, und Alles ist dahin. Was kann ich aber mehr verlangen, wenn meine gegenwärtige Weise zu handeln die eines vernünftigen und geselligen Wesens ist, das mit der Gottheit unter gleichen Gesetzen steht?
3. Alexander, Cäsar und Pompejus, was sind sie gegen einen Diogenes, Heraklit und Socrates? Die Letzteren erkannten die Dinge, ihre wirkenden Kräfte und ihre Bestandtheile, und waren immer in gleicher Seelenruhe. Bei jenen aber, welche Besorgniß vor so Vielem und welch knechtische Abhängigkeit von wie Vielem!
4. Und wenn du gleich Platzen solltest, sie werden nichts desto weniger ebenso handeln.
5. Vor allen Dingen laß dich nicht beunruhigen; Alles geht ja doch so, wie es der Natur des Ganzen gemäß ist. Noch eine kurze Zeit — und du wirst nicht mehr sein, so wenig, als Hadrian und Augustus. Demnächst fasse deine Lebensaufgabe unverwandten Blicks ins Auge und erinnere dich daran, daß du ein guter Mensch sein sollst, und was die Natur des Menschen von dir fordert, das thue unverrückt und rede auch nur, was dir als durchaus gerecht erscheint, aber immer auf eine bescheidene, ruhige, und ungeheuchelte Weise.
6. Die Allnatur ist immer geschäftig, die vorhandenen Dinge von einer Stelle zur andern zu versetzen, sie umzuwandeln, sie von hier hinwegzuräumen und dorthin zu verpflanzen. Alles wechselnd und doch auch an gleiche Gesetze gebunden! Alles gewöhnlich! Man darf also nichts Ungewöhnliches befürchten.
7. Jedes Naturwesen ist zufrieden, wenn es ihm wohl geht. Einem vernünftigen Wesen geht es aber wohl, wenn es in die Reihe seiner Vorstellungen nichts Unwahres oder Ungewisses aufnimmt, seine Triebe nur auf gemeinnützige Handlungen richtet, seine Neigungen und Abneigungen allein auf das lenkt, was von uns selbst abhängig ist, und jedes von der Gesammtnatur ihm zugetheilte Loos mit Wohlgefallen aufnimmt. Ist es ja doch ein Theil von ihr, wie das Blatt ein Theil von der Pflanze ist, mit dem Unterschied jedoch, daß das Blatt ein Theil von einer empfindungsleeren, Vernunftlosen, Hindernissen unterworfenen Natur ist, dagegen die Menschennatur ein Theil einer über alle Hindernisse erhabenen, vernünftigen und gerechten Natur, insofern sie jedem Wesen nach Maßgabe seines Werthes gleichen Antheil an Dauer, Stoff, Kraft, Wirksamkeit, Begegnissen verleiht. Zu dem Ende vergleiche nicht die einzelnen Eigenschaften der Wesen mit einander, sondern vielmehr das Ganze einer Gattung mit dem Ganzen einer andern.
8. Wenn es dir nicht vergönnt ist zu lesen, so ist dir's doch vergönnt, Schändliches von dir abzuwenden; vergönnt, Lust und Schmerz zu bemeistern; vergönnt, dich über eitle Ruhmsucht erhaben zu zeigen; vergönnt, gefühllosen und undankbaren Menschen nicht zu zürnen, noch mehr, ihnen Gutes zu erweisen.
9. Niemand höre von dir eine Beschwerde über das Hofleben oder über dein eigenes Leben.
10. Die Reue ist eine Art Selbststrafe, weil man sich etwas Nützliches hat entgehen lassen. Das Gute aber ist nothwendig nützlich und deshalb muß der gute und edle Mann sich darum kümmern. Dagegen hat es ein guter und edler Mann wol noch nie bereut, daß er sich ein Vergnügen hat entgehen lassen. Mithin ist die Sinnenlust weder etwas Nützliches, noch auch ein Gut.
11. Dieser Gegenstand hier, was ist er an und für sich nach seiner eigenthümlichen Beschaffenheit? Was ist er seinem Wesen und seinem Stoffe nach? Welches ist seine wirkende Kraft? Was thut er in der Welt, und wie lange dauert er fort?
12. So oft du dich ungern dem Schlaf entreißest, erinnere dich, daß die Ausübung gemeinnütziger Handlungen sowol deine Pflicht als deiner Menschennatur gemäß ist, das Schlafen aber ist dir sogar mit den vernunftlosen Thieren gemein. Was aber der Natur eines jeden Wesens gemäß ist, das ist demselben entsprechender, angemessener, ja sogar auch angenehmer.
13. Jederzeit und wo möglich bei jeder Vorstellung mußt du die Lehren der Physik, der Ethik, der Dialektik in Anwendung bringen.
14. Wenn du mit Jemandem verkehrst, lege dir sogleich die Frage vor: welche Grundsätze hat dieser von dem Guten und von dem Bösen? Denn je nach den Ansichten, die er von Lust und Schmerz und den Ursachen beider, von Ehre und Unehre, Tod und Leben hegt, kann es mich nicht wundern noch befremden, wenn er so und so handelt. Vielmehr will ich dabei bedenken, daß er gezwungen ist, so zu handeln.
15. Erinnere dich daran, daß es ebenso schimpflich ist, darüber sein Befremden zu äußern, daß die Welt das hervorbringt, wozu sie in sich die Keime hat, als darüber, daß der Feigenbaum Feigen trägt. Wäre es doch auch für einen Arzt und einen Steuermann schimpflich, wenn jener über einen Fieberkranken und dieser über einen Gegenwind sein Befremden äußern wollte.
16. Bedenke, daß du nicht gegen deine Freiheit handelst, wenn du deine Meinung änderst und dem, der sie berichtigt, nachgibst. Denn auch dann vollzieht sich deine Thätigkeit nach deinem Willen und Urtheil und sogar auch nach deinem Sinn.
17. Rührt ein Uebel von dir selbst her, warum thust du's? kommt es von einem Andern, wem machst du Vorwürfe? etwa den Atomen oder den Göttern? Beides ist unsinnig. Hier ist Niemand anzuklagen. Denn, kannst du, so bessere den Urheber, kannst du das aber nicht, so bessere wenigstens die Sache selbst, kannst du aber auch das nicht, wozu frommt dir das Anklagen? Denn ohne Zweck muß man Nichts thun?
18. Was stirbt, kommt darum noch nicht aus der Welt. Wenn es nun hier bleibt, so verwandelt es sich auch hier und wird in seine Grundstoffs aufgelöst, welche es mit der Welt und mit dir gemein hat. Auch die Elemente selbst verwandeln sich und murren nicht.
19. Jedes Wesen, z. B. ein Pferd, ein Weinstock, ist zu irgend einem Zwecke da. Was Wunder? Auch die Sonne wird dir sagen: ich bin zu einer Wirksamkeit entstanden, und so auch die übrigen Götter. Zu was bist du nun da? etwa zu sinnlichen Freuden? Sieh doch einmal zu, ob der gesunde Menschenverstand eine solche Behauptung zuläßt.
20. Die Natur nimmt auf jedes Wesen Rücksicht, und zwar nicht minder aus sein Ende, als auf seinen Anfang und seine Fortdauer, sowie der, welcher den Ball in die Höhe wirft, auf ihn Achtung gibt. Was widerfährt nun dem Balle Gutes, wenn er emporgeworfen wird, und was für ein Uebel, wenn er hinabführt oder zu Boden fällt? Was für eine Wohlthat der Wasserblase, wenn sie Zusammenhalt, oder was für ein Leid, wenn sie zerplatzt? Ebenso liesse sich in Ansehung eines Lichtes fragen.
21. Kehre einmal das Innere deines Körpers um wie ein Kleid und schau, wie er inwendig beschaffen ist und was er sein werde, wenn Alter, Krankheit, Ausschweifung ihn aufreiben! Von kurzer Lebensdauer ist sowol der, welcher lobt, als der, welcher gelobt wird, der, welcher eines Andern gedenkt und der, dessen gedacht wird. Und zudem nur in einem Winkel dieses Erdstriches geschieht es, und selbst hier stimmen nicht Alle mit einander, ja der Einzelne stimmt nicht einmal mit sich selbst überein. Nun ist aber die ganze Erde nur ein Punkt.
22. Habe jedesmal Acht auf das, um was es sich handelt, auf das was du denkst, was du thust, auf den Sinn der Worte, die du aussprichst. Sonst geschieht dir eben recht. Du willst lieber morgen erst gut werden, als es heute schon sein.
23. Bin ich thätig, so bin ich es mit Rücksicht auf Menschenwohlfahrt; widerfährt mir Etwas, so nehme ich es hin und beziehe es auf die Götter und den allgemeinen Urquell, von dem alle Ereignisse engverbunden Herfließen.
24. Was siehst du beim Baden? Oel, Schweiß, Schmutz, klebriges Wasser — lauter widerliche Dinge. Von eben der Art ist jeder Theil des Lebens und Alles, was darin vorkommt.
25. Lucilla sah den Verus sterben, nachher starb auch Lucilla, Secunda den Maximus, und dann folgte Secunda ihm, Epitynchanus den Diotimus und bald folgte Epitynchanus diesem, Faustina starb vor Antoninus und dann Antoninus selbst, Hadrian vor Celer und dann starb auch Celer. So ging's mit Allen. Jene Scharfsinnigen, jene Seher, oder jene aufgeblasenen Leute — wo sind sie? Wo z. B. die scharfsinnigen Männer Charax, Demetrius der Platoniker, Eudämon und andere der Art? Alles- Eintagsgeschöpfe und nun längst schon todt. Von einigen hat sich nicht einmal auf kurze Zeit ein Andenken erhalten; andere Namen aber wurden zur Fabel, andere wiederum sind bereits auch aus der Reihe von diesen verschwunden. Gedenke also dessen, daß auch dein Körpergewebe sich auflösen, dein Geist verlöschen oder fortwandern oder anderswohin sich versetzen lassen müsse.
26. Es gewährt dem Menschen Freude, wahrhaft menschlich zu handeln. Wahrhaft menschlich aber ist das Wohlwollen gegen seines Gleichen, Verachtung der Sinnenreize, Unterscheidung bestechender Vorstellungen, Betrachtung der Allnatur und ihrer Wirkungen.
27. Der Mensch steht in drei Beziehungen: erstens zu der ihn umgebenden körperlichen Hülle, zweitens zum göttlichen Ursprung, woher Alles rührt, was uns begegnet, drittens zu seinen Zeitgenossen.
28. Der Schmerz ist entweder für den Leib ein Uebel — so mag sich denn dieser darüber beschweren — oder für die Seele; dieser aber ist es ja vergönnt, ihre Heiterkeit und Ruhe zu behaupten und jenen für kein Uebel zu halten. Denn Urtheil, Trieb, Neigung und Abneigung — Alle haben ihren Sitz tief im Innern und bis dahin versteigt sich kein Uebel.
29. Unterdrücke die Einbildungen, indem du beständig zu dir selbst sprichst: es steht ja allein bei mir, in dieser Seele keine Bosheit, keine Begierde und überhaupt keine Leidenschaft aufkommen zu lassen, hingegen will ich Alles aus dem richtigen Gesichtspunkt betrachten und jedes Ding nach seinem Werthe benützen. Gedenke dieses dir von der Natur geschenkten Vermögens.
30. Im Senat sowol als im Umgangsleben rede geziemend, ohne affectirt zu werden. Rede mit gesunder Vernunft.
31. Der Hof des Augustus, seine Gemahlin, seine Tochter, seine Enkel, seine Schwiegersöhne, seine Schwester, Agrippa, seine Verwandten, Hausgenossen und Freunde, Arms, Mäcenas, seine Leibärzte und Opferpriester, kurz, sein ganzer Hof — eine Beute des Todes! Von da geh weiter, nicht etwa zum Tode eines einzelnen Menschen, sondern ganzer Familien, wie der Familie der Pompejer. So manches Grabmal führt die Aufschrift: der Letzte seines Geschlechts. Nun bedenke einmal, wie sehr ihre Vorfahren um einen Nachkömmling besorgt waren, und doch mußte nothwendig Einer der letzte sein. Erwäge überdies den Tod ganzer Völker.
32. Dn mußt in dein ganzes Leben, wie in 'jede einzelne Handlung Ordnung bringen, und wenn du dir bei allen Handlungen sagen kannst: ich that nach besten Kräften, kannst du ruhig sein, und daß du deine ganze Kraft einsetzest, daran kann dich Niemand hindern. „Aber es kann sich von Außen her ein Widerstand erheben?" Gewiß keiner gegen ein gerechtes, besonnenes und überlegtes Handeln. Aber vielleicht legt sich sonst Etwas deiner Thätigkeit in den Weg? Doch lässest du dir nur jenes Hinderniß gefallen und schreitest zu dem, was dir noch freisteht, mit Ueberlegung fort, so tritt sogleich ein neuer Gegenstand der Thätigkeit an die Stelle und wird sich in die Lebensordnung fügen, von der wir reden.
33. Ohne Anmaßung nimm an, ohne Bedauern gib hin!
34. Hast du schon einmal eine abgeschnittene Hand oder einen abgehauenen Fuß oder Kopf, vom übrigen Körper getrennt, daliegen sehen? Gerade so nimmt sich derjenige aus, der über sein Schicksal unwillig wird, sich von Anderen absondert, oder sich gemeinschädliche Handlungen erlaubt. Du hast dich so gewissermaßen ausgeworfen, von der naturgemäßen Einheit getrennt. Denn als ein Theil warst du ihr einverleibt und hast dich nun selbst davon abgesondert. Aber hier ist es noch bewundernswerth, daß du dich mit ihr von Neuem vereinigen kannst. Diese Möglichkeit, nach Trennung und Verstümmelung mit dem Ganzen wieder zusammenzukommen, hat Gott keinem andern Theile der Natur verliehen. Erwäge doch die Güte, womit er den Menschen bevorzugt hat. Denn er hat Beides in seine Hand gelegt, seine Lostrennung vom Ganzen gleich Anfangs zu vermeiden, aber auch nach seiner Trennung sich wieder mit demselben zu vereinigen, sich von Neuem ihm einzuverleiben und seine Stellung als Theil wieder einzunehmen.
35. Jedes von uns vernünftigen Geschöpfen hat neben seinen übrigen Kräften von der Allnatur auch noch folgende erhalten: so nämlich wie diese Allem, was ihr widersteht und entgegenwirkt, eine andere Wendung gibt, es in die Kette ihrer Nothwendigkeit einreiht und zu einem Bestandtheile ihrer selbst macht: so kann auch das vernunftbegabte Wesen jedes Hinderniß zu einem Gegenstand seiner Wirksamkeit machen und sich desselben zur Erreichung seines jedesmaligen Zweckes bedienen.
36. Laß dich nicht durch die Betrachtung deines Lebens in seiner Gesammtheit entmuthigen! Fasse nicht alle Unannehmlichkeiten, welche vielleicht noch an dich kommen könnten, nach Beschaffenheit und Menge auf einmal in Gedanken zusammen, sondern frage dich vielmehr bei jedem gegenwärtigen Vorfalle, was ist denn daran eigentlich so gar nicht zu ertragen und auszuhalten? Du mußt dich ja schämen, es, zuzugestehen. Erinnere dich ferner, daß weder das Zukünftige, noch das Vergangene, sondern immer nur das Gegenwärtige dich drücken könne, Letzteres aber vermindert werde, wenn du erwägst, wie kurz es ist, und deiner denkenden Seele die Schwäche vorhältst, daß sie nicht einmal eine kleine Bürde aushalten könne.
37. Sitzen etwa auch jetzt noch Panthea oder Pergamus am Grabe des Verus? oder Chabrias und Diotimus an Hadrians? Das wäre lächerlich. Wie aber, wenn sie wirklich dasäßen, würden jene es fühlen, und wenn sie es fühlten, würde es sie freuen, und wenn sie es freute, würden diese darum unsterblich sein? War es nicht ihr nothwendiges Geschick, erst zu altern und dann zu sterben? Und können denn die Klagenden dem Tode entrinnen? Dieser ganze Körper ist Moder und Verwesung.
38. Wenn du Scharfsicht besitzest, so zeige diese in weisen Urtheilen.
39. In einem vernünftigen Geschöpfe finde ich keine Tugend, welche der Gerechtigkeit widerstreitet, wohl aber eine, die der Wollust entgegensteht, die Enthaltsamkeit.
40. Wenn du deine Meinung von dem aufgibst, was dich zu betrüben scheint, so hast du dich selbst in vollkommene Sicherheit gesetzt. Wer ist dies Selbst? Die Vernunft. „Aber ich bin ja doch nicht die Vernunft". Du sollst es sein, und mithin soll die Vernunft nicht sich selbst betrüben. Ist aber sonst noch Etwas an dir in schlimmem Anstand, so möge dieses selbst über sich aburtheilen!
41. Beschränkung der Sinnlichkeit ist ein Uebel für die thierische Natur, Beschränkung des Triebes ist es gleichfalls. Ebenso gibt es auch manches, was der Entwickelung des Pflanzenlebens hinderlich ist. So ist demnach auch die Beschränkung der Vernunft ein Uebel für die vernünftige Natur. Wende auf dich selbst alle diese Beobachtungen an. Unlust oder Lust berühren dich? Da mag die Sinnlichkeit zusehen. Gegen deinen Trieb erhebt sich ein Widerstand? Wolltest du nun deinem Triebe unbedingt nachgehen, so wäre das schon ein Uebel für dich als vernünftiges Wesen. Siehst du aber jenen Widerstand als etwas Gewöhnliches an, so Wird kein Nachtheil, noch ein Hinderniß für dich eintreten. In den der Vernunft angehörigen Kreis pflegt fürwahr nichts Anderes störend einzugreifen; denn diesen tastet nicht Feuer, noch Eisen, noch ein Gewaltherrscher, nicht Lästerung, noch sonst Etwas an. So lange eine Kugel besteht, so bleibt sie eben rund nach allen Seiten.
42. Ich verdiene es nicht, mich selbst zu betrüben, da ich ja nicht einmal einen Andern jemals geflissentlich betrübt habe.
43. Dem Einen macht dies, einem Andern jenes Freude, die meinige finde ich im Besitz einer gesunden, mich beherrschenden Vernunft, die von keinem Menschen, noch von einer menschlichen Angelegenheit sich abwendet, sondern Alles mit wohlwollendem Auge ansieht und aufnimmt und Jegliches nach Maßgabe seines Werthes benützt.
44. Auf, benutze die gegenwärtige Zeit; denn diejenigen, welche mehr dem Nachruhm nachgehen, bedenken nicht, daß die kommenden Geschlechter ebenso beschaffen sein werden, wie die jetzigen, über welche sie sich beschweren. Auch jene sind ja sterblich. Ueberhaupt, was kümmert es dich, wenn unter ihnen diese und jene Stimmen über dich ertönen, oder sie diese und jene Meinung von dir haben?
45. Nimm mich und versetze mich, wohin du willst. Ueberall werde ich meinen hilfreichen Genius besitzen, das heißt, einen Geist, der zufrieden damit ist, wenn er seiner eigenthümlichen Natur gemäß sich verhalten und wirken kann. Sollte wol jenes so erheblich sein, daß dadurch meine Seele sich schlecht befinde und verschlimmere, und gedrückt, sehnsüchtig, zerrüttet, bestürzt unter sich selbst herabsinke? Was gäbe es wol, das solch eines Opfers werth wäre?
46. Dem Menschen kann nie Etwas begegnen, was nicht ein menschlicher Vorfall wäre, so wenig, als dem Stiere Etwas, das nicht seiner Stiernatur, oder dem Weinstock Etwas, das nicht der Natur des Weinstocks, oder auch dem Steine Etwas, das nicht der Natur des Steines angemessen wäre. Wenn nun Jedem begegnet, was gewöhnlich und natürlich ist, warum wolltest du ärgerlich darüber werden, da die Allnatur dir nichts Unerträgliches widerfahren läßt?
47. Wenn ein Gegenstand der Außenwelt dich mißmuthig macht, so ist es nicht jener, was dich beunruhigt, sondern vielmehr dein Urtheil darüber; dieses aber sofort zu beseitigen, steht in deiner Macht. Hat aber die Mißstimmung in deinem Seelenzustande ihren Grund, wer hindert dich, deine Ansichten zu berichtigen? Desgleichen, wenn du darüber mißmuthig bist, daß du dich nicht in einem Thätigkeitskreise befindest, der dir als vernünftig erscheint, warum nicht lieber thätig, als mißgestimmt sein? „Aber ein Hinderniß, stärker als ich, stellt sich in Weg". So sei dennoch nicht mißmuthig; der Grund deiner Untätigkeit liegt ja dann nicht in dir. „Aber das Leben hat keinen Werth mehr für mich, wenn das nicht ausgeführt wird". Nun so scheide aus dem Leben, so ruhig, als wenn du es vollbracht hättest, doch vergiß nicht, deinen Widersachern zil verzeihen.
48. Erinnre dich daran, daß deine herrschende Vernunft, wenn sie in sich selbst gesammelt, sich selbst genügt und Nichts thut, was sie nicht will, unüberwindlich wird, auch wenn sie einmal ohne genügenden Grund Widerstand leistet. Wie viel mehr also dann, wenn sie mit Grund und mit Bedacht über Etwas urtheilt? Deshalb ist die denkende Seele, von Leidenschaft frei, gleichsam eine Festung. Denn der Mensch hat keine stärkere Schutzwehr, wohin er seine Zuflucht nehmen könnte, um fortan unbezwinglich zu sein. Wer nun diese nicht kennt, ist unwissend, wer sie aber kennt, ohne zu ihr seine Zuflucht zu nehmen, der ist unglücklich.
49. Rede dir nicht noch von selbst etwas ein zu dem, was die sinnlichen Wahrnehmungen dir unmittelbar verkündigen. Man hat dir hinterbracht, Dieser und Jener rede schlecht von dir. Gut! Das aber, daß du hierdurch Schaden leidest, hat man dir nicht hinterbracht. Ich sehe, daß mein Kind krank ist. Das aber, daß es in Gefahr schwebt, sehe ich nicht. So nun bleibe immer bei den ersten Eindrücken stehen und setze Nichts aus deinem Innern noch selbst hinzu, und dir wird Nichts geschehen. Oder willst du etwas hinzusetzen, so thue es als ein Mann, der alle Weltbegebenheiten durchschaut.
50. Diese Gurke ist bitter. Nun, so wirf sie weg. Hier sind Dorngesträuche am Weg. Weiche ihnen aus. Das ist Alles. Frage nicht noch: Wozu gibt es solche Dinge in der Welt? Sonst würde dich ein Naturkundiger auslachen, gleichwie der Tischler und der Schuster dich auslachen würden, wenn du's ihnen zum Vorwurf machen wolltest, daß du in ihren Werkstätten Hobelspäne und Lederabfälle wahrnimmst. Und doch haben diese Leute noch einen Ort, wo sie dergleichen hinwerfen können. Die Allnatur aber hat außerhalb ihres eigenen Kreises Nichts. Das ist gerade das Bewundernswerthe in ihrer Kunstfertigkeit, daß sie in ihrer Selbstbegrenzung Alles, was in ihr zu ver- derben, zu veralten und unbrauchbar zu werden droht, in ihr eigenes Wesen umwandelt und eben daraus wieder andere neue Gegenstände bildet. Sie bedarf zu dem Ende eben so wenig eines außer ihr befindlichen Stoffes, als sie eine Stätte nöthig hat, um das Morsche dorthin zu werfen. Sie hat vielmehr an ihrem eigenen Raum, ihrem eigenen Stoff und an ihrer eigenen Kunstfertigkeit genug.
51. Sei in deinem Thun nicht nachlässig, in deinen Reden nicht verworren, in deinen Vorstellungen nicht zerstreut; laß deine Seele niemals verengen, noch leidenschaftlich aufwallen, noch in deinem Leben dich von Geschäften völlig in Beschlag nehmen. Mögen sie dich ermorden, zerfleischen, mit ihren Flüchen verfolgen. Was thut denn das? Kann doch deine denkende Seele dessen unerachtet rein, verständig, besonnen, gerecht bleiben! Eine klare und süße Quelle hört ja nicht auf, ihren Labetrunk hervorzusprudeln, sollte gleich Jemand herzutreten und sie verlästern. Und auch wenn er Schmutz hineinwerfen sollte, sie wird diesen doch alsobald zertheilen oder wegspülen, ohne dadurch im Mindesten getrübt zu werden. Wie kannst du dir nun eine solche nie versiegende Quelle — und nicht etwa blos eine Cisterne — zu eigen machen? Wenn du dir selbst stündlich eine freie Gesinnung, verbunden mit Wohlwollen, Einfalt und Bescheidenheit, anzubilden strebst.
52. Wer nicht weiß, was die Welt ist, der weiß auch nicht, wo er lebt. Wer aber den Zweck seines Daseins nicht kennt, der weiß weder, wer er selbst, noch was die Welt ist. Wem aber diese Kenntniß fehlt, der kann auch seine eigene Bestimmung nicht angeben. In welchem Lichte erscheint dir nun ein Mensch, welcher die Lästerung derer fürchtet oder um den lauten Beifall derer buhlt, die nicht wissen, wo, noch wer sie selbst sind?
53. Wünschest du wol von einem Menschen gelobt zu werden, der in einer Stunde dreimal sich selbst verflucht? Oder wolltest du wol dem gefallen, der sich selbst nicht gefällt? Oder gefällt der sich selbst, welcher beinahe alle seine Handlungen bereut?
54. Nicht bloß dein Odem soll mit der dich umgebenden Luft, sondern auch dein Sinn soll mit dem Vernunftwesen in Uebereinstimmung sein, das Alles umgibt. Denn die Vernunftkraft ist ebenso über das All ausgegossen und durchdringt ebenso Jeden, der sie an sich ziehen will, als die Luft den, der Athem holt.
55. Die Bosheit schadet weder der Welt im Allgemeinen, noch dem Nebenmenschen insbesondere. Sie ist nur dem schädlich, der es ganz in seiner Gewalt hat, sich, sobald er nur will, von ihr loszureißen.
56. Für meine Willensfreiheit ist die Willensfreiheit meines Nebenmenschen ebenso gleichgiltig, als sein ganzes geistiges und leibliches Wesen; denn sind wir auch in vorzüglichem Sinne für einander geboren, so haben doch die in uns herrschenden Kräfte je ihr eigenes Gebiet. Sonst müßte ja das Laster meines Nebenmenschen mein eigenes Laster sein, was jedoch die Gottheit nicht gewollt hat, damit nicht von der Willkür eines Andern mir ein Unglück zugefügt werden könnte.
57. Die Sonnenstrahlen scheinen von der Sonne herabzufließen, und wiewol sie sich überall hin ergießen, werden sie doch nicht ausgegossen. Diese Ergießung ist nämlich nur eine Ausdehnung derselben. Führen doch auch ihre leuchtenden Strahlen von dem Worte „ausgedehnt werden" ihren Namen. Die Natur eines Strahls wird aber daraus ersichtlich, wenn man das Sonnenlicht, so wie es durch eine enge Oeffnung in ein verdunkeltes Gemach hereinschlüpft, beobachtet. Es breitet sich nämlich in gerader Richtung aus und wenn es auf einen dichteren, für die Lust undurchdringbaren Körper stößt, bricht es sich gleichsam; hier bleibt es dann stehen, ohne Herabzugleiten oder zu fallen. So muß auch gleichsam unser Geist ausstrahlen und sich ergießen, keineswegs aber sich aus gießen, vielmehr nur sich ausdehnen und gegen die ihm begegnenden Hindernisse keinen gewaltsamen und stürmischen Anlauf machen, noch herabsinken, vielmehr stehen bleiben und den Gegenstand beleuchten, welcher sein Licht zuläßt. Alles aber, was die Strahlen nicht durchläßt, beraubt sich selbst des Lichts und bleibt in Finsterniß.
58. Wer sich vor dem Tode fürchtet, fürchtet sich entweder vor dem Aufhören jeglicher Empfindung, oder vor einem Wechsel des Empfindens. Wenn man nun-gar Nichts mehr fühlt, so wird man auch kein Nebel mehr fühlen; erhalten wir aber eine andere Art des Fühlens, so werden wir auch zu anderen Wesen und hören mithin nicht auf zu leben.
59. Die Menschen sind für einander da. Also belehre oder dulde sie.
60. Anders ist der Flug des Geschosses, anders der Flug, welchen der Geist nimmt. Denn der Geist bewegt sich, mag er nun einer Sache ausweichen oder sich bei ihrer Betrachtung aufhalten, darum doch in gerader Richtung auf sein Ziel zu.
61. Suche in das Innere jedes Menschen einzudringen; aber gestatte auch jedem Andern in deine Seele einzudringen.
Zum InhaltsverzeichnisNeuntes Buch
1. Wer unrecht handelt, ist gottlos. Denn die Allnatur hat die vernünftigen Wesen für einander geschaffen, um einander nach Bedürfniß zu nützen, keineswegs aber zu schaden; wer also ihren Willen übertritt, der frevelt offenbar gegen die ewige Gottheit. Auch wer lügt, frevelt gegen dieselbe Gottheit. Denn die Allnatur ist das Reich des Seienden. Das Seiende aber fleht mit allem Vorhandenen in engster Verbindung. Ferner wird jene auch die Wahrheit selbst genannt und ist thatsächlich die Urquells alles Wahren. Wer also vorsätzlich lügt, handelt gottlos, insofern er auf betrügerische Weise unrecht handelt; wer es aber unvorsätzlich thut, gleichfalls, insofern er mit der Allnatur nicht im Einklang steht und durch seinen Streit mit der Weltnatur ihre Ordnung stört. Doch auch wider sich selbst streitet ein Solcher, indem er sich zum Wahrheitswidrigen hinreißen läßt. Denn er hatte bei seiner Bildung von der Natur Abneigung dagegen erhalten, durch deren Vernachlässigung er nunmehr außer Standes ist, das Falsche von dem Wahren zu unterscheiden. Ferner handelt gottlos, wer den sinnlichen Genüssen als Gütern nachjagt, vor den Leiden aber, als vor Uebeln, flieht. Denn nothwendig kommt ein Solcher oft in den Fall, sich über die allwaltende Natur zu beschweren, als theile sie den Lasterhaften und den Rechtschaffenen ihr Loos nicht nach Verdienst zu; denn wie oft leben die Lasterhaften in Sinnenfreuden und verschaffen sich die Besolderungsmittel derselben, während die Rechtschaffenen dem Leid und dein anheimfallen, was Leiden schafft. Zudem kann, wer sich vor Leiden fürchtet, auch nicht ohne Furcht in die Zukunft blicken, was schon gottlos ist; und wer Sinnenfreuden nachjagt, wird sich vom Unrechtthun nicht ferne halten und das ist vollends offenbare Gottlosigkeit. Hingegen was die gemeinsame Natur als gleichgiltig verordnet hat, — sie würde aber nicht Beides hervorbringen, wenn sie sich nicht gegen Beides nach einerlei Regel verhielte — dem gegenüber müssen auch diejenigen, welche der Natur folgen wollen, Gleichmüthigkeit hegen. Jeder nun, der gegen Leid und Freude, oder Tod und Leben, oder Ehre und Schande, deren sich die Allnatur gleichgiltig bedient, sich nicht ebenfalls gleichmüthig verhält, der handelt offenbar gottlos. Die gemeinsame Natur aber, sage ich, bedient sich derselben nach einerlei Regel, darunter ist zu verstehen, diese Veränderungen begegnen der Naturordnung gemäß den jetzt wie den künftig Lebenden nach einerlei Regel, und zwar schon zufolge einer uranfänglichen Bestimmung der Vorsehung, nach welcher sie schon vom Anfang an zu allen möglichen Veränderungen der Dinge den Grund legte, indem sie gewisse Grundstoffe der werdenden Dinge zusammenfaßte und die erzeugenden Kräfte der Substanzen selbst, ihrer Verwandlungen und ihrer derartigen Aufeinanderfolge beschloß.
2. Das würde der vollkommenste Mensch sein, der aus dem Kreise der Menschen schiede, rein von Lügengerede, von Heuchelei, Ueppigkeit und Hoffart. Der zweite Rang, nächst ihm, gebührt dem, welcher mit Abscheu gegen diese Dinge lieber den Geist aushauchen, als in der Bösartigkeit beharren möchte. Oder ziehst du es vor, unter der Schlechtigkeit zu verkommen, und hat dich selbst die Erfahrung noch nicht gelehrt, aus dieser Pest wegzufliehen? Denn die Verderbniß deiner Denkkraft ist eine Pest und zwar eine noch Viel schlimmere, als die Verdorbenheit der uns umgebenden Luft und der plötzliche Wechsel des Dunstkreises; denn letzterer ist nur eine Pest für thierische Wesen, insofern sie Thiere sind, jene aber für Menschen, insofern sie Menschen sind.
3. Verachte den Tod nicht, vielmehr sieh ihm mit Ergebung entgegen, als einem Gliede in der Kette der Veränderungen, welche dem Willen der Natur gemäß sind. Denn jung sein und altern, heranwachsen und mannbar werden, Zähne, Bart und graue Haare bekommen, zeugen, schwanger werden und gebären und die anderen Thätigkeiten der Natur, wie sie die verschiedenen Zeiten des Lebens mit sich bringen, sind ja dem Aufgelöstwerden gleichartig. Daher ist es die Sache eines denkenden Menschen, sich gegen den Tod weder hartnäckig, noch abstoßend und übermüthig zu zeigen, sondern ihm als einer der Naturwirkungen entgegenzusehen. Wie du des Augenblicks harrst, wo das Kindlein aus dem Schooße deiner Gattin hervorgehen soll, ebenso sollst du die Stunde erwarten, da deine Seele aus dieser ihrer Hülle entweichen wird. Willst du aber ein allbekanntes, herzstärkendes Mittel anwenden, so wird der Hinblick auf die Gegenstände, von denen du dich trennen sollst, und auf die Menschen, durch deren Sitten deine Seele nicht mehr verdorben werden wird, dich mit dem Tode vollkommen aussöhnen. Denn du sollst zwar an den Bösen möglichst wenig Anstoß nehmen, vielmehr für sie sorgen und sie mit Sanftmuth tragen, indessen darfst du doch daran denken, daß es nicht eine Trennung von gleichgesinnten Menschen gelte. Dies allein nämlich, wenn irgend Etwas, könnte uns anziehen und im Leben festhalten, wenn es uns vergönnt wäre, mit Menschen zusammenzuleben, welche sich dieselben Grundsätze angeeignet haben. Nun aber siehst du ja mit Augen, wie viel Verdruß aus der Menschen Uneinigkeit entspringt, so daß du wol ausrufen möchtest: komm doch schneller heran, lieber Tod! damit ich nicht etwa noch meiner selbst vergesse.
4. Wer sündigt, versündigt sich an sich selbst; begangenes Unrecht fällt auf den Urheber zurück, indem er sich selbst verschlechtert.
5. Oft thut auch der Unrecht, der Nichts thut; wer das Unrecht nicht verbietet, wenn er kann, befiehlt es!
6. Genug, wenn das jedesmalige Urtheil klar, die jedesmalige Thätigkeit gemeinnützig, die jedesmalige Gemüthsverfassung mit Allem zufrieden ist, was aus natürlichen Ursachen sich ereignet.
7. Unterdrücke die bloße Einbildung; hemme die Leidenschaft; dämpfe die Begierde; erhalte die königliche Vernunft bei der Herrschaft über sich selbst!
8. Den vernunftlosen Wesen ist eine Seele, den vernünftigen aber Eine denkende Seele zugetheilt, sowie es auch für alle Erdgebilde nur Eine Erde gibt, und wir Alle, die wir sehend und belebt sind, von Einem Lichte sehen und Eine Lust einathmen.
9. Alle Dinge, die irgend etwas Gemeinschaftliches haben, streben zur Vereinigung hin. Was von der Erde ist, neigt sich zur Erde, alles Feuchte und gleichermaßen alles Luftige fließt zusammen, so daß es der Gewalt bedarf, um solche Stoffe auseinander zu halten. Das Feuer zwar hat vermöge des Elementarfeuers seinen Zug nach Oben, aber doch ist es zugleich geneigt, mit jedem hier befindlichen Feuer sich zu entzünden, so daß alle Stoffe, die nur einigermaßen trocken und also weniger mit dem gemischt sind, was der Entzündung wehrt, leicht in Brand gerathen. Ebenso nun, oder auch noch mehr, strebt Alles, was an der gemeinschaftlichen, vernünftigen Natur Theil hat, seinem Ursprünge zu. Denn je mehr ein Wesen über die übrigen die Oberhand behält, um so geneigter ist es auch, mit dem Verwandten sich zu vermengen und zusammenzufließen. Bereits auf der Stufe vernunftloser Wesen finden sich ja Schwärme, Heerden, Fütterungsanstalten für die Jungen, und sogar gewissermaßen Liebschaften. Denn in ihnen schon wohnen Seelen und findet sich daher auch jener Gemeinschaftstrieb in stärkerem Grade, als er bei Pflanzen, Steinen oder Bäumen vorhanden ist. Bei vernünftigen Wesen aber kommt es zu Staaten, Freundschaften, Familien, gesellschaftlichen Verbindungen und im Kriege selbst zu Bündnissen und Waffenstillständen. Sogar bei noch höheren Wesen findet, trotz ihrer sonstigen Abstände von einander, doch Einigung Statt, wie bei den Gestirnen; und so kann der Aufschwung zum Höheren auch bei sonst getrennten Wesen Sympathie hervorbringen. Betrachte nun den jetzigen Gang der Dinge. Die denkenden Wesen sind es nämlich jetzt allein, welche dieses Zueinanderstreben und Zusammenhalten vergessen, und bei ihnen allein ist jenes Zusammenfließen nicht ersichtlich. Und doch — mögen sie sich immerhin fliehen, sie umschließen sich dessen ungeachtet. Denn die Natur behauptet ihr Herrscherrecht. Gib mir Acht und du wirst, was ich sage, bestätigt finden. Denn eher dürfte man ein Erdtheilchen treffen, das von keinem andern Erdtheilchen berührt wird, als einen Menschen, der von einem anderen Menschen ganz abgeschieden ist.
10. Alles tragt seine Frucht. Sowol der Mensch, als auch Gott und die Welt bringen Frucht hervor, und zwar ein Jegliches zu seiner Zeit. Mag auch der herrschende Sprachgebrauch diesen Ausdruck nur beim Weinstock und bei ähnlichen Gegenständen anwenden — gleichviel. Auch die Vernunft trägt Frucht für's Ganze und für den Einzelnen. Und aus dieser Frucht gehen andere Erzeugnisse derselben Art hervor, wie die Vernunft.
11. Vermagst du es, so belehre den Fehlenden eines Bessern, wo nicht, so erinnere dich, daß dir für diesen Fall Nachsicht verliehen ist. Sind doch auch die Götter gegen Solche nachsichtig, ja sie sind ihnen sogar zu Gesundheit, Reichthum, Ehre behilflich. So gütig sind sie! Auch dir steht es frei, hierin den Göttern zu gleichen, oder sprich: wer hindert dich daran?
12. Arbeite nicht, als wärest du dabei unglücklich, oder nm bewundert oder bemitleidet zu werden; wolle vielmehr nur das Eine, deine Kraft in Bewegung setzen oder zurückhalten, so wie es das Gemeinwesen erheischt.
13. Heute bin ich allen Hindernissen entgangen, oder richtiger gesprochen, habe ich alle Bedrängnisse zurückgewiesen; denn sie lagen ja nicht außer mir, sondern in mir, in meinen Vorurtheilen.
14. Alles bleibt dasselbe! Alltäglich in Rücksicht auf die Erfahrung, vorüberfliehend hinsichtlich der Zeit, verächtlich hinsichtlich des Stoffs. Alles, was jetzt ist, war ebenso bei denen, die wir beerdigt haben.
15. Die sinnlichen Gegenstände sind außer uns, einsam stehen sie, so zu sagen, vor unserer Thüre. Sie wissen Nichts von sich selbst, urtheilen auch nicht über sich. Wer ist es denn, der über sie urtheilt? Unsere Vernunft.
16. Nicht aus Einbildung, sondern auf sein Wirken gründet sich das Wohl und Weh eines vernünftigen, geselligen Wesens, gleichwie auch Tugend und Laster bei ihm nicht auf einem leidenden Zustande, sondern auf Thätigkeit beruhen.
17. Für den emporgeworfenen Stein ist es ebensowenig ein Uebel, herabzufallen, als ein Gut, in die Höhe zu fliegen.
18. Dringe in das Innere der Menschenseelen ein und du wirst sehen, vor was für Richtern du dich fürchtest, und was für Richter sie über sich selbst sind.
19. Alles im Verwandlungszustand! Auch du selbst in stetem Wechsel, ja gewissermaßen in zunehmender Verwesung; ebenso die ganze Welt.
20. Das Vergehen eines Andern muß man da lassen, wo es ist.
21. Das Aufhören einer Thätigkeit, der Stillstand der Triebe und Meinungen, schon eine Art von Tod, ist kein Uebel. Geh einmal zu deinen verschiedenen Lebensstufen über, du wurdest Kind, Jüngling, Mann, Greis und es war ja auch jeder Wechsel von diesen ein Tod. Ist das etwas Schreckliches? Denke jetzt an die Zeit zurück, welche du noch unter deinem Großvater, nachher unter deiner Mutter und dann unter deinem Vater verlebt hast, und wenn du nun alle Trennungen, Umwandlungen und Auflösungen, die mit dir vorgegangen sind, erwägst, so frage dich selbst, war daran etwas Schreckliches? Ebensowenig wird es auch das Aufhören, der Stillstand und die Umwandlung deines ganzen Lebens sein.
22. Forschend wende dich deiner eigenen Seele, der Seele des Weltganzen und deines Nächsten zu: deiner eigenen Seele, um ihr Sinn für Gerechtigkeit einzuflößen, der Seele des Weltganzen, um dich zu erinnern, du seiest ein Theil davon, der Seele deines Nächsten, um zu erkennen, ob derselbe unwissentlich oder wissentlich gehandelt habe, und zugleich zu bedenken, daß sie der deinigen verwandt sei.
23. Wie du selbst als ein ergänzender Theil zur menschlichen Gesellschaft gehörst, so soll auch jede deiner Handlungen im bürgerlichen Leben eine Ergänzung bilden. Hat eine oder die andere deiner Handlungen keinen näheren oder entfernteren Bezug auf das Ziel des gemeinen Nutzens, so bringt sie Verwirrung in dein Leben, verhindert seine Einheit und ist von so aufrührerischer Art, wie ein Mensch, der in einer Volksversammlung durch seine einzelne Person die ganze Einstimmigkeit hindert.
24. Wie Knabenzänkereien und Kinderspiele — so flüchtig sind unsere Lebensgeister, mit Leichnamen belastet. Was ist da die Todtenfeier!
25. Untersuche die Beschaffenheit der ursächlichen Kraft jedes Gegenstandes, denke ihn bei deiner Betrachtung von seinem Stoffe getrennt, und bestimme dann die längste Zeit, welche er bei seiner eigenthümlichen Beschaffenheit vielleicht bestehen kann.
26. Du hast viel Noth und Schmerz ertragen müssen, weil dir nicht genügte, daß deine Vernunft ihrer Beschaffenheit gemäß handeln sollte. Nun genug hiervon, mißbrauche sie nicht mehr.
27. ' Wenn dich Jemand schmäht oder haßt, oder man aus solch einem Grunde allerlei Gerüchte von dir aussprengt, so tritt den Seelen dieser Leute näher, geh in ihr Inneres ein und sieh, wie sie geartet sind, und du wirst finden, daß du dich nicht zu beunruhigen brauchst, wenn solche Leute so von dir urtheilen. Dennoch aber bist du ihnen Wohlwollen schuldig; denn von Natur sind sie deine Freunde und Nächsten, und auch die Götter sind ihnen in allerlei Weise, z. B. durch Träume, durch Orakelsprüche, zu dem behilflich, woran ihnen so viel gelegen ist.
28. Aufwärts, niederwärts, Alles in der Welt ist in demselben Kreislauf von Jahrhundert zu Jahrhundert. Entweder ist nun die Vernunft des Weltganzen bei jeder Veränderung wirksam, und wenn sie dies ist, so sei dir, was sie hervortreibt, willkommen, oder sie hat sich nur ein für allemal schöpferisch erzeigt, das Uebrige aber ist, nach einer nothwendigen Aufeinanderfolge gewissermaßen eines in dem andern begründet und enthalten; oder das Ganze ist nur ein Gewirr von Atomen oder untheilbaren Theilchen. Kurz, gibt es einen Gott, so steht Alles gut; herrscht aber das Ungefähr, so folge du doch keinem blinden Ungefähr. Bald wird die Erde uns alle bedecken; hierauf wird auch sie selbst sich verwandeln und so fort bis ins Unendliche. Denn wer diese über einander wogenden Fluten von Verwandlungen und Veränderungen mit ihrer reißenden Schnelligkeit erwägt, der wird alles Sterbliche gering achten.
29. Die Urkraft des Weltganzen ist wie ein gewaltiger Strom, der Alles mit sich fortreißt. Wie unbedeutend sind selbst diejenigen Staatsmänner, welche die Geschäfte nach den Regeln der Weltweisheit zu lenken wähnen I O Eitelkeit! Was willst du, Mensch? Thue doch, was gerade jetzt die Natur von dir fordert. Sei wirksam so lange du kannst und blicke nicht um dich, ob's Einer auch erfahren werde. Hoffe auch nicht auf einen platonischen Staat, sondern sei zufrieden, wenn es auch nur ein klein wenig vorwärts geht, und halte auch einen solchen kleinen Fortschritt nicht für unbedeutend. Denn wer kann die Grundsätze der Leute ändern? Ohne eine Aenderung der Grundsätze aber, was ist anders zu erwarten, als ein Knechtsdienst unter Seufzen, ein erheuchelter Gehorsam? Und nun komm und sprich mir von einem Alexander, Philipp und Demetrius von Phalerum. Wie steht's damit, ob sie den Willen der Allnatur erkannt haben und ihre eigenen Erzieher geworden sind! Haben sie aber nur Schauspielerrolle gespielt, so verdammt mich Niemand dazu, sie ihnen nachzuspielen. Die Philosophie lehrt mich Einfachheit und Bescheidenheit; fort mit vornehmthuender Aufgeblasenheit!
30. Wie von einer Anhöhe aus betrachte die unzähligen Volkshaufen mit ihren unzähligen Religionsgebräuchen, die Seefahrten nach allen Richtungen unter Stürmen und bei ruhiger See, und die Verschiedenheiten zwischen den werdenden, mit uns lebenden und dahinschwindenden Wesen. Betrachte auch die Lebensweise, wie sie vormals herrschend war, wie sie nach dir sein wird, und wie sie jetzt unter uncultivirten Völkerschaften herrscht. Ferner, wie viele nicht einmal deinen Namen kennen, wie viele ihn gar bald vergessen, wie viele, jetzt vielleicht deine Lobredner, nächstens deinen Tadel anstimmen werden, und wie weder der Nachruhm, noch das Ansehen, noch sonst etwas von Allem, was dazu gehört, Beachtung verdient.
31. Zeige Gemüthsruhe den Dingen gegenüber, welche von äußeren Ursachen herkommen, Gerechtigkeit bei denen, welche von deiner eigenen Thatkraft bewirkt werden, das heißt, dein Streben und Thun soll kein anderes Ziel haben, als das allgemeine Beste; denn das ist deiner Natur gemäß.
32. Viele unnöthige Anlässe zu deiner Beunruhigung, welche nur auf deiner falschen Vorstellung beruhen, kannst du aus dem Weg schaffen und dir selbst unverzüglich einen weiten Spielraum eröffnen; umfasse nur mit deinem Geiste das ganze Weltall, betrachte die ewige Dauer und dann wieder die rasche Verwandlung jedes einzelnen Gegenstandes; welch kurzer Zeitraum liegt zwischen der Entstehung und Auflösung der Geschöpfe; wie unermeßlich ist die Zeit, welche ihrer Entstehung voranging, wie unendlich gleicher Weise die Zeit, welche ihrer Auflösung folgen wird!
33. Alles, was du siehst, wird sich bald verändern, und die, welche diesen Veränderungen zuschauen, werden selbst auch sehr bald vergehen, und derjenige, welcher in einem hohen Alter stirbt, wird vor einem Frühverstorbenen nichts voraus haben.
34. Sieh stets auf die herrschenden Grundsätze der Menschen, auf die Gegenstände ihrer Bemühungen und die Beweggründe ihrer Zuneigung und Werthschätzung, mit einem Wort, suche ihre Gemüther ohne alle Hülle zu erkennen.. Wenn sie glauben, durch ihren Tadel zu schaden, oder durch ihre Lobpreisungen zu nützen, welch ein Wahn!
35. Ein Verlust ist weiter Nichts als eine Umwandlung, und daran findet die Allnatur Vergnügen, sie, die Alles mit so großer Weisheit thut, von Ewigkeit her gleicher Weise that und ins Unendliche so thun wird. Wie kannst du nun sagen, Alles, was auch geschehen sei oder immer geschehen werde, sei schlecht und folglich unter so vielen Göttern nie ein Vermögen aufzufinden gewesen, um diese Zustände zu verbessern, vielmehr sei die Welt verdammt, in den Banden unaufhörlicher Uebel zu verharren.
36. Der Stoff jedes Gegenstandes ist Fäulniß: Wasser, Staub, Knochen, Unflath. Die Marmorbrüche sind nur Verhärtungen der Erde, Gold und Silber nur Bodensatz, unsere Kleidung Thierhaare, Purpur Blut und so verhält sich's mit allem Uebrigen. Selbst der Lebensgeist gehört in diese Classe, weil auch er einer steten Umwandlung unterworfen ist.
37. Genug des elenden Lebens, des Murrens und des lächerlichen Benehmens. Was beunruhigt dich? was findest du hier so unerhört? Was macht dich ängstlich? Die ursächliche Kraft der Dinge? Beobachte sie nur! Aber vielleicht der Stoff? Besteh ihn nur! Außer diesen aber gibt es ja Nichts. Sei also doch endlich einmal argloser und freundlicher gegen die Götter! Ist es ja einerlei, ob du hundert oder nur drei Jahre lang den Lauf der Welt betrachtest.
38. Hat Jemand sich vergangen, so ist das sein Schade; vielleicht aber hat er sich nicht einmal vergangen.
39. Entweder ist ein denkendes Wesen die Urquelle, von der dem ganzen Weltall, als Einem Körper, Alles zuströmt, und alsdann darf sich der Theil über dasjenige, was zum Nutzen des Ganzen geschieht, nicht beklagen, oder das All ist ein Gewirr von Atomen, eine zufällige Mischung und dann wieder Trennung; wozu dann deine Unruhe? Sprich eben zu deiner Seele: du bist todt, bist nur Schein und Verwesung, denkst nur wie ein Thier, deinen Hunger zu stillen und deine Bedürfnisse zu befriedigen.
40. Entweder vermögen die Götter Nichts, oder sie vermögen Etwas. Wenn sie nun Nichts vermögen, warum betest du? Sind sie aber mächtig, warum flehst du sie nicht, statt um Abwendung dieses oder jenes Uebels oder um Verleihung dieses oder jenes Guts, vielmehr um die Gabe an, Nichts von all dem zu fürchten oder zu begehren, oder darüber zu trauern? Denn wenn sie überhaupt den Menschen zu helfen vermögen, so können sie auch dazu verhelfen. Aber vielleicht entgegnest du: das haben die Götter in meine Macht gestellt. Nun, ist es da nicht besser, das, was in deiner Macht steht, mit Freiheit zu gebrauchen, als zu dein, was nicht in deiner Macht steht, mit sklavischer Erniedrigung dich hinreißen zu lassen? Wer hat dir denn aber gesagt, daß die Götter uns in dem, was von uns abhängt, nicht zu Hilfe kommen? Fange doch nur einmal an, um solche Dinge zu beten, und du wirst sehen. Der fleht: wie erlange ich doch die Gunst jener Geliebten? Du: wie entreiße ich mich dem Verlangen darnach. Der: wie fange ich's an, um von jenem Uebel frei zu werden? Du: wie fange ich's an, um der Befreiung davon nicht zu bedürfen? Ein Anderer: was ist zu thun, daß ich mein Söhnchen nicht verliere? Du: was ist zu thun, daß ich seinen Verlust nicht fürchte? Mit einem Wort: gib allen deinen Gebeten eine solche Richtung und du wirst den Erfolg sehen.
41. Während meiner Krankheit, sagt Epikur, unterhielt ich mich nicht über meine körperlichen Leiden, noch sprach ich mit denen, welche mich besuchten, davon; vielmehr setzte ich meine früher angefangenen Naturforschungen fort und beschäftigte mich hauptsächlich mit der Frage, wie die denkende Seele, trotz ihrer Theilnahme an den Empfindungen des Körpers, unerschütterlich bleiben und das ihr eigenthümliche Gut bewahren könne? Auch gab ich, fährt er fort, den Aerzten keine Veranlassung, sich damit zu brüsten, als hätten sie Wunder was an mir gethan; vielmehr führte ich auch damals ein gutes und heiteres Leben. Thue es ihm nur nach in Krankheitsfällen und in allen Lagen des Lebens. Den Grundsatz haben ja alle Schulen gemein, Lei allen möglichen Begegnissen der Philosophie nicht untreu zu werden und in das Geschwätz unwissender, der Natur unkundiger Menschen nicht einzustimmen, vielmehr nur auf das, was gerade jetzt zu thun ist, und die zu dessen Ausführung dienlichen Hilfsmittel Acht zu haben.
42. So oft du an der Unverschämtheit von Jemand Anstoß nimmst, frage dich sogleich: ist es auch möglich, daß es in der Welt keine unverschämten Leute gebe? Das ist nicht möglich. Verlange also nicht das Unmögliche. Jener ist eben einer von den Unverschämten, die es in der Welt geben muß. Dieselbe Frage sei dir zur Hand hinsichtlich der Schlauköpfe, der Treulosen und jedes Fehlenden. Denn sobald du dich daran erinnerst, daß das Dasein von Leuten dieses Gelichters nun einmal nicht zu verhindern sei, wirst du auch gegen jeden Einzelnen derselben milder gesinnt werden. Auch das frommt, wenn man sogleich bedenkt, welche Tugend die Natur dem Menschen diesen Untugenden gegenüber verliehen habe. So verlieh sie ja dem Rücksichtslosen gegenüber, als eine Art Gegengift, die Sanftmuth, und wieder einem Andern eine andere Gegenkraft und im Ganzen steht es in deiner Gewalt, den Irrenden den rechten Weg zu zeigen. Jeder Fehlende aber irrt, insofern er seines Ziels verfehlt. Und nun, welchen Nachtheil hast du dadurch erlitten? Du wirst finden, daß Keiner von denen, über die du dich so sehr ereiferst, durch irgend eine seiner Uebelthaten deine denkende Seele habe verschlechtern können, vielmehr haben eben in dieser dem Uebel und dein Schaden ihren vollen Grund. Wenn aber ein ungebildeter Mensch eben wie ein Ungebildeter sich beträgt, was ist denn Schlimmes oder Seltsames daran? Sieh zu, ob du nicht vielmehr dich selbst darüber anklagen solltest, daß solch ein fehlerhaftes Benehmen von diesem Menschen dir so unerwartet kam. Gab dir ja doch deine Vernunft Anlaß genug zu dem Gedanken, daß es wahrscheinlich sei, er werde sich so vergehen, und dennoch vergaßest du das und wunderst dich jetzt, daß er sich vergangen hat. Besonders aber, so oft du dich über Treulosigkeit und Undank von Jemand zu beschweren hast, richte deinen Blick aus dein eigenes Innere. Denn offenbar liegt hier der Fehler auf deiner Seite, wenn du einem Menschen von dieser Gesinnung zutrautest, daß er sein Wort halten werde, oder wenn du ihm nicht ohne allerlei Nebenabsichten eine Wohlthat erzeigtest und nicht viel mehr in dem Gedanken, daß du von deiner Handlung selbst schon alle Frucht eingeerntet habest. Denn was willst du noch weiter, wenn du einem Menschen eine Wohlthat erwiesen hast? Genügt dir nicht daran, daß du deiner Natur gemäß Etwas gethan hast, sondern verlangst du noch eine Belohnung dafür? Als ob das Auge dafür, daß es sieht, oder die Füße dafür, daß sie gehen, einen Lohn fordern könnten! Denn wie diese Glieder dazu geschaffen sind, daß sie im Vollzug ihrer natürlichen Verrichtungen ihren Zweck erfüllen, so erfüllt auch der Mensch, zum Wohlthun geboren, so oft er eine Wohlthat erzeigt oder etwas für den gemeinen Nutzen Förderliches geleistet hat, seinen natürlichen Zweck und empfängt damit das Deinige.
Zum InhaltsverzeichnisZehntes Buch
1. O meine Seele! Wirst du denn nicht endlich einmal gut und lauter und einig mit dir selbst? Wann wirst du sichtbarer werden, als der dich umhüllende Leib? Willst du nicht endlich einmal das Glück genießen, die Menschen zu lieben und zu erfreuen? Wirst du nicht endlich einmal zu einer bedürfnißlosen Befriedigung auch in dir selbst gelangen, wo du zum Freudengenusse Nichts mehr verlangst noch begehrst, sei es etwas Lebendiges oder Lebloses, weder mehr an Zeit, um länger noch zu genießen, noch in einem anderen Raum in einer andern Gegend zu sein, eine reinere Lust zu athmen, mit umgänglicheren Menschen zu verkehren? vielmehr mit deiner jedesmaligen Lage zufrieden, an Allem was dir die Gegenwart bringt, dich freust und dich überzeugt hältst, daß dir Alles zu Gebot stehe, Alles zu deinem Wohle gereiche und von den Göttern herrühre und Alles zu deinem Besten dienen werde, was diesen gefällt, und was sie nur zum Heile des vollkommenen, guten, gerechten und schönen Wesens geben werden, das Alles erzeugt, Zusammenhalt, umfaßt und umgibt, was zur Erzeugung anderer Wesen derselben Art sich auflöst? Wirst du es nicht endlich einmal durch deine Beschaffenheit zu einem solchen Verhältniß mit den Göttern und Menschen bringen, daß du weder über sie Beschwerde führst, noch auch von ihnen verurtheilt wirst?
2. Beachte genau, was deiner Natur gemäß ist, insofern sie unter der Alleinherrschaft der Naturgesetze steht. Erfülle dann diese Forderungen und laß sie gewahren, wofern die Verfassung deiner animalischen Natur dadurch nicht verschlimmert wird. Sofort mußt du Acht haben, was diese deine animalische Natur verlangt, und Alles das ihr vergönnen, vorausgesetzt, daß der Zustand deiner vernünftigen Natur dadurch nicht verschlimmert wird. Das Vernünftige aber ist zugleich auch ein bürgerlich Geselliges. Befolge denn diese Grundsätze und mache dir über nichts mehr Sorge.
3. Entweder hast du von Natur Kraft genug, jedes dir begegnende Geschick zu ertragen, oder dies ist dir unmöglich. Trifft dich nun ein Schicksal, so sei darüber nicht ungehalten, sondern brauche deine natürliche Kraft, um es zu ertragen. Uebersteigt es aber deine natürliche Kraft, so sei doch nicht unwillig; denn nachdem es au dir verzehrt hat, wird es selbst aufgerieben werden. Denke jedoch daran, daß du von Natur die Kraft habest, Alles zu ertragen, was dir erträglich und leidlich zu machen von deinem eigenen Urtheil abhängt, vermöge der Vorstellung, daß es dir fromme oder gebühre, also zu handeln.
4. Irrt Jemand, so belehre ihn mit Wohlwollen und zeige ihm seine Fehler mit Sanftmuth. Vermagst du das aber nicht, so klage dich selbst an, oder auch dich selbst nicht einmal.
5. Alles, was dir widerfahren mag, war dir von Ewigkeit her so vorher bestimmt und die Verkettung der Ursachen hat von Anfang her dein Dasein und dieses dein Geschick mit einander verknüpft.
6. Mag man nun die Welt als ein Gewirr von Atomen oder ein geordnetes Ganze ansehen, so steht doch soviel fest: ich bin ein Theil des Ganzen, das unter der Herrschaft der Natur steht; und zugleich bin ich nothwendig mit allen mir gleichartigen Theilen in engem Zusammenhang. Denn jenes ersten Grundsatzes eingedenk, werde ich mit Nichts unzufrieden sein, was mir als einem Theile vom Ganzen zugetheilt wird; kann ja doch Nichts dem Theile schädlich, sein, was dem Ganzen zuträglich ist, denn das Ganze enthält Nichts, was nicht ihm selbst zuträglich wäre. Es gibt nichts im Weltsystem, was nicht dem Weltsystem dient. Dies haben alle Naturwesen mit einander gemein und die Weltnatur hat noch den weiteren Vorzug, daß sie durch nichts von außen her gezwungen werden kann, etwas ihr selbst Schädliches zu erzeugen. Denke ich also nur daran, daß ich ein Theil eines solchen Ganzen bin, so werde ich mit Allem, was sich ereignet, zufrieden sein. Sofern ich aber mit den mir gleichartigen Theilen in enger Verbindung stehe, werde ich Nichts gegen das Gemeinwohl thun, vielmehr werde ich, mit steter Rücksicht auf meine Mitmenschen, mein Streben ganz auf das gemeine Beste richten und vom Gegentheil ablenken. Bei solcher Ausführung dieser Vorsätze muß mein Leben glücklich dahinfließen, so glücklich, wie der Wahrnehmung nach das Leben eines Bürgers dahinfließt, der von einer seine Mitbürger beglückenden That zur andern fortschreitet und Alles was ihm nur der Staat auferlegt, mit Freuden übernimmt.
7. Alle Theile des Universums, das heißt, Alles was die Welt in sich begreift, müssen nothwendig zerstört oder, mit einem bezeichnenderen Ausdrucke, umgewandelt werden. Wäre nun dies für sie von Natur ein Uebel und zwar ein nothwendiges Uebel, so hätte das Weltall bei dem steten Uebergang seiner Theile zur Veränderung und ihrer vorherrschenden Bestimmung zur Zerstörung keine weise Einrichtung erhalten. Sollte aber wol die Allnatur selbst die Einrichtung getroffen haben, ihren eigenen Theilen Uebles zuzufügen, ja, sie nicht nur ins Uebel zu stürzen, sondern diesen ihren Sturz sogar nothwendig zu machen? Oder sollte es ihr verborgen geblieben sein, daß so Etwas eintreten werde? Beides ist ja unglaublich. Doch wenn Jemand, von der Allnatur absehend, diese Umwandlungen blos aus der natürlichen Einrichtung der Dinge herleiten wollte, so wäre es bei all' dem lächerlich, einerseits zu behaupten, daß die Theile des Ganzen vermöge ihrer natürlichen Anlage sich verwandeln müssen, und andererseits über manches Ereigniß als naturwidrig sich zu verwundern oder zu ärgern, zumal da die Auflösung in diejenigen Theile erfolgt, aus denen jedes Ding entstanden ist, sei diese nun eine Zerstäubung der Grundstoffe, woraus dasselbe zusammengesetzt ward, oder ein Uebergang z. B. der festen Theile in das Erdige, der geistigen in das Luftige, so daß auch diese in den Keimstoff des Weltganzen aufgenommen wurden, mag nun dieses nach einem bestimmten Kreislauf der Zeit in Feuer auflodern oder sich durch ewige Umgestaltungen wieder erneuern. Denke aber nicht etwa, daß jene festen und geistigen Theile deiner auflösbaren Constitution von Geburt an dir ankleben, vielmehr ist dir ja dieses Alles erst von gestern oder vorgestern durch die Speisen und durch die eingeathmete Luft zugeflossen. Nur das mithin, was auf solche Art deine Natur angenommen, nicht aber das, was von der Mutter Natur dir angeboren ist, wird umgewandelt. Wolltest du aber auch vorgeben, daß diese jenes mit deiner besondern Eigenthümlichkeit so eng verflochten habe, so halte ich dies Vorgeben in der That für einen nichtigen Einwurf gegen das Gesagte.
8. Hast du dir einmal die Namen: gut, bescheiden, wahrhaft, verständig, gleichmüthig, hochherzig erworben, fo habe Acht, daß du nie die entgegengesetzten Bezeichnungen verdienst, und solltest du diese Namen je verlieren, fo eigne sie dir ungesäumt wieder an. Bedenke aber, daß das Wort klug bedeutet, Alles sorgfältig und genau zu prüfen, „gleichmüthig" willig das anzunehmen, was dir von der Allnatur zugetheilt wird, edelmüthig bedeutet die Erhebung deines denkenden Theiles über jede leise oder unsanfte Erregung des Fleisches, sowie über den nichtigen Ruhm, den Tod und alles Andere der Art. Wenn du dich nun im Besitz jener Ehrennamen behauptest, ohne jedoch darnach zu verlangen, daß Andere dich nach ihnen benennen, so wirst du ein ganz anderer Mensch werden und ein ganz anderes Leben beginnen. Denn immer noch so zu bleiben, wie du bisher gewesen bist, und in einem solchen Leben dich herumzerren und verunglimpfen zu lassen, wäre die Art eines Menschen, der ganz stumpfsinnig am Leben hinge, gleich jenen halbzerfleischten Thierkämpfern, welche, mit Wunden und Eiter bedeckt, dennoch auf den morgenden Tag aufbehalten zu werden flehen, obgleich sie doch denselben Nägeln und Bissen in gleichem Zustand vorgeworfen werden müssen. Arbeite dich also in den Kreis jener wenigen Namen ein, und wenn du dich in ihrem Besitze behaupten kannst, so bleibe hier, als wärest du gleichsam aus die Inseln der Seligen versetzt. Merkst du aber, daß du aus ihrem Besitze fällst und nicht obsiegst, so ziehe dich mit Muth in irgend einen Winkel zurück, wo du dich behaupten kannst, oder scheide lieber ganz aus diesem Leben, ohne zu zürnen, vielmehr mit geradem, freiem und gelassenem Sinne, nachdem du das Eine in diesem Leben bewerkstelligt hast, so aus ihm zu gehen. Um jedoch jener Namen eingedenk zu bleiben, wird für dich der Gedanke an die Götter sowie daran ein kräftiges Hilfsmittel sein, daß diese von allen vernünftigen Wesen keine Schmeichelei, sondern daß sie ihnen ähnlich werden verlangen und daß, gleichwie nur das ein Feigenbaum ist, was die Bestimmung eines Feigenbaumes, und das nur ein Hund oder eine Biene, was die Bestimmung eines Hundes oder einer Biene erfüllt, so auch der nur ein Mensch sei, der die Thätigkeit eines Menschen zeigt.
9. Mimenspiel, Krieg, Schrecken, Erschlaffung, Knechtssinn können jene heiligen Wahrheiten täglich wieder bei dir auslöschen und die Ideen, welche du dir gebildet, entreißen, wenn du nicht die Natur studirst. Man muß vielmehr Alles so beobachten und betreiben, daß zugleich die praktische Urtheilskraft vervollkommnet und die theoretische Vernunft in Thätigkeit gesetzt und die Zuversicht erhalten werde, die, aus allumfassender Einsicht stammend, zwar geheim, aber doch nicht verborgen bleiben kann. Denn alsdann wirst du deines Geradsinnes, alsdann deiner Würde froh werden und erkennen, was jegliches Ding seinem Wesen nach sei, welche Stelle es in der Welt einnehme, wie lange es seiner Anlage nach fortdauern werde, aus welchen Theilen es bestehe, wem es zufallen, wer es geben und rauben könne.
10. Eine kleine Spinne ist stolz darauf, wenn sie eine Fliege erjagt hat, mancher Mensch, wenn er ein Häschen, ein Anderer, wenn er in seinem Netz einen kleinen Fisch, ein Anderer, wenn er Eber oder Bären, und noch ein Anderer, wenn er Sarmaten fängt. Sind denn aber diese, wenn man dabei die Triebfedern untersucht, nicht insgesammt Räuber?
11. Lerne die Art der Verwandlung aller Dinge in einander wissenschaftlich untersuchen, sei hierauf beständig aufmerksam und übe dich stets in dergleichen Betrachtungen. Denn Nichts macht die Seele größer als dieses. Wer dies besitzt, der hat seinen Leib schon abgestreift, und wenn er bedenkt, daß er in nicht gar langer Zeit dieses Alles verlassen und aus dem Menschenleben scheiden muß, so übergibt er sich in Betreff dessen, was von ihm geleistet wird, ganz allein der Rechtschaffenheit, in Betreff seiner Schicksale aber der Allnatur. Was aber Andere von ihm sagen oder urtheilen oder ihm zuwider thun mögen, das läßt er sich nicht anfechten; denn mit den zwei Punkten, nämlich das Rechte zu thun, was er jetzt zu thun hat, und in Liebe hinzunehmen, was ihm jetzt zugetheilt wird, zufrieden, läßt er alle anderen Geschäfte und Bestrebungen fahren und will Nichts weiter, als auf dem Pfade des Gesetzes in gerader Richtung zum Ziele schreiten und also der Gottheit folgen, die gleichfalls in gerader Richtung ihr Ziel verfolgt.
12. Wozu die Besorglichkeit? Steht es ja Lei dir, zu untersuchen, was im Augenblick zu thun ist und wenn du das einsiehst, wohlwollend und festen Schrittes diesen Weg zu wandeln, fehlt dir aber die Einsicht davon, alsdann stehen zu bleiben und bei den Besten dir Rath zu erholen, sollten sich aber auch noch andere Schwierigkeiten dawider erheben, den vorhandenen Mitteln gemäß mit Ueberlegung und fester Anhänglichkeit an das, was dir als Recht erscheint, vorwärts zu gehen. Dies ist das Beste, was du thun kannst, während es zu verfehlen bedauerlich ist. Ruhig und doch zugleich leicht beweglich, heiter und doch zugleich gesetzt — so ist der Mann, welcher in Allem der Vernunft folgt.
13. Sobald du aus dem Schlaf erwachst, frage dich selbst: betrifft es mich eigentlich, wenn ein Anderer thut was recht und gut ist? Nichts weniger! Hast du's etwa vergessen, was diejenigen, welche sich mit ihren Lobsprüchen und ihrem Tadel über Andere brüsten, auf ihrem Lager oder bei Tische für Leute sind, was sie Alles thun, was sie meiden, wonach sie streben, was sie heimlich oder gewaltsam rauben, nicht mit Händen und Füßen, sondern mit dem kostbarsten Theile ihres Wesens, mit einem Theile, aus dem, wenn Mancher wollte, Treue, Bescheidenheit, Wahrheit, Gerechtigkeit, ein guter Genius hervorgehen könnte?
14. Der gebildete und bescheidene Mensch sagt zu der Alles spendenden und wieder hinnehmenden Natur: gib, was du willst, und nimm, was du willst; doch sagt er dies nicht mit trotzigem Sinne, sondern mit Gehorsam und Gelassenheit.
15. Nur klein noch ist der Rest deines Lebens. Lebe wie auf einem Berge! Es liegt ja Nichts daran, ob Einer hier oder dort, wenn er nur überall in der Welt wie in seiner Vaterstadt lebt. Die Leute sollen in dir einen wahren, der Natur gemäß lebenden Menschen sehen und erkennen. Können sie dich so nicht vertragen, nun so mögen sie dich tödten; denn es ist besser sterben, als leben wie sie.
16. Es kommt nicht darauf an, über die nothwendigen Eigenschaften eines guten Mannes dich zu besprechen — vielmehr ein solcher zu sein.
17. Denke öfters an die Ewigkeit und die ganze Weltmasse und betrachte, daß jedes Einzelwesen, mit dem All verglichen, als ein Feigenkörnchen, und verglichen mit der unendlichen Zeit als ein Augenblick erscheint, in dem man einen Bohrer umdreht.
18. Jedes Sinnenwesen, das du betrachtest, stelle dir als schon in Auflösung, Verwandlung, gleichsam Verwesung oder Zerstreuung begriffen vor; bedenke, daß jedes Ding nur geboren ist, um zu sterben.
19. Was sind die Menschen, die nur essen, schlafen, sich begatten, ausleeren und nur thierische Functionen verrichten? Und was, wenn sie die Herren spielen, stolz einhergehen, sich ungehalten geberden und von ihrer Höhe herab mit Scheltwortsn um sich werfen? Welchen Menschen fröhnten sie noch vor kurzer Zeit und um welchen Lohn? Und nach einer kleinen Weile, was wird aus ihnen werden?
20. Was die Allnatur Jedem zuträgt, ist ihm zuträglich, und gerade dann zuträglich, wann sie es zuträgt.
21. „Den Regen liebt die Erde, ihn liebt auch der hehre Luftkreis." Die Erde liebt zu thun, was geschehen soll. Daher sage ich zur Erde: ich liebe, was du liebst. Jst's so nicht auch eine gewöhnliche Redensart: das Pflegt gerne zu geschehen?
22. Entweder lebst du hier fort, und bist alsdann schon daran gewöhnt, oder du gehst fort von hier, und wolltest dann eben das, oder du stirbst, und dann hast du deine Aufgabe erfüllt. Ein Viertes aber gibt es nicht. Sei also nur gutes Muths!
23. Immer halte dir vor Augen, daß dies Stück Erde auch ein Stück Erde sei, und daß du hier ebendasselbe findest, was Jene, die auf dem Gipfel eines Berges oder am Seegestade, oder wo du sonst willst, leben. Du wirst Plato's Wort bestätigt finden, magst du nun vom Stalle eines Hirten, der auf dem Gebirge seine Heerde melkt, oder von einer Stadtmauer umschlossen sein.
24. Was ist das Herrschende in mir? und was mache ich jetzt selbst aus ihm? oder wozu bediene ich mich jetzt seiner? ist es einsichtsleer? oder von der Gemeinschaft getrennt und abgerissen? oder so an das elende bischen Fleisch gekettet und mit ihm verschmolzen, daß es alle seine Bewegungen theilen muß?
25. Wer seinem Herrn entläuft, der ist ein Ausreißer. Ein Herr ist auch das Gesetz, wer also dawider handelt, ist ein Ausreißer. So auch, wer sich betrübt, mit seinem Schicksal unzufrieden ist, fürchtet. Dmu er will nicht, daß geschehen sei oder geschehen soll, was doch der Allgebieter, das Gesetz, angeordnet hat, der für Jeden festsetzt, was ihm zukommt. Mithin ist der Furchtsame, Niedergeschlagene oder Aufgebrachte ein Ausreißer.
26. Wenn man dem Mutterschooße den Samen vertraut hat, geht man davon; nachher nimmt eine andere wirkende Kraft ihn auf, verarbeitet ihn und vollendet die Bildung des Kindes. Welch ein Wesen aus welch kleinem Anfang! Wieder schluckt die Mutter durch den Schlund Speise nieder, nachher nimmt diese eine andere wirkende Kraft auf und bereitet daraus Empfindung, Trieb und überhaupt Leben und Stärke und wer weiß, wie viele und welcherlei Dinge sonst! O wunderbare Wirkung der Natur! Betrachte nun diese so verborgenen Wirkungen und lerne die hierbei thätige Kraft kennen, wie wir auch die Kraft, vermöge der die Körper sich senken oder in die Höhe fahren, zwar nicht mit Augen, aber doch nicht minder anschaulich erkennen.
27. Erwäge beständig, daß Alles, wie es jetzt ist, auch ehemals war, und daß es immer so sein werde. Stelle dir alle die gleichartigen Schauspiele und Austritte, welche du aus deiner eigenen Erfahrung oder aus der Geschichte kennst, vor Augen, z. B. den ganzen Hof Hadrians, den ganzen Hof Antonins, den ganzen Hof Philipps, Alexanders, des Krösus. Ueberall dasselbe Schauspiel, nur von anderen Personen aufgeführt!
28. Ein Mensch, der irgend worüber Trauer oder Unwillen empfindet, verfährt etwa wie ein Schwein, das an der Schlachtbank ausschlägt und ein Geschrei erhebt. Von ähnlicher Art ist auch der, welcher auf seinem einsamen Lager in der Stille unser menschliches Verhängniß beseufzt. Denke doch daran, daß es dem vernünftigen Wesen allein verliehen worden ist, dem, was geschieht, freiwillig zu folgen, schlechthin aber sich darein zu schicken, ist für Alle eine Nothwendigkeit.
29. Bei der Prüfung jedes einzelnen Gegenstandes, womit du zu thun hast, frage dich selbst: ist der Tod etwas Schreckliches, weil er dich dieses Dinges beraubt?
30. So oft du am Fehltritt eines Andern Anstoß nimmst, geh sogleich in dein Inneres zurück und überlege, welchen ähnlichen Fehler du begehst, indem du zum Beispiel Geld, Sinnenlust oder eiteln Ruhm und dergleichen für ein Gut hältst. Denn sobald du dies erwägst, wirst du deinen Zorn lasten, zumal, wenn es dir dabei noch einfällt, daß jener gezwungen wird, also zu handeln. D,enn was kann er thun? Kannst du's aber, so befreie ihn von dem, was Gewalt über ihn hat.
31. Siehst du Satyrio, den Sokratiker, so stelle dir den Eutyches oder Hymenes vor; stehst du den Euphrates, so denke an Eutychio oder Silvanus und auch an Alciphron und Tropäophorus und bei Xenophons Anblick falle dir Kriton oder Severus ein, und indem du auf dich selbst zurückschaust, so stelle dir einen andern Kaiser vor, du findest immer etwas Aehnliches. Dann stelle dir zugleich die Frage: wo sind nun Jene? Nirgends, oder wer weiß, wo? Denn auf diese Art wird dir alles Menschliche stets nur als ein Rauch, als ein wahres Nichts erscheinen, zumal, wenn du dich zugleich daran erinnerst, daß, was sich einmal verwandelt hat, in der unendlichen Zeit nicht mehr sein werde. Wie lange also du noch? Aber warum genügt es dir nicht, diese kurze Lebenszeit geziemend hinzubringen? Warum versäumst du Zeit und Gelegenheit? Denn alle diese Gegenstände um dich her, was sind sie anders, als Uebungsmittel für die Vernunft, welche Alles im Leben mit gründlichem Naturforscherblick ansieht? Verweile also bei ihnen, bis du sie dir völlig zu eigen gemacht hast, gleichwie ein starker Magen sich gewohnt, alles zu verdauen, oder wie ein loderndes Feuer aus Allem, was man hineinwirft, Flamme und Strahlenglut bildet.
32. Niemand müsse mit Wahrheit von dir sagen können, daß du nicht lauter, daß du nicht rechtschaffen seiest; vielmehr sei der ein Lügner, welcher also von dir urtheilen wollte. Das Alles hangt nur von dir ab. Denn wer will dich hindern, rechtschaffen und geradsinnig zu sein? Fasse nur den Entschluß, nicht länger zu leben, ohne ein solcher Mann zu werden. Billigt es ja auch die Vernunft keineswegs, wenn du das nicht bist.
33. Was kann man bei dieser Gelegenheit am treffendsten thun oder sagen? Es sei, was es wolle, so steht es ja bei dir, es zu thun oder zu sagen. Gib demnach nicht vor, als werdest du daran verhindert! Du wirst nicht eher aufhören zu seufzen, bis dein Gefühl dir sagt, daß, was für den Wollüstling die Schwelgerei, für dich eine Thätigkeit sei, die bei jeder dargebotenen und einfallenden Gelegenheit der menschlichen Natureinrichtung gemäß handelt. Denn eben als einen Genuß mußt du Alles auffassen, was du deiner eigenen Natur gemäß wirken kannst. Und dies ist überall in deiner Macht. Der Walze freilich ist es nicht gegeben, nach eigener Triebkraft sich in jeder Richtung zu bewegen, eben so wenig dem Wasser oder dem Feuer oder dem Uebrigen, was unter der Leitung der Naturgesetze oder eines Vernunftlosen Bewegungsprincips steht; denn hier treten viele Hindernisse ein. Geist und Vernunft aber vermögen kraft ihrer natürlichen Beschaffenheit und ihres Willens über Alles, was sich ihnen in den Weg legt, hinzuschreiten. Diese Leichtigkeit, mit der die Vernunft so wie das Feuer aufwärts, der Stein niederwärts, die Walze auf schiefer Fläche überall durchzudringen vermag, stelle dir vor Augen, und du wirst Nichts weiter verlangen. Denn alle übrigen Anstöße treffen entweder den Leib als eine todte Masse, oder sie können dich nicht schwächen, noch dir sonst etwas Schlimmes anthun, außer wenn dein Urtheil oder deine Vernunft selbst sich dazu hergibt; sonst müßte ja der, welcher solchen Anstoß erleidet, in demselben Augenblick dadurch schlecht werden, wie dies bei allen übrigen Schöpfungen der Fall ist, daß, wenn dem einen oder dem andern von ihnen ein Uebel zustößt, der leidende Theil dadurch schlechter wird. Hier aber wird im Gegentheil der Mensch, wenn man es sagen soll, noch besser und lobenswerther, wenn er die ihn treffenden Schwierigkeiten recht benutzt. Ueberhaupt aber denke daran, daß dem eingeborenen Bürger Nichts schadet, was dem Staat Nichts schadet, und ebenso wenig dem Staat etwas schadet, was nicht gegen die Gesetze ist. Von diesen sogenannten Unglücksfällen aber schadet keiner dem Gesetz. Was also das Gesetz nicht verletzt, das schadet auch weder dem Staat, noch dem Bürger.
34. Wer von den Grundsätzen der Wahrheit durchdrungen ist, für den ist auch der kürzeste, selbst allbekannte Ausspruch genügend, um ihn an ein getrostes, furchtloses Wesen zu mahnen. Es verwehet der Wind zur Erde die Blätter — — — So der Menschen Geschlecht. Blätter sind auch deine Kindlein; Blätter Alles, was mit der Miene der Wahrheit und mit lauter Stimme Andere lobpreist, oder umgekehrt, verwünscht, oder insgeheim tadelt und verhöhnt, Blätter gleichfalls, was deinen Nachruhm fortpflanzen wird. Die Zeit des Frühlings bringt sie hervor, ein Windstoß wirft sie zu Boden und hierauf treibt der Stamm wieder Anderes an seiner Stelle hervor. Kurze Lebensdauer ist allen Dingen gemein; du aber fliehst sie alle, oder rennst ihnen nach, als ob sie ewig dauern würden. Ueber ein Kleines und auch deine Augen werden sich schließen, und den, welcher dich zu Grabe begleitet, wird bald ein Anderer beweinen.
35. Ein gesundes Auge muß alles Sichtbare sehen, ohne etwa zu sagen: ich mag nur Grünes sehen; denn dies ist das Kennzeichen eines Augenkranken. So müssen auch Gehör und Geruch in ihrem gesunden Zustande für alles Hörbare und Riechbare empfänglich sein. Ebenso muß ein gesunder Magen sich zu allen Nahrungsmitteln gleicher Weise verhalten, wie eine Mühle zu Allem, zu dessen Zermalmung sie eingerichtet ist. Es ist also auch die Pflicht einer gesunden Vernunft, auf alle Begegnisse gefaßt zu sein. Sagt aber Jemand etwa: möchten doch meine Kindlein am Leben bleiben, möchten doch Alle jede meiner Handlungen loben, so ist der dem Auge gleich, welches das Grüne, oder den Zähnen, welche das Mürbe fordern.
36. Niemand ist so glücklich, daß nicht unter denen, die sein Sterbebette umstehen, Einige sein sollten, die sein herannahendes Ende willkommen heißen. War er auch ein trefflicher und weiser Mann, so findet sich doch am Ende noch Jemand, der bei sich selbst sagt: nun werden wir doch vor diesem Zuchtmeister endlich wieder frei aufathmen können. Zwar hat er sich gegen Keinen von uns strenge bewiesen, aber ich hatte doch immer das Gefühl, als verdamme er stillschweigend uns Alle. Das kommt vor beim Tode eines Rechtschaffenen. Wie vieles Andere aber mögen wir noch an uns haben, um dessen willen Mancher unserer los zu werden wünscht? Daran denke in deiner Sterbestunde! und du wirst leichter von hinnen scheiden, wenn du dir dies noch vorstellst: ich soll eine Welt verlassen, aus der selbst meine Genossen, für die ich so viel gekämpft, gebetet und gesorgt habe, mich Hinwegwünschen, indem sie davon eine etwaige Erleichterung hoffen. Warum sollte sich also Einer an ein längeres Verweilen dahier festklammern? Und doch scheide deshalb mit nicht geringerem Wohlwollen gegen sie von hinnen, bleibe vielmehr deiner eigenthümlichen Sinnesart getreu und gegen sie freundlich, wohlgesinnt, mild, dein Abschied geschehe nicht mit Unwillen, als wenn du gewaltsam von ihnen gerissen würdest, sondern, wie die Seele des Seligsterbenden sanft dem Körper sich entwindet, so muß auch dein Scheiden aus ihrem Kreise sein. Denn die Natur hat dich einst an sie geknüpft und gekettet, aber jetzt löst sie das Band wieder auf. So will ich denn von ihnen, wie von meinen Hausgenossen, nicht mit Sträuben, sondern ohne Zwang mich ablösen lassen. Denn auch dies Eine gehört zu den Forderungen der Natur.
37. Gewöhne dich bei jeder Handlung eines Andern daran, soviel als möglich dir die Frage zu beantworten: worauf zielt dieser selbst damit ab? Mache aber bei dir selbst den Anfang, prüfe vor Allem dich selbst!
38. Erinnere dich daran, daß das, was dich wie au unsichtbaren Fäden hin- und herzieht, in deinem Innern verborgen ist. Dort wohnt die Ueberredungskunst, dort das Leben, dort so zu sagen, der eigentliche Mensch. Nie verwechsle mit diesem das dich einschließende Gehäuse und die ihm von allen Seiten angebildeten Werkzeuge. Denn sie sind eine Art von Verband, nur mit dem Unterschied, daß sie ihm angeboren sind. Denn die Körpertheile sind ohne die sie bewegende und wiederum hemmende Kraft nicht mehr nütze, als ein Weberschiff ohne Weber, eine Feder ohne den Schreiber, eine Peitsche ohne den Wagenlenker.
Zum InhaltsverzeichnisElftes Buch
1. Die Eigenschaften der vernünftigen Seele sind: sie beschaut sich selbst, zergliedert sich selbst, bildet sich selbst nach eigenem Gefallen. Die Frucht, die sie trägt, genießt sie selbst, während von den Früchten der Pflanzen und dem Nutzen, den uns die Thiere gewähren, nur Andere dem Genuß haben. Sie erreicht ihr bestimmtes Ziel, wie kurz auch immer das Leben sein mag. Es ist hier nicht etwa, wie bei einem Ballet, einem Schauspiel und dergleichen, wo wegen eines Zwischenfalles die ganze Handlung unvollendet bleibt; vielmehr führt sie, wo und wann auch die Handlung aufhören mag, ihre Aufgabe vollständig und lückenlos zu Ende, so daß sie sagen kann: ich habe das Meinige dahin. Außerdem umwandelt sie die ganze Welt sammt dem diese umgebenden leeren Raum und erforschet die Form derselben; sie breitet sich über die grenzenlose Zeit aus, sie begreift und betrachtet allseitig die periodisch eintretende Wiedergeburt aller Dinge und erkennt daraus, daß unsere Nachkommen nichts Neues schauen werden, so wie diejenigen, die vor uns gewesen sind, auch nichts anderes gesehen haben, als wir sehen, so daß gewissermaßen schon ein vierzigjähriger Mann, wenn er auch nur einigen Geist besitzt, nach dem Gesetze der Gleichförmigkeit in alles Vergangene und Zukünftige einen Einblick hat. Endlich gehört auch das zu den Eigenthümlichkeiten der vernünftigen Seele, daß sie den Nächsten, sowie die Wahrheit und Bescheidenheit liebt, das Naturgesetz erkennt und Nichts höher achtet als sich selbst. So findet mithin zwischen der richtig denkenden und der gerecht wirkenden Vernunft gar kein Unterschied statt.
2. Die Reize eines Gesangs oder eines Ballets und Kampfspiels wirst du gering achten, sobald du zum Beispiel das harmonische Ganze des ersteren in seine einzelnen Töne zerlegst und bei jedem an dich selbst die Frage richtest: ob dich wol dieser hinreißen könne. Dann wirst du das Richtige wol einräumen, und gerade so, wenn du hinsichtlich jeder Bewegung oder Haltung im Ballet und auch beim Anblick eines Kampfspieles ein Gleiches thust. Ueberhaupt nun — die Tugend und das von ihr Stammende ausgenommen, — denke daran, alle Dinge nach ihren Bestandtheilen zu durchgehen und du wirst bei ihrer Zergliederung zu ihrer Geringschätzung gelangen. Davon mache auch auf dein ganzes Leben die Anwendung.
3. O, was für eine Seele ist das, die bereit ist, jeden Augenblick von dem Körper, wenn es so sein soll, sich abzulösen und entweder zu erlöschen oder zu zerstäuben oder mit ihm fortzudauern! Nur muß diese Bereitschaft von der eigenen Ueberzeugung herstammen, nicht aber, wie bei den Christianern, bloßer Eigensinn, sondern mit reiflicher Ueberlegung und Würde verbunden und ohne tragischen Pomp sein, so daß sie auch Andere überzeuge.
4. Habe ich etwas Gemeinnütziges gethan? Nun, da habe ich ja selbst auch Vortheil davon. Diesen Gedanken habe stets vor Augen und höre in keiner Lage aus, so zu thun.
5. Was treibst du für eine Kunst? Die Kunst, ein rechtschaffener Mensch zu sein. Wie gelingt dies aber anders, als vermittelst Heller Einsichten theils in die Einrichtung der Allnatur, theils in die eigenthümliche Beschaffenheit des Menschen.
6. Zuerst wurden die Trauerspiele eingeführt, um es den Zuschauern begreiflich zu machen, daß gewisse Begebenheiten natürlicher Weise so und nicht anders erfolgen können, und daß sie das, was ihnen im Schauspielhause anziehend erscheint, auf der großen Schaubühne der Welt nicht widerwärtig finden dürfen. Sehen sie ja doch, daß Alles nothwendig so kommen mußte, und daß am Ende auch die, welche „Ach Kithäron!" ausriefen, es haben ertragen müssen. Auch werden von den Schauspieldichtern manche nützliche Wahrheiten ausgesprochen, wozu folgende gehören: Werd' ich sammt Kind verlassen von den Göttern, Auch das hat seinen Grund. und in einer andern Stelle: Der Außenwelt muß man nicht zürnen. oder: Ernte das Leben, wie eine fruchtreiche Aehre. und andere Stellen mehr. Nach dem Trauerspiel kam das ältere Lustspiel. Es übte eine sittenrichterliche Freimüthigkeit und wirkte dadurch mit großem Nutzen auf die Entfernung des Eigendünkels, den sie rücksichtslos zur Schall stellte, zu welchem Ende selbst ein Diogenes Manches aus ihr sich zu eigen machte. Die darauf folgende mittlere Komödie, was war sie? und endlich die neue, welche bald in mimische Künsteleien ausartete, in welcher Absicht ist sie wol eingeführt worden? Das sage mir Einer. Zwar ist es unverkennbar, daß auch hier manche nützliche Wahrheit ausgesprochen wird; allein welcher Zweck wird denn eigentlich bei solcher dramatischen Poesie nach ihrer ganzen Anlage beabsichtigt?
7. Wie einleuchtend muß es dir nicht vorkommen, daß keine andere Lebenslage zum Studium der Weisheit so geeignet sei, als diejenige, in der du jetzt gerade dich befindest?
8. Ein Zweig von seinem Nachbarzweige losgehauen ist damit nothwendiger Weise zugleich auch vom ganzen Baumstamme abgehauen. So ist folglich auch ein Mensch, der von einem seiner Mitmenschen sich lossagt, von der ganzen menschlichen Gesellschaft abgefallen. Den Zweig nun haut doch noch eine fremde Hand ab, ein Mensch dagegen trennt durch Haß und Abscheu sich selbst von seinem Nächsten und bedenkt dabei nicht, daß er damit zugleich sich vom ganzen Gemeinwesen losgerissen hat. Doch ist es ein Geschenk Gottes, der die menschliche Gesellschaft zusammenfügte, daß es uns vergönnt ist, wieder mit dem Nachbarzweige zusammenzuwachsen und wiederum ein ergänzender Theil des Ganzen zu werden. Je öfter freilich eine solche Trennung eintritt, desto schwieriger wird auch die Wiedervereinigung und Wiederherstellung des Getrennten. Und überhaupt ist ein Unterschied zwischen einem Zweige, der von Anfang an mit dein ganzen Baume emporwuchs und denselben Trieb zum Wachsthum behielt, und einem andern, der erst abgehauen und dann wieder eingepfropft ward; denn der letztere, was auch die Gärtner sagen mögen, wächst zwar mit seinem Stamme wieder zusammen, schmiegt sich ihm aber doch nicht mehr völlig an.
9. Diejenigen, welche dich hindern wollen, dem Wege der gesunden Vernunft zu folgen, werden doch nicht im Stande sein, dich von pflichtmäßiger Handlungsweise abwendig zu machen; ebensowenig aber laß du dich in deinem Wohlwollen gegen sie stören; vielmehr bleibe gleichmäßig fest in diesen beiden Grundsätzen, nämlich nicht nur in deinen Urtheilen und Handlungen beharrlich zu sein, sondern auch Sanftmuth gegen diejenigen zu zeigen, welche dich daran zu hindern suchen, oder auch sonst deinen Unwillen erregen. Denn auf sie zu zürnen wäre ebenso sehr eine Schwäche, als seiner Handlungsweise untreu zu werden und aus Bestürzung nachzugeben. Denn in beiden Fällen würdest du Reihe und Glied verlassen, dort aus Furcht, hier aus Abneigung gegen deine natürlichen Verwandten und Freunde.
10. Die Natur steht niemals gegen die Kunst zurück, vielmehr sind die Künste Nachähmerinnen der Natur, und wenn dies ist, so dürfte wol die vollkommenste und alles Andere umfassende Natur der künstlerischen Geschicklichkeit nicht nachstehen. Alle Künste aber verfertigen das Unvollkommene zum Behufe des Vollkommenen; und so verfährt auch die Allnatur. Hieraus nimmt auch die Gerechtigkeit ihren Ursprung, aus der alle übrigen Tugenden sich entwickeln; denn so lange wir uns noch mit den gleichgiltigen Dingen zu schaffen machen, oder als leicht verführbare, voreilige und wetterwendische Menschen uns zeigen, wird die Gerechtigkeit von uns nicht beobachtet werden.
11. Die Außendinge, welche du mit Furcht oder Hoffnung suchst oder fliehst, kommen nicht zu dir, vielmehr kommst du gewissermaßen zu ihnen. Bekümmere dich doch also nicht um sie, und auch sie werden dann ruhig bleiben, wo sie sind, und dich wird man sie weder fürchten noch verlangen sehen.
12. Die Seele hat gewissermaßen eine Kugelform: sofern sie sich weder nach irgend einer Seite hin ausdehnt, noch in sich selbst zurückzieht, weder sich verflüchtigt, noch erliegt, wird sie leuchten wie ein Licht und die Wahrheit von Allen: und folglich auch die in ihr selbst befindliche erblicken.
13. Verachtet mich Jemand? Das ist seine Sache. Meine Sache aber ist es, nichts zu thun oder zu sagen, was Verachtung verdient. Haßt er mich, so ist das wieder seine Sache, die meinige dagegen, liebreich und wohlwollend gegen alle Menschen zu sein, und gerade Jenem gegenüber bereit, ihm sein Versehen nachzuweisen, ohne ihn beschimpfen oder meine Nachsicht gegen ihn zur Schau tragen zu wollen, sondern aufrichtig und gutherzig zu sein, wie der große Phocion, wofern dessen Benehmen nicht erheuchelt war. Dein Inneres muß nämlich so beschaffen sein, daß die Götter in dir einen Menschen sehen, dessen Gemüthsstimmung Nichts von Aerger oder Mißmuth blicken läßt. Denn was gäbe es auch wol Uebles für dich, wenn du jedesmal freiwillig das thust, was deiner Natur angemessen ist, und als ein Mensch, dazu bestimmt, das Gemeinwohl aus jede mögliche Weise zu fördern, das annimmst, was die Allnatur gerade jetzt dienlich findet.
14. Leute, die sich gegenseitig verachten, machen sich gerade einander Complimente und die sich unter einander hervorthun wollen, bücken sich gerade vor einander.
15. Wie verderbt und betrügerisch ist der Mensch, der da spricht: ich bin entschlossen, aufrichtig mit dir umzugehen! Wozu das, o Mensch? Es ist unnöthig, das erst zu sagen; es muß auf der Stelle sich zeigen; schon auf deiner Stirne muß diese Versicherung geschrieben stehen. Es muß sogleich aus deinen Augen hervorleuchten, wie der Geliebte im Blicke des Liebenden sogleich Alles lesen kann. Ueberhaupt muß der aufrichtige und gute Mann in seiner Art eben das sein, was der Uebelriechende in der seinigen ist; wer ihm nahe kommt, merkt es sogleich, er mag wollen oder nicht. Eine erkünstelte Aufrichtigkeit dagegen ist wie ein versteckter Dolch. Es gibt nichts Schändlicheres, als Wolfsfreundschaft. Fliehe von ihr so schnell du kannst. Der tugendhafte, aufrichtige und redliche Mann offenbart sich unverkennbar schon in feinen Augen.
16. Die Fähigkeit, ein glückliches Leben zu führen, ist in unserer Seele gegründet, sie darf nur gegen gleichgiltige Dinge sich wirklich auch gleichgiltig verhalten. Und sie wird sich alsdann so verhalten, wenn sie jedes derselben theilweise und im Ganzen betrachtet und sich erinnert, daß kein Ding uns zwingen kann, so oder anders davon zu urtheilen, daß die Gegenstände nicht zu uns kommen, sondern unbeweglich stehen bleiben, vielmehr wir es sind, welche die Vorstellungen von ihnen erzeugen und uns diese gleichsam selbst einprägen, wahrend es uns doch frei steht, dieses Urtheil davon uns nicht zu bilden, oder auch, wenn es sich etwa bei uns eingeschlichen hat, es sogleich wieder auszutilgen. Und einer solchen Vorsichtsmaßregel wird es nur auf kurze Zeit bedürfen, indem unser Leben bald aufhören und dieser Besorgniß ein Ende machen wird. Was hat demnach dieses richtige Verhalten für große Schwierigkeiten? Denn, ist es naturgemäß, so freue dich dessen, und es muß dir leicht sein; ist's aber naturwidrig, so untersuche, was deiner Natur gemäß ist, und strebe dann darnach, auch wenn es dir keinen Ruhm einbringt. Jedem ist es gestattet, sein eigenes Wohl zu suchen.
17. Denke an den Ursprung jedes Dinges, und aus welchen Stoffen es bestehe, und in welche Form es sich umwandle, und was es nach seiner Verwandlung sein wird, und daß ihm durch diese Veränderung kein Uebel widerfahre.
18. Erstens ist zu betrachten: in welchem Verhältniß stehe ich zu den Menschen? Wir Alle sind für einander da, und in einer andern Hinsicht stehe ich an ihrer Spitze, wie der Widder die Schafe führt und der Stier die Rinder. Doch betrachte dies Verhältniß auch aus einem höhern Gesichtspunkte: ist nicht Alles ein Atomengewirr, so ist die Natur Beherrscherin des Alls; in diesem Falle sind niedere Wesen den höheren untergeordnet und letztere einander beigeordnet. Zweitens: wie zeigen sich die Menschen bei Tische, in ihren Zimmern und in den übrigen Lebenslagen? Und besonders, welche Gewalt haben ihre Grundsätze über sie, und mit wie viel Eigendünkel verrichten sie ihre Handlungen? Drittens: Ist ihr Handeln vernünftig, so darfst du nicht unwillig werden, ist es aber nicht vernünftig, so handeln sie offenbar wider Wollen und Wissen. Denn wie jede Seele ungern auf die Wahrheit verzichtet, so auch auf das geziemende Betragen gegen Jedermann. Daher kommt es, daß es die Menschen unerträglich finden, wenn man sie Ungerechte, Undankbare, Eigennützige, mit einem Wort, Uebelthäter an ihrem Nebenmenschen heißt. Viertens: Auch du vergehst dich oft und gehörst also in dieselbe Classe, und wenn du dich auch von gewissen Vergehungen fern hältst, so hast du wenigstens die hierfür wirksame Anlage, obgleich du aus Furcht oder Ehrsucht oder sonst einer schlimmen Neigung solcher Vergehungen dich enthältst. Fünftens: Du kannst es nicht einmal recht wissen, ob Dieser oder Jener sich wirklich vergangen. Denn Vieles geschieht auch vermöge eines Dranges der Umstände, und man muß überhaupt mit manchen Verhältnissen zuvor bekannt sein, um über die Handlungsweise eines Andern ein gegründetes Urtheil abgeben zu können. Sechstens: Wenn du dich auch noch so sehr erzürnst oder grämst, so bedenke, daß das Leben nur eine kleine Weile dauert und daß wir bald Alle im Grabe sein werden. Siebentens: Nicht die Handlungen Anderer beunruhigen uns, denn jene beruhen auf ihren leitenden Grundsätzen, sondern vielmehr unsere Meinungen. Räume also diese wenigstens weg und habe nur den Willen, dein Urtheil über sie, als seien sie etwas Schreckliches, aufzugeben, und dann ist auch dein Zorn verschwunden. Wie soll ich nun aber jene wegräumen? Indem du erwägst, daß keine Beleidigung dich schände. Nur das Laster ist etwas Schändendes. Wäre dem nicht so, dann müßte folgen, daß du dadurch ein Sünder oder Räuber werden könntest, weil es Andere sagen. Achtens: Der Zorn und Kummer, welchen wir durch die Handlungen der Menschen empfinden, sind härter für uns als diese Handlungen selbst, über die wir uns erzürnen und betrüben. Neuntens: Ist dein Wohlwollen wirklich echt, ohne Heuchelei und Gleißnerei, so ist es auch unerschütterlich. Denn was kann dir der boshafte Mensch anhaben, wenn du in Freundlichkeit gegen ihn verharrst, ihn bei passender Gelegenheit sanftmüthig warnst und gerade in dem Augenblick, wo er dir Böses anzuthun versucht, ihn in ruhigem, zurechtweisendem Tone etwa so anredest: „nicht doch, mein Lieber! Wir sind zu etwas Anderem geboren. Mir zwar wirst du damit nicht schaden, dir selbst aber schadest du damit, mein Lieber." Zeige ihm dann in schonendster Weise und mit gutem Bedacht, daß sich dies also verhalte, und daß selbst die Bienen und andere heerdenweise zusammenlebende Thiere nicht so verfahren. Du mußt es aber ohne Spott und Uebermuth thun, vielmehr mit liebevoller Seele und fern von aller Bitterkeit; auch nicht im hofmeisternden Tone oder in der Absicht, das Staunen eines Dritten, der etwa dabeisteht, zu erregen, sondern rede, wenn du ihn allein hast, nicht wenn Andere umherstehen. Dieser neun Hauptvorschriften bleibe eingedenk, als hättest du sie von den (neun) Musen zum Geschenk erhalten, und fange endlich einmal an, Mensch zu sein, so lange du noch zu leben hast. Hüte dich aber eben so sehr davor, auf die Menschen zu zürnen, als ihnen zu schmeicheln. Denn beides gereicht dem Gemeinwesen zum Verderben. Namentlich bei den Aufwallungen des Zornes sei es dir stets gegenwärtig, daß das Aufbrausen noch keine Manneskraft, sondern vielmehr im Gegentheil die Milde und Sanftmuth in eben dem Maße, als sie menschlicher ist, auch größere Mannesstärke bekunde. Nur hier ist Kraft und Nerv und Mannhaftigkeit, nicht aber da, wo man aufgebracht und übellaunig ist. Denn je näher der Leidenschaftslosigkeit, desto näher der Stärke, und wie Betrübniß, so ist auch Zorn die Eigenschaft des Schwachen. Denn in beiden Fällen ist man verwundet und eine Beute des Feindes. Empfange indeß, wenn es dir beliebt, vom Führer der Musen noch ein zehntes Geschenk. Es ist der Gedanke, daß es wahnsinnig sei, zu verlangen, die Bösewichter sollen nicht sündigen; denn das hieße etwas Unmögliches verlangen; zugeben aber, daß sie sich gegen Andere so zeigen, wie sie sind, und zugleich fordern, daß sie sich an deiner Person nicht versündigen sollen, wäre Unbilligkeit und Tyrannei.
19. Hauptsächlich vier Verirrungen sind es, vor denen deine Vernunft sich beständig hüten muß, und denen du, sobald du sie ausgespürt hast, ausweichen sollst, indem du in dem einen Falle so zu ihr sprichst: das ist eine unnöthige Vorstellung; in dem andern so: dies zerreißt das Band der menschlichen Gesellschaft; in dem dritten so: was du jetzt sagen willst, ist nicht die Sprache deines Herzens, es ist aber ganz unstatthaft, anders zu reden, als man denkt. Der vierte Fall ist der, wenn du dir selbst Vorwürfe machen mußt, dies rührt von der Stimme des göttlicheren Theiles deines Wesens her, welcher von deinem Körper, dem unedleren und sterblichen Theile deiner Natur und von dessen grobsinnlichen Lüsten überwältigt und unter dieselben herabgewürdigt ist.
20. Alle geistigen und feurigen Theilchen, welche deinem Wesen beigemischt sind, ungeachtet sie ihrer Natur gemäß nach oben streben, werden jedoch, nm sich in die Ordnung des Weltganzen zu fügen, hier in deinem Körpergewebe festgehalten. Ebenso halt sich alles Erdige und Feuchte in dir, obgleich diese Theile nach unten streben, doch in der Höhe und behauptet in deinem Körper eine seiner Natur nicht zukommende Stelle. So gehorchen demnach auch die Grundstoffe dem Ganzen und bleiben notgedrungen da, wo sie einmal hingestellt worden sind, bis ihnen von dorther wieder das Zeichen zur Auflösung gegeben wird. Ist es nun nicht arg, daß nur der vernünftige Theil deines Wesens ungehorsam und über den ihm angewiesenen Posten ungehalten ist? Und doch wird diesem gerade nichts Gewaltsames auferlegt, sondern das nur, was seiner Natur angemessen ist. Und dennoch läßt er sich's nicht gefallen, sondern neigt sich zum Gegentheil hin; denn jeder Schritt zu Ungerechtigkeiten, Ausschweifungen, Ausbrüchen von Zorn, Schwermuth und Furcht ist nichts Anderes, als ein Abfall von der Natur. Und so oft deine Vernunft über irgend ein Ereigniß mißmutig wird, verläßt sie jedesmal Reih und Glied. Die Seele ist zur Gleichmütigkeit und Gottesfurcht nicht minder, als zur Gerechtigkeit geschaffen; denn auch jene Tugenden sind im Begriff des Gemeingeistes enthalten, ja sie sind sogar noch älter, als rechtliche Handlungen.
21. Wessen Lebensziel nicht stets ein und dasselbe ist, der kann auch selbst nicht sein ganzes Leben hindurch einer und derselbe sein. Doch — das Gesagte ist noch nicht hinreichend, wenn man nicht auch das noch hinzufügt, von welcher Art jenes Ziel eigentlich sein müsse. Denn gleichwie nicht alle Menschen von den Gütern, welche gemeiniglich irgendwie dafür gehalten werden, die gleiche Ansicht hegen, sondern nur von gewissen, das heißt, den allgemein gütigen: so darf man sich auch nur ein solches Ziel setzen, welches von Allen für gut gehalten wird und dem Gemeinwohl entspricht. Denn wer auf dieses Ziel mit allen seinen Kräften hinarbeitet, der wird allen seinen Handlungen Gleichförmigkeit verleihen und insofern stets einer und derselbe bleiben.
22. Denke an die Feldmaus und die Stadtmaus, und wie erschrocken jene hin- und herlief.
23. Socrates nannte die Meinungen der Menge Poltergeister, Schreckgestalten für Kinder.
24. Die Lacedamonier ließen bei ihren Schauspielen die Fremden im Schatten sitzen; sie selbst aber setzten sich an der ersten besten Stelle nieder.
25. Als Perdikkas dem Socrates vorwarf, daß er nicht bei ihm zum Speisen kam, antwortete er: ich mag nicht vor Schimpf und Schande vergehen, weil ich empfangene Wohlthaten nicht wieder vergelten kann.
26. In den Schriften der Ephesier war die Lebensregel aufgezeichnet, daß man sich beständig einen von den Alten, der vollkommen tugendhaft gewesen ist, zum Muster vorhalten solle.
27. Die Pythagoräer lehrten, wir sollen in der Morgenstunde zum Himmel emporschauen, um uns nicht nur jener Wesen, die ihr Werk in ewiger Unveränderlichkeit und aus gleiche Weise treiben, sondern auch ihrer Ordnung, ihrer Reinheit und ihres unverhüllten Zustandes zu erinnern. Denn die Gestirne sind ohne Schleier.
28. Du weißt, daß Socrates ein Fell umgürtete, als Xanthippe in seinem Obergewande ausgegangen war. Und wie richtig waren seine Worte zu seinen Freunden, als sie ihn in diesem Auszuge erblickten und vor Scham zurücktraten!
29. Du kannst nicht im Schreiben und Lesen unterrichten, wenn du es nicht selber kannst; viel weniger lehren, wie man recht leben soll, wenn du es selbst nicht thust.
30. Du bist nur ein Sclave und hast nichts zu reden.
31. — doch innerlich lachte das Herz mir.
32. Lästern werden sie mit harten Worten die Tugend.
33. Im Winter Feigen suchen, wäre Tollheit. Ebenso ist der, welcher sich nach einem Kinde sehnt, wenn ein solches ihm nicht mehr vergönnt wird.
34. „Wenn du dein Kind küssest," sagte Epiktet, „mußt du dir innerlich zurufen: morgen ist es vielleicht todt." Das sind Worte übler Vorbedeutung, wird ihm darauf entgegnet. „Nichts," versetzte er, „ist ein Unglückswort, was eine Wirkung der Natur bezeichnet, sonst wäre auch der Ausdruck:,dje Aehren werden abgemähtem Wort schlimmer Vorbedeutung."
35. Jetzt unreife Traube, bald reif, dann gedörrt — lauter Umwandlungen, doch nicht etwa in ein Nichts, vielmehr in ein Anderssein.
36. Einen Räuber der Willensfreiheit gibt es nicht, ist ein Wort Epiktets.
37. Du mußt, sagt eben derselbe, hinsichtlich deiner Beifallsäußerungen regelrecht verfahren lernen und im Punkte deiner Bestrebungen die Vorsichtsregel beobachten, daß sie au Bedingungen geknüpft sind, sich aufs Gemeinwohl richten und durch den Werth der Dinge bestimmt werden. Der Begierden dagegen mußt du dich ganz und gar enthalten und meiden, was nicht von uns abhängig ist.
38. Der Streit betrifft also, bemerkt derselbe, nicht eine Alltagssache, sondern vielmehr die Frage, ob man wahnsinnig sei oder nicht?
39. „Was wünschet ihr?" fragte Socrates, „vernünftige Seelen zu haben, oder unvernünftige?" Vernünftige. „Was für vernünftige? gesunde oder zerrüttete?" Gesunde. „Warum strebet ihr denn nicht darnach?" Weil wir sie schon haben. „Warum zankt ihr euch denn dann und veruneinigt euch?"
Zum InhaltsverzeichnisZwölftes Buch
1. Alles das, was du nach einiger Zeit zu erlangen wünschest, kannst du jetzt schon haben, wenn du nicht mißgünstig gegen dich selbst bist. Und es wird dir werden, wenn du alles Vergangene bei Seite lässest, das Zukünftige der Vorsehung anheimstellst, und blos das Gegenwärtige der Frömmigkeit und Gerechtigkeit gemäß einrichtest, und zwar der Frömmigkeit gemäß, um mit dem dir zugetheilten Loose zufrieden zu sein; denn die Natur ist es, welche dasselbe für dich und dich für dasselbe bestimmte; der Gerechtigkeit gemäß aber, um freimüthig und ohne Umschweife die Wahrheit zu reden und dein Thun dem Gesetz und Werth der Dinge entsprechend zu gestalten, unbeirrt von fremder Schlechtigkeit, von Vorurtheilen, vorn Gerede Anderer und auch von den Lüsten deines eigenen Fleisches. Denn da mag es sich der Körper selbst zuschreiben, wenn er sich Leiden schafft. Laß denn, ohnedem schon dem Lebensausgang nahe, alles Uebrige dahingestellt, ehre einzig und allein die herrschende Vernunft und das Göttliche in dir, fürchte dich nicht vor dem einstigen Aufhören des Lebens, vielmehr nur davor, daß du ein naturgemäßes Leben noch nicht einmal begonnen hast. Dann erst wirst du ein Mensch sein, würdig der Welt, deiner Erzeugerin, und wirst auch aufhören, in deinem Vaterlande ein Fremdling zu sein, das, was doch alle Tage geschieht, als dein Erwarten übersteigend anzustaunen, noch dein Herz an dieses oder jenes zu hängen.
2. Alle Seelen sieht Gott in ihrer Nacktheit, ohne alle körperliche Hülle, Rinde und Unsauberkeit. Nur durch seinen Geist ist er mit dem in Berührung, was aus ihm selbst in sie übergeflossen und abgeleitet worden ist. Gewöhnst du dich daran, ebenso zu verfahren,, so wirst du eine Menge Sorgen dir aus dem Wege räumen. Denn wer sich nicht viel um das Fleisch kümmert, von dem er umgeben ist, wird sich noch viel weniger um Kleidung, Wohnung, Ehre und allen solchen Schmuck und Pomp ängstigen.
3. Drei Theile sind es, woraus du bestehst: Körper, Lebensgeist, Denkvermögen. Von diesen sind die beiden ersten nur in so weit dein, als du für sie zu sorgen hast; der dritte ist aber in vorzüglichem Sinne dein Eigenthum. Hältst du also von deinem Ich, das heißt von deiner Denkkraft, den Gedanken an Alles fern, was Andere thun oder reden, oder was du selbst gethan oder gesagt hast, Alles, was dich schon im Voraus beunruhigt, Alles, was den dich umgebenden Leib oder den ihm eingepflanzten Lebensgeist angeht und mithin deiner freien Wahl entzogen ist, und durch den ewigen Wirbel der dich umgebenden Außenwelt umgewälzt wird, so daß die Denkkraft in dir dem Einflüsse der Verkettungen des Schicksals entzogen, rein und ungebunden sich selbst lebt, thut, was recht ist, will, was geschieht, und redet, was der Wahrheit entspricht — trennst du, wie gesagt, von dieser herrschenden Vernunft Alles, was durch leidenschaftliche Neigungen angehängt ward und der Zukunft oder der Vergangenheit angehört, bildest du so gleichsam aus dir das, was Empedokles von der Welt sagt: Eine gerundete Kugel der wirbelnden Kreisbahn sich freuend, bist du darauf bedacht, nur die Zeit, welche du lebst, das heißt, die Gegenwart, ganz zu durchleben, so wird es dir möglich sein, den Rest deiner Tage bis zum Tode ruhig, edel und dein Genius in dir hold hinzubringen.
4. Oft habe ich mich darüber gewundert, wie es möglich ist, daß der Mensch, der sich doch mehr liebt, als alle Anderen, dennoch seinem eigenen Urtheile über sich geringeren Werth beilegt, als dem Urtheile Anderer. Wenn demnach ein Gott oder ein verständiger Lehrer zu Jemandem hintreten und ihm befehlen würde, Nichts bei sich selbst zu denken und zu beschließen, ohne es zugleich, sobald er sich dessen bewußt geworden, herauszusagen, so würde er das nicht einmal einen einzigen Tag aushalten können. Es ist also wahr, daß wir fremdes Urtheil über uns mehr scheuen, als unser eigenes.
5. Wie die Götter, welche doch sonst Alles so schön und menschenfreundlich eingerichtet haben, das Eine übersehen konnten, daß die wenigen vorzüglich wackeren Menschen, welche im innigsten Verkehre mit der Gottheit standen und durch fromme Werke und heiligen Dienst ihre Vertrauten geworden waren, doch, nachdem sie einmal gestorben sind, nicht wieder ins Dasein zurückkehren, sondern ganz und gar verschwunden sind? Wenn dem aber wirklich so ist, so sei überzeugt, daß, wenn es anders hätte sein sollen, sie es auch wol anders eingerichtet haben würden. Denn, wenn es recht wäre, so würde es auch möglich gewesen sein, und wenn naturgemäß, so würde es auch die Natur mit sich gebracht haben. Daraus also, daß dem nicht so ist, mußt du die feste Ueberzeugung schöpfen, es habe nicht so sein sollen. Du siehst selbst, solche Fragen auswerfen das hieße mit Gott rechten, wir würden aber mit den Göttern nicht also streiten, wenn sie nicht wirklich die besten und gerechtesten Wesen wären. Sind sie das aber, so haben sie gewiß bei der Welteinrichtung Nichts ungerechter und unbesonnener Weise übersehen und außer Acht gelassen.
6. Gewöhne dich auch an Dinge, an deren Ausführbarkeit du Anfangs verzweifelst. Faßt ja auch die linke Hand, obgleich sie aus Mangel an Uebung gewöhnlich schwächer ist, dennoch den Zügel kräftiger, als die rechte; denn hierzu wird sie beständig gebraucht.
7. Denke, in welcher Beschaffenheit des Leibes und der Seele dich der Tod antreffen wird, sowie au die Kürze des Lebens, an den unermeßlichen Zeitraum hinter dir und vor dir, an die Gebrechlichkeit alles Stoffes.
8. Entkleidet von ihrer Umhüllung betrachte die Grundeigenschaften der Dinge, sowie die Zwecke der Handlungen. Erwäge, was Unlust, was Lust, was Tod, was Ruhm sei und wie man sich seine Unruhe selbst verursacht, wie Niemand von einem Andern gehindert werden könne, und daß Alles auf die Vorstellung ankomme.
9. Bei Anwendung deiner Grundsätze mußt du dem Ringer, nicht dem Zweikämpfer ähnlich sein. Dieser nämlich wird niedergestochen, sobald er sein Schwert verliert, jenem aber steht sein Arm immer zu Gebot und er hat weiter nichts nöthig, als ihn recht zu gebrauchen.
10. Prüfe die Beschaffenheit der Dinge in der Welt und unterscheide an ihnen die Stoffe, die wirkende Kraft, und den Zweck.
11. Welche Gewalt hat doch der Mensch! Er hat es in seiner Macht, Nichts zu thun, als was den Beifall der Gottheit zur Folge hat, und Alles hinzunehmen, was ihm die Gottheit zutheilt.
12. In Ansehung dessen, was eine Folge des Naturlaufs ist, soll man weder den Göttern, noch den Menschen Vorwürfe machen; denn jene versehen sich weder willkürlich, noch unwillkürlich, diese fehlen auch nicht willkürlich; daher soll man Niemandem Vorwürfe machen.
13. Es hieße lächerlich und ein Fremdling in der Welt sein, wenn man über irgend ein Ereigniß in seinem Leben staunen wollte.
14. Entweder herrscht ein unvermeidlich nothwendiges Schicksal und eine unverletzbare Ordnung der Dinge, oder eine versöhnliche Vorsehung, oder ein verworrenes, blindes Ungefähr. Herrscht nun eine unveränderliche Nothwendigkeit, warum sträubst du dich dagegen? Herrscht aber eine Vorsehung, welche sich versöhnen läßt, so mache dich des göttlichen Beistands würdig. Herrscht endlich ein blinder Zufall, so erfreue dich an dem Gedanken, daß du mitten in solch einem Wogensturm in dir selbst an der Vernunft eine Lenkerin habest. Und wenn dich auch die Strömung ergreift, so mag sie das bischen Fleisch und Lebensgeist und alles Andere mit sich fortreißen, kann sie ja doch die Vernunft nicht wegnehmen.
15. Das Licht einer Lampe scheint, bis es erlischt; nicht eher verliert es seinen Schimmer; in dir aber sollte die Liebe zur Wahrheit und Gerechtigkeit und Besonnenheit früher erlöschen?
16. Hast du von Jemand die Meinung, daß er gefehlt habe, so frage dich: Bin ich sicher, daß es wirklich ein Fehler sei? Aber, gesetzt auch, er habe gefehlt, hat er sich damit nicht selbst gestraft und so gleichsam sein eigenes Angesicht zerfleischt? Ueberhaupt, wer verlangt, daß der Lasterhafte nicht fehlen soll, kommt mir vor, wie Einer, der nicht will, daß der Feigenbaum Saft in den Feigen erzeuge, daß die Kinder weinen, daß das Pferd wiehere und dergleichen von Natur nothwendige Dinge mehr. Denn was soll der thun, der nun einmal die Anlage zu so Etwas hat? Rotte sie ihm aus, wenn du die Fähigkeit hierzu in dir fühlst.
17. Was nicht pflichtgemäß ist, das thue nicht, was nicht wahr ist, sage nicht; denn deine Willensrichtung ist ganz von dir abhängig.
18. Unterlaß nie zu untersuchen, was jenes gerade sei, das in dir eine Vorstellung erzeugt, indem du daran die Grundkraft, den Stoff, den Zweck, die Zeit, innerhalb welcher es wieder aufhören muß, unterscheidest.
19. Empfinde es doch endlich, daß du etwas Besseres und Göttlicheres in dir habest, als das, was die Leidenschaften erregt und dich hin- und herzerrt, wie der Draht die Marionetten. Denn was ist deine Seele? Besteht sie aus Furcht, oder Argwohn, oder Begierde, oder etwas Anderem der Art?
20. Für's Erste handele nicht aufs Gerathewohl, nicht ohne Zweck, zum Andern, richte deine Endabsicht auf nichts Anderes, als auf das Gemeinwohl.
21. Noch eine kleine Weile — und dann wirst du selbst nicht mehr sein, noch Etwas von, den Dingen, die du jetzt siehst, noch von den Menschen, die jetzt leben. Denn Alles ist von Natur zur Umwandlung, zur Veränderung und zum Untergang bestimmt, damit Anderes an seine Stelle rücke.
22. Alles ist Meinung und diese hängt ganz von dir ab. Räume also, wann du willst, die Meinung aus dem Wege, und gleich dem Seefahrer, der eine Klippe umschifft hat, wirst du unter Windesstille aus ruhiger See in den sicheren Hafen einfahren.
23. Jegliche Thätigkeit, die zur bestimmten Zeit ihr Ende erreicht, leidet durch das Aufhören keinen Schaden. Ebensowenig erleidet der, welcher sich hierbei thätig erwiesen hat, durch diese Beendigung einen Nachtheil. Folglich leidet der Inbegriff aller Thätigkeitsäußerungen, die wir das Leben s nennen, durch eben diese Endschaft keinen Nachtheil, und s so ist auch der, welcher zu seiner Zeit diese Reihe geschlossen hat, hierdurch in keine schlimme Lage versetzt worden, denn jene Zeit und diese Lebensgrenze weist die Natur an und zwar zuweilen, wenn sie erst im Greisenalter eintritt, zugleich die eigene Natur des Menschen, jedesmal aber jene Allnatur; denn durch Umwandlung ihrer Theile wird das ganze Weltgebäude stets verjüngt und wieder in volle Blüte versetzt. Alles aber, was dem Ganzen zuträglich, ist jederzeit auch schön und zeitig. Das Aufhören des Lebens ist also für Niemand nachtheilig, zumal da es auch, weil von unserer Willkür unabhängig und dem Gemeinwohl nicht zuwider, Niemanden Schande macht, vielmehr ist dasselbe ein Gut, insofern es für die ganze Welt, die auf solche Weise erneuert wird, nützlich und zuträglich ist. So ist auch der ein von Gott Geführter, der sich von Gott aus dessen Wegen und mit seiner Gesinnung zu gleichen Zielen führen läßt.
24. Folgende drei Grundsätze müssen dir immer bei der Hand sein: erstens nämlich in Ansehung dessen, was du thust, nie ohne Grund noch anders zu verfahren, als die Gerechtigkeit selbst verfahren haben würde; in Ansehung dessen aber, was dir von Außen zustößt, zu bedenken, daß es entweder von einem Zufall oder von einer Vorsehung herrührt, den Zufall aber muß man weder anklagen, noch sich über die Vorsehung beschweren. Zweitens, bei jedem Wesen darauf zu achten, wie es von seiner Empfängniß an bis zu seiner Beseelung und von seiner Beseelung an bis zu seiner Entseelung beschaffen sei, desgleichen aus welcherlei Bestandtheilen es bestehe, und in welche es wieder zerfallen werde. Drittens, daß, wenn du, plötzlich über die Erde emporgerückt, von oben herab auf die Menschenwelt herniederschauen, den großen, vielgestaltigen Wechsel in derselben wahrnehmen und zugleich den ganzen Umkreis luftiger und ätherischer Wesen mit einem Blicke übersehen könntest, daß du dennoch, sage ich, so oft du emporgerückt würdest, immer wieder dasselbe, nämlich Alles gleichförmig und kurzdauernd finden müßtest. Und hieraus dürftest du stolz sein?
25. Mach' dich nur von den Vorurtheilen los, und du bist gerettet. Wer hindert dich aber, dich davon los zu machen?
26. Beklagst du dich über irgend Etwas, so hast du vergessen, daß Alles sich der Allnatur gemäß ereigne, und daß fremde Vergehungen dich nicht anfechten sollen; ferner vergessen, daß Alles, was geschieht, immer so geschehen sei, immer so geschehen werde und überall jetzt so geschehe; vergessen, welch innige Verwandtschaft zwischen dem einzelnen Menschen und dem ganzen Menschengeschlecht bestehe; denn hier findet nicht sowol eine Gemeinschaft von Blut oder Samen, als vielmehr Theilhaftigkeit einerlei Geistes statt. Du hast aber auch das vergessen, daß der denkende Geist eines Jeden gleichsam ein Gott und ein Ausfluß der Gottheit sei; vergessen, daß Niemand etwas ihm ausschließlich Eigenes besitze, sondern sein Kind sowol, als sein Leib und selbst seine Seele aus jener Quelle ihm zugekommen sei; vergessen endlich, daß Jeder nur den gegenwärtigen Augenblick lebe und folglich auch nur diesen verliere.
27. Rufe dir immerfort diejenigen wieder ins Andenken zurück, die sich über irgend Etwas z. B. über widrige Zufälle und Feindseligkeiten gar zu sehr betrübt, oder die durch die größten Ehrenstellen, oder durch andere Glücksumstände großes Aufsehen erregt haben. Dann frage dich: wo ist jetzt das Alles? Rauch ist's und Asche, ein Märchen, oder auch nicht einmal mehr eine Märe. Vergegenwärtige dir auch so vieles Andere der Art, z. B., was Fabius Catullinus auf seinem Landgut, Lusius Lupus in seinen Gärten, Stertinius in Bajä, Tiberius auf Caprea, Rufus in Velia getrieben haben und überhaupt Alle, die von Leidenschaften besessen waren. Bedenke, wie geringfügig jeder Gegenstand ihrer Bestrebungen gewesen, und wie viel philosophischer es wäre, sich bei jeder dargebotenen Gelegenheit als gerecht, besonnen, den Göttern folgsam, ohne Gleißnerei zu zeigen. Denn der Hochmuth, der sich mit scheinbarer Demuth brüstet, ist der allerunerträglichste.
28. Fragt man dich, wo du denn die Götter, welche du so hoch verehrest, gesehen, und woraus du ihr Dasein erkannt habest, so antworte: sie sind erstens schon für das leibliche Auge sichtbar; zweitens habe ich auch meine eigene Seele nicht gesehen und ehre sie dennoch. Gerade so halte ich es auch mit den Göttern. Aus den von allen Seiten mir gebotenen Proben ihrer Macht schließe ich auf ihr Dasein und verehre sie.
29. Bei jedem Gegenstände zusehen, was er im Ganzen, was er nach seinem Stoffe, was weiter nach seiner Wirkungskraft sei, von ganzer Seele das Rechte thun und das Wahre reden: darauf beruht die Glückseligkeit des Lebens. Reihest du dergestalt Gutes an Gutes, ohne den mindesten Zwischenraum zu lassen, was Anderes ist dann die Folge hiervon, als froher Lebensgenuß?
30. Es gibt nur ein Sonnenlicht, obgleich es durch Wände, Gebirge und andere Dinge bis ins Unendliche zertheilt wird. Ebenso gibt es nur ein gemeinsames Grundwesen, wenn es auch in tausend eigenthümliche Körperbildungen sich spaltet, — nur eine Seele, wenn sie auch unter zahllose Naturwesen von eigenthümlichen Begrenzungen vertheilt wird; einen denkenden Geist, obgleich auch er zertheilt scheint. Nun sind zwar einige Theile der genannten Gegenstände, wie die Lebensgeister und die ihnen untergebenen Körper, ohne Empfindung für einander und ohne wechselseitige Zuneigung, und doch hält auch sie der vernünftige Weltgeist und das Gesetz der Schwere zusammen. Nur die denkende Menschenseele hat einen eigenthümlichen Zug zu dem ihr Verwandten, tritt mit ihm in Verbindung und nie wird dieser Trieb zur Gemeinschaft gebrochen.
31. Was wünschest du? länger zu leben? d. h. zu empfinden? dich zu bewegen? zu wachsen? wiederum stille zu stehen? deine Stimme zu gebrauchen? nachzudenken? Was von Allem diesem scheint dir so wünschenswerth? Ist aber Eines wie das Andere geringfügig, so wende dich dem letzten Ziele zu, dem Gehorsam gegen die Vernunft und gegen die Gottheit. Der Verehrung von diesen widerspricht es jedoch, wenn man sich von dem Gedanken gedrückt fühlt, durch den Tod der erstgenannten Dinge beraubt zu werden.
32. Welch kleines Theilchen der unendlichen und unermeßlichen Zeit ist jedem von uns zugemessen und wie plötzlich wird es wieder von der Ewigkeit verschlungen! Was für ein winziges Theilchen ist der Mensch im Verhältniß zum ' Weltganzen, welch kleines Theilchen von der ganzen Weltseele! Wie klein ist endlich das Erdklümpchen, auf dem du umherkriechst! Dies Alles bedenke, und halte dann Nichts für groß, als das: zu thun, wie deine Natur dich leitet, und zu leiden, wie die Allnatur es mit sich bringt.
33. Welchen Gebrauch macht die herrschende Vernunft von sich selbst? Hierauf kommt Alles an. Das Uebrige aber, mag es von deiner Willkür abhängen oder nicht, ist nur Todtenstaub und Dunst.
34. Das kann uns am meisten zur Todesverachtung anspornen, daß selbst diejenigen, welche Sinnenlust für ein Gut und den Schmerz für ein Uebel erklärten, dennoch alles das verachtet haben.
35. Wer das, was die Zeit schickt, für gut hält, wem es gleichgiltig ist, ob er eine größere oder kleinere Zahl vernunftgemäßer Handlungen auszuweisen habe, wer zwischen einer länger oder kürzer dauernden Betrachtung der Welt keinen Unterschied macht, der sieht dem -Tod nicht mit Schrecken ins Angesicht.
36. O Mensch, du bist in dieser großen Stadt Bürger gewesen, was liegt daran, ob fünf oder dreißig Jahre? Was den Gesetzen gemäß ist, ist für Niemand hart. Was hat es denn Schreckliches, wenn du nicht durch einen Tyrannen, nicht durch einen ungerechten Richter, nein, durch eben die Natur, die dich in diesen Staat eingeführt hat, wieder hinausgesendet wirst? Es ist nichts anderes, als wenn ein Schauspieler durch denselben Prätor, der ihn angestellt hatte, wieder entlassen wird. — „Aber ich habe nicht fünf Acte gespielt, sondern erst drei?' — Wohl gesprochen; doch im Leben sind drei Acte schon ein ganzes Stück. Denn den Schluß bestimmt derjenige, welcher einst das Gesammtspiel einrichtete und es heute auflöst; weder das Eine noch das Andere hängt von dir ab. So scheide denn freundlich von hier, auch er, der dich entläßt, ist freundlich.
Zum Inhaltsverzeichnis