Wenn wir uns streng anschauen, was Homer tatsächlich erzählt, gibt es einen entscheidenden Befund: Homer liefert uns keinen belastbaren Hinweis darauf, dass Odysseus bei Kalypso nach Annahme ihres Angebots lediglich eine Art abhängiger, machtloser Gefährte oder „Haustier eines Gottes“ geworden wäre. Gleichzeitig liefert er uns aber auch keinen Hinweis darauf, dass Odysseus durch die Unsterblichkeit selbst zu einem vollwertigen Gott mit eigener göttlicher Macht geworden wäre. Genau diese Unbestimmtheit macht die Sache so interessant.
Im fünften Gesang sagt Kalypso ausdrücklich, dass sie Odysseus unsterblich und alterslos machen wollte. Später sagt sie ihm selbst, wenn er bei ihr bliebe und mit ihr dort lebte, würde er unsterblich sein. Homer spricht also tatsächlich von Unsterblichkeit und Alterslosigkeit. Von einer Übertragung göttlicher Macht, Herrschaft oder besonderer übernatürlicher Fähigkeiten ist dagegen keine Rede. Das ist ein wichtiger Unterschied. Unsterblichkeit macht in der griechischen Vorstellungswelt einen Menschen nicht automatisch zu Zeus oder Apollon. Aus Homers Text können wir deshalb nicht ableiten, dass Odysseus anschließend als Gott über irgendwelche Bereiche der Welt hätte verfügen können.
Aber jetzt kommt die andere Seite, und die ist für diesen Gedanken mindestens ebenso wichtig: Homer sagt genauso wenig, dass Odysseus bei Kalypso ein bedeutungsloses oder vollständig fremdbestimmtes Leben geführt hätte. Kalypso spricht davon, dass er bei ihr bleiben und mit ihr das Haus bewohnen solle. Sie bezeichnet ihre Verbindung gegenüber Hermes sogar als die Verbindung einer Göttin mit einem sterblichen Mann und beklagt ausdrücklich die Doppelmoral der männlichen Götter, die Göttinnen solche Beziehungen missgönnten. Sie stellt Odysseus also nicht als Diener dar, sondern als ihren Gefährten und Geliebten.
Und jetzt wird es wirklich spannend, denn es gibt gleichzeitig einen Textbefund, der unsere romantische Vorstellung vom frei gewählten Paradies erheblich verändert: Odysseus befindet sich zu dem Zeitpunkt, an dem wir ihn bei Kalypso kennenlernen, nicht freiwillig dort. Athene sagt vor der Götterversammlung ausdrücklich, Kalypso halte ihn gegen seinen Willen fest. Odysseus könne nicht fort, weil ihm Schiff und Mannschaft fehlen. Homer zeigt ihn regelmäßig am Strand sitzend, weinend und auf das Meer hinausschauend.
Das heißt: Die sieben Jahre dürfen wir nicht einfach als sieben Jahre interpretieren, in denen Odysseus sich nicht entscheiden konnte, ob er das Paradies verlassen möchte. Er konnte es nicht verlassen. Erst Zeus entscheidet, dass er freikommen soll, und schickt Hermes zu Kalypso. Und Kalypso reagiert darauf keineswegs begeistert, sondern empört. Erst auf den ausdrücklichen Befehl des Zeus lässt sie ihn ziehen.
Damit haben wir eigentlich drei verschiedene Ebenen, die wir auseinanderhalten müssen. Auf der ersten Ebene steht der reale Odysseus innerhalb der Erzählung. Dieser Odysseus hat seine Entscheidung längst getroffen: Er will nach Hause. Homer lässt daran kaum einen Zweifel. Selbst nachdem Kalypso ihn freigeben muss, macht sie ihm das Angebot noch einmal ausdrücklich. Sie sagt sinngemäß: Wenn du wüsstest, welches Leid dir noch bevorsteht, würdest du hierbleiben, mit mir leben und unsterblich werden. Und Odysseus antwortet etwas Bemerkenswertes. Er bestreitet überhaupt nicht, dass ihr Angebot objektiv außergewöhnlich ist. Er sagt sogar, dass Penelope hinsichtlich Schönheit und Erscheinung einer unsterblichen Göttin selbstverständlich unterlegen sei. Trotzdem wolle er jeden Tag nach Hause zurückkehren. Selbst wenn ihn auf dem Meer wieder ein Gott treffe, werde er es ertragen.
Er entscheidet sich also mit offenen Augen. Das ist wichtig. Homer erzählt nicht von einem Mann, der Kalypso für hässlich hält, ihre Insel verabscheut und deshalb flieht. Odysseus erkennt die Überlegenheit ihres Angebots in bestimmten Kategorien ausdrücklich an – Unsterblichkeit, Jugend, göttliche Schönheit – und sagt trotzdem Nein.
Aber damit kommt die eigentliche Möglichkeit ins Spiel: Was wäre gewesen, wenn Odysseus seine bisherige Identität losgelassen hätte? Was wäre gewesen, wenn er nicht mehr gesagt hätte: „Ich bin Odysseus, König von Ithaka, Ehemann Penelopes, Vater des Telemachos, und deshalb muss ich zurück“, sondern: „Das war mein bisheriges Leben. Dieses Leben hat mich hierhergeführt. Jetzt eröffnet sich mir eine Möglichkeit, die kein sterblicher Mensch normalerweise jemals erhält. Also erschaffe ich von hier aus ein neues Leben“?
Homer beantwortet diese Frage nicht. Und deshalb lässt sich Kalypso nicht vorschnell als das größte Monster der Odyssee festschreiben. Das wäre zu einfach. Sie kann als größte Versuchung gelesen werden. Sie kann als Gefängnis gelesen werden, weil Odysseus zunächst nicht freiwillig gehen darf. Aber sie kann zugleich etwas vollkommen anderes darstellen: eine radikale alternative Existenz, die Odysseus bewusst ausschlägt.
Und dann wird die Frage nach der „Gottposition“ wirklich interessant. Sie ist zwar im strengen Sinne etwas zu stark formuliert, weil Homer ihm lediglich Unsterblichkeit und Alterslosigkeit verspricht, nicht göttliche Macht. Aber existenziell stimmt der Gedanke trotzdem: Odysseus hätte die gewöhnliche menschliche Ordnung verlassen. Er hätte nicht mehr altern und sterben müssen. Er hätte mit einer Göttin an einem Ort gelebt, den Homer derart paradiesisch beschreibt, dass selbst Hermes beim Anblick stehenbleibt und ihn bewundert.
Das ist keine Kleinigkeit. Odysseus schlägt tatsächlich eine Form der Überschreitung des normalen menschlichen Daseins aus. Und genau deshalb muss auch die schöne Interpretation des Olivenbaumbettes relativiert werden. Ja, das Bett steht für Verwurzelung, gemeinsame Geschichte, Penelope, Heimat und selbst geschaffene Ordnung. Das ist ein starkes Bild. Aber vielleicht dürfen wir daraus nicht rückwirkend schließen, dass Odysseus deshalb „richtig“ entschieden hat. Es zeigt lediglich, wofür er sich entschieden hat.
Er entscheidet sich für das Menschliche. Für Sterblichkeit. Für Alter. Für seine Geschichte. Für seine Frau. Für seinen Sohn. Für sein Haus. Für Verantwortung. Für Konflikt. Für eine konkrete Identität innerhalb einer menschlichen Gemeinschaft. Und er entscheidet sich gegen eine mögliche Existenz außerhalb dieser Ordnung.
Jetzt kommen wir an einen Punkt, der wesentlich interessanter ist als die ursprüngliche These: Vielleicht erzählt Kalypso gar nicht von der Gefahr des Komforts. Vielleicht erzählt sie von der Unmöglichkeit, objektiv festzustellen, welches Leben das „richtige“ ist. Denn nehmen wir die andere Variante ernst. Odysseus hätte sagen können: Ich nehme die Unsterblichkeit an. Ich akzeptiere diese neue Welt. Ich höre auf, mein zukünftiges Leben ausschließlich aus meiner Vergangenheit abzuleiten. Ich werde nicht für alle Ewigkeit der König sein, der unbedingt nach Ithaka zurückkehren muss. Ich bin jetzt hier. Also werde ich herausfinden, was ich hier erschaffen kann.
Dann hätte dieselbe Entscheidung, die eben noch als Aufgabe seines „wahren Weges“ bezeichnet wurde, plötzlich einen vollkommen anderen Namen: Transformation. Und umgekehrt könnte seine Heimkehr dann als Unfähigkeit interpretiert werden, eine alte Identität sterben zu lassen. Das lässt sich aus Homer nicht beweisen. Aber genau das lässt sich eben auch nicht widerlegen.
Vielleicht liegt deshalb die faszinierendste Frage gar nicht darin, ob Odysseus richtig oder falsch entschieden hat. Die interessantere Frage lautet: Wie unterscheiden wir überhaupt zwischen einem inneren Ruf und einer Fixierung auf unsere Vergangenheit? Das ist erheblich schwieriger. Denn beides fühlt sich möglicherweise gleich an. „Ich weiß, wo ich hingehöre“ kann tiefste Selbsterkenntnis sein. Und derselbe Satz kann bedeuten: „Ich bin nicht bereit, jemand anderes zu werden.“ „Ich lasse mich von diesem Paradies nicht von meinem Weg abbringen“ kann unglaubliche innere Klarheit bedeuten. Und es kann bedeuten: „Keine neue Möglichkeit dieser Welt ist groß genug, damit ich meine alte Geschichte infrage stelle.“
Genau deshalb sollte Kalypso offengehalten werden. Wir müssen sie weder zum Monster erklären noch zum verkannten Paradies. Sie ist viel interessanter als beides. Sie ist die Möglichkeit eines vollkommen anderen Lebens, und Homer lässt seinen Helden diese Möglichkeit ablehnen. Und dann lässt sich am Ende vielleicht sogar eine noch radikalere Frage stellen: Was wäre, wenn es manchmal gar kein Ithaka gibt, das wir finden müssen? Was wäre, wenn wir unser Ithaka immer wieder selbst bestimmen und erschaffen?
Dann wäre die entscheidende Fähigkeit nicht, unbeirrbar am ursprünglichen Ziel festzuhalten. Sie wäre auch nicht, jede neue Gelegenheit anzunehmen. Sie wäre die Fähigkeit, an bestimmten Punkten unseres Lebens unsere gesamte bisherige Geschichte für einen Moment beiseitezulegen und uns zu fragen: Wenn ich heute hier erwachen würde, ohne mich meiner alten Pläne verpflichtet zu fühlen – welches Leben würde ich von genau diesem Punkt aus wählen? Und dann könnte Odysseus immer noch sagen: Ithaka. Aber erst dann wäre es eine wirklich neue Entscheidung.