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Kapitel 5 · Lesestation 6 von 7

Werte, Freiheit und die Perspektive des Schöpfers

Genau an diesem Punkt verlassen wir eigentlich die Frage nach Odysseus und kommen zu einer viel fundamentaleren Frage: Gibt es Werte, die dem Menschen tatsächlich innewohnen, oder sind letztlich sämtliche Werte Konstruktionen unseres Bewusstseins, unserer Biografie, unserer Kultur und unserer Umwelt? Denn wenn Ithaka nicht nur für ein Ziel steht, sondern für Familie, Heimat, Zugehörigkeit, Treue, Verantwortung und Identität, dann können wir natürlich fragen, weshalb gerade diese Dinge einen höheren Wert besitzen sollten als Freiheit, Unsterblichkeit, Schönheit, Erkenntnis oder eine vollkommen neue Existenz. Nur weil Odysseus sie als wertvoll empfindet, sind sie noch lange keine objektiven Werte des Universums.

Genau an diesem Punkt verlassen wir eigentlich die Frage nach Odysseus und kommen zu einer viel fundamentaleren Frage: Gibt es Werte, die dem Menschen tatsächlich innewohnen, oder sind letztlich sämtliche Werte Konstruktionen unseres Bewusstseins, unserer Biografie, unserer Kultur und unserer Umwelt? Denn wenn Ithaka nicht nur für ein Ziel steht, sondern für Familie, Heimat, Zugehörigkeit, Treue, Verantwortung und Identität, dann können wir natürlich fragen, weshalb gerade diese Dinge einen höheren Wert besitzen sollten als Freiheit, Unsterblichkeit, Schönheit, Erkenntnis oder eine vollkommen neue Existenz. Nur weil Odysseus sie als wertvoll empfindet, sind sie noch lange keine objektiven Werte des Universums.

Zunächst spricht tatsächlich sehr viel dafür, dass ein erheblicher Teil dessen, was wir Werte nennen, programmiert oder zumindest geprägt ist. Wir werden in eine bestimmte Familie, Kultur, Zeit und Gesellschaft hineingeboren und übernehmen zunächst deren Kategorien. Wir lernen, was als Erfolg gilt, was Treue bedeutet, welche Verpflichtungen wir gegenüber unserer Familie haben, was Heimat bedeutet, welche Formen von Beziehungen richtig erscheinen und sogar, welche Lebensziele erstrebenswert sein sollen. Ein Mensch, der vor dreitausend Jahren in einer griechischen Adelsgesellschaft lebte, konnte gar nicht dasselbe Wertesystem besitzen wie ein Mensch im heutigen Berlin oder Tokio. Schon das zeigt, dass zumindest viele Werte nicht einfach als unveränderliche Wahrheiten irgendwo außerhalb von uns existieren.

Allerdings würde ich noch einen Schritt unterscheiden. Dass etwas geprägt wurde, bedeutet nicht automatisch, dass es beliebig ist. Hinter kulturellen Werten können tiefere menschliche Bedürfnisse liegen. „Familie“ ist kulturell sehr unterschiedlich definiert, aber Bindung ist biologisch tief in uns verankert. „Heimat“ kann ein kulturelles Konzept sein, während Vertrautheit, Sicherheit und Zugehörigkeit sehr grundlegende menschliche Erfahrungen darstellen. Treue ist eine moralische Kategorie, aber Vertrauen und Verlässlichkeit ermöglichen stabile Beziehungen und Kooperation. Wir können also möglicherweise die konkrete Form eines Wertes umprogrammieren, während darunter etwas liegt, das wesentlich tiefer in unserer menschlichen Existenz verankert ist.

Doch die eigentliche Frage geht noch weiter. Was geschieht, wenn wir auch diese Ebene überschreiten? Stellen wir uns tatsächlich vor, wir wären Gott. Nicht im religiösen Sinne einer bestimmten Gottesvorstellung, sondern als Gedankenexperiment: vollkommen frei, unsterblich, unbegrenzt schöpferisch, unabhängig von materiellen Zwängen und in der Lage, nahezu jeden Zustand herzustellen, den wir wollen. Welche unserer heutigen Werte würden unter diesen Bedingungen überhaupt noch Bedeutung besitzen?

Geld würde seinen Wert augenblicklich verlieren. Wenn ich alles erschaffen kann, brauche ich kein Tauschmittel. Besitz würde weitgehend bedeutungslos, weil Knappheit verschwunden wäre. Status würde seinen Sinn verlieren, denn ein allmächtiges Wesen muss niemandem seine Bedeutung beweisen. Sicherheit wäre kein Wert mehr, weil nichts mich existenziell bedrohen könnte. Karriere wäre bedeutungslos. Macht im gewöhnlichen menschlichen Sinne ebenfalls, denn ich müsste keine Macht mehr erwerben. Selbst viele unserer heutigen Vorstellungen von Erfolg würden zusammenbrechen, weil Erfolg normalerweise bedeutet, unter begrenzten Bedingungen etwas zu erreichen, das vorher nicht selbstverständlich verfügbar war.

Und jetzt passiert etwas Faszinierendes: Je mehr äußere Begrenzungen wir aus diesem Gedankenexperiment entfernen, desto weniger Werte bleiben übrig. Dadurch können wir vielleicht erkennen, welche Werte nur Mittel zu anderen Zwecken waren. Geld war dann niemals der eigentliche Wert. Es ermöglichte Freiheit, Sicherheit, Gestaltung oder Erfahrung. Status war möglicherweise niemals der eigentliche Wert. Er vermittelte Anerkennung oder Zugehörigkeit. Besitz war möglicherweise niemals der Wert. Er ermöglichte bestimmte Zustände und Erfahrungen. Wenn Gott all diese Mittel nicht benötigt, verschwinden sie aus seinem Wertesystem.

Aber einige Dinge verschwinden erstaunlicherweise nicht so einfach. Erfahrung beispielsweise. Ein allmächtiges Bewusstsein könnte weiterhin erfahren wollen. Schöpfung ebenfalls. Gerade weil alles möglich wäre, könnte das Hervorbringen von etwas Neuem überhaupt erst interessant werden. Beziehung könnte weiterhin einen Wert besitzen, allerdings nur dann, wenn das Gegenüber eine tatsächliche Eigenständigkeit besitzt. Denn eine vollständig kontrollierte Beziehung wäre letztlich nur eine Beziehung mit mir selbst. Auch Erkenntnis könnte einen Wert behalten, sofern selbst ein göttliches Bewusstsein sich durch seine eigenen Schöpfungen auf neue Weise erfahren kann. Und schließlich könnte etwas wie Liebe übrig bleiben – nicht als gesellschaftliche Verpflichtung und nicht als romantisches Konzept, sondern als freiwillige Verbindung zwischen voneinander unterscheidbaren Formen des Bewusstseins.

Damit kommen wir zu einem interessanten möglichen Kern: Wenn wir sämtliche Werte entfernen, die aus Angst, Mangel, Überleben, gesellschaftlicher Anerkennung und äußerer Programmierung entstehen, könnten am Ende vielleicht nur sehr wenige grundlegende Werte verbleiben: Erfahrung, Schöpfung, Erkenntnis, Verbindung und Freiheit. Und möglicherweise lassen sich sogar diese noch weiter reduzieren.

Denn warum wollen wir erschaffen? Um etwas zu erfahren. Warum wollen wir erkennen? Erkenntnis ist eine Form von Erfahrung. Warum wollen wir Beziehungen? Weil durch ein Gegenüber Erfahrungen möglich werden, die ein vollkommen isoliertes Bewusstsein nicht machen könnte. Warum wollen wir Freiheit? Weil Freiheit den Raum möglicher Erfahrungen erweitert. Dann könnte man spekulativ sagen: Vielleicht bleibt ganz am Ende nur Bewusstsein, das sich selbst erfahren will.

Und plötzlich bekommt auch Odysseus wieder eine andere Bedeutung. Vielleicht ist Ithaka gar nicht deshalb wertvoll, weil Familie, Heimat und Treue objektive kosmische Werte wären. Vielleicht sind sie wertvoll, weil Odysseus sich durch sie erfahren kann. Er kann Ehemann sein, Vater, Sohn, König, Heimkehrer, Kämpfer, Erbauer und Liebender. Seine Begrenzungen machen diese Erfahrungen überhaupt erst möglich. Ein unsterblicher Odysseus bei Kalypso hätte vollkommen andere Erfahrungen gemacht. Nicht notwendigerweise schlechtere. Vielleicht sogar unvorstellbar größere. Aber eben andere.

Und damit bekommt die Sterblichkeit eine merkwürdige Bedeutung. Wenn wir tatsächlich unbegrenzt wären, könnte gerade die Begrenzung interessant werden. Ein Spiel, bei dem man nicht verlieren kann, verliert irgendwann einen wesentlichen Teil seiner Spannung. Eine Entscheidung, die jederzeit folgenlos rückgängig gemacht werden kann, besitzt weniger Gewicht. Ein Augenblick, der unendlich oft wiederholt werden kann, unterscheidet sich von einem Augenblick, von dem wir wissen, dass er vergeht. Vielleicht ist Endlichkeit deshalb nicht lediglich ein Defekt menschlicher Existenz. Vielleicht erzeugt sie überhaupt erst bestimmte Formen von Bedeutung.

Damit gelangen wir zu einem erstaunlichen Gedanken: Vielleicht würde Gott freiwillig Begrenzungen erschaffen. Wenn ein vollkommen unbegrenztes Bewusstsein alles kann, alles besitzt und alles weiß, dann gibt es für dieses Bewusstsein möglicherweise nichts mehr zu gewinnen. Also müsste es etwas erschaffen, das es noch nicht unmittelbar besitzt: Perspektive. Begrenzung. Überraschung. Begegnung. Entwicklung. Vielleicht müsste es sogar zeitweise vergessen, dass es Gott ist, damit eine Erfahrung wirklich werden kann.

Und dann würde aus unserem Gedankenexperiment plötzlich eine uralte metaphysische Vorstellung: Ein unbegrenztes Bewusstsein erschafft begrenzte Wesen, tritt in seine eigene Schöpfung ein und erfährt sich aus unzähligen Perspektiven selbst. Nicht weil ihm etwas fehlt, sondern weil Möglichkeit erst durch Erfahrung Wirklichkeit wird.

Unter dieser Voraussetzung würden Werte eine vollkommen neue Bedeutung bekommen. Dann wären sie möglicherweise weder ewige Gebote noch bloße gesellschaftliche Programmierungen. Sie wären Spielregeln, die bestimmte Erfahrungen ermöglichen. Treue ermöglicht eine andere Erfahrung als völlige Ungebundenheit. Familie ermöglicht eine andere Erfahrung als absolute Individualität. Heimat ermöglicht eine andere Erfahrung als ewige Wanderschaft. Sterblichkeit ermöglicht eine andere Erfahrung als Unsterblichkeit. Keine dieser Erfahrungen müsste kosmisch „richtiger“ sein als die andere.

Und damit verändert sich auch die Frage nach dem Umprogrammieren von Werten. Natürlich können wir unsere Werte überprüfen und verändern. Aber die entscheidende Frage wäre dann nicht mehr: „Welche Werte sind objektiv richtig?“ Sie könnte vielmehr lauten: „Welche Erfahrung möchte ich durch meine Werte ermöglichen?“ Wenn ich Treue wähle, erschaffe ich eine bestimmte Wirklichkeit. Wenn ich Freiheit wähle, erschaffe ich eine andere. Wenn ich Familie wähle, entstehen bestimmte Erfahrungen. Wenn ich Unabhängigkeit wähle, entstehen andere. Werte wären dann nicht mehr Gefängnisse, denen wir gehorchen müssen, sondern bewusste Entscheidungen darüber, welche Art von Mensch und welche Art von Welt wir erfahren und erschaffen wollen.

Und genau an dieser Stelle würde die Gottesfrage landen. Wenn ich Gott wäre und tatsächlich alles tun könnte, würde ich vermutlich nicht versuchen, sämtliche Werte abzuschaffen. Denn dann bliebe eine vollkommen unterschiedslose Unendlichkeit, in der jede Möglichkeit gleichzeitig vorhanden und deshalb keine besonders bedeutsam wäre. Ich würde Werte erschaffen und sie anschließend freiwillig ernst nehmen. Nicht weil irgendeine äußere Instanz sie mir vorgeschrieben hätte, sondern weil erst durch diese freiwillige Selbstbegrenzung eine konkrete Erfahrung entstehen kann.

Vielleicht wäre dann die höchste Form von Freiheit paradoxerweise nicht, keine Grenzen zu besitzen, sondern die Fähigkeit, die eigenen Grenzen bewusst wählen zu können. Und damit bekommt Ithaka noch einmal eine vollkommen andere Bedeutung. Ithaka muss kein objektiver Wert sein. Es muss nicht das Ziel aller Menschen sein. Es muss nicht einmal für Odysseus für alle Ewigkeit das richtige Ziel bleiben. Ithaka könnte schlicht die Begrenzung sein, für die er sich entscheidet, weil innerhalb dieser Begrenzung genau das Leben möglich wird, das er erfahren möchte. Kalypso bietet ihm die Überschreitung eines großen Teils dieser Begrenzungen an. Und vielleicht besteht seine eigentliche Entscheidung deshalb weder zwischen Paradies und Heimat noch zwischen Versuchung und Pflicht. Vielleicht entscheidet er zwischen zwei vollkommen verschiedenen Formen des Seins.

Dann können wir tatsächlich nicht mehr sagen, welche Entscheidung „richtig“ gewesen wäre. Wir können lediglich fragen, welcher Odysseus durch die jeweilige Entscheidung entstanden wäre. Und möglicherweise ist genau das auch für uns die interessantere Frage. Nicht: Welche Werte wurden mir gegeben? Nicht einmal nur: Welche davon möchte ich behalten? Sondern: Wer werde ich, wenn ich diese Werte wähle? Welche Wirklichkeit erschaffe ich dadurch, und welche Erfahrung meines eigenen Seins wird dadurch überhaupt erst möglich?

Vielleicht beginnt wirkliche Selbstbestimmung genau dort: wenn wir unsere Werte nicht mehr ausschließlich erben, ihnen aber auch nicht einfach deshalb den Wert absprechen, weil sie geprägt wurden, sondern sie bewusst noch einmal wählen. Dann ist Zugehörigkeit nicht mehr deshalb wertvoll, weil man uns beigebracht hat, dass sie wertvoll sein müsse. Sie ist wertvoll, wenn wir sie aus Freiheit wählen. Und vielleicht ist das der entscheidende Unterschied zwischen Programmierung und Schöpfung: Das eine übernimmt einen Wert unbewusst. Das andere erkennt ihn, hinterfragt ihn und entscheidet sich anschließend bewusst dafür – oder erschafft einen neuen.

Die Frage dieser Station

Welche deiner Werte wählst du heute bewusst – jenseits von Angst, Mangel und Gewohnheit?

In der persönlichen Quest beantworten →
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